Dichtes Gedränge am Ostseestrand in Zinnowitz. Hunderte Strandmuscheln und Badeurlauber.
Bildrechte: IMAGO

Badesaison Jeder zweite Grundschüler kann nicht richtig schwimmen

Bei den heißen Temperaturen locken Badeseen und Freibäder mit Abkühlung. Eigentlich ein großer Spaß, aber immer wieder passieren tragische Badeunfälle. Woran liegt das, was sind die Gefahren und worauf sollte man achten?

Dichtes Gedränge am Ostseestrand in Zinnowitz. Hunderte Strandmuscheln und Badeurlauber.
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Der Himmel ist blau, die Sonne strahlt und die Temperaturen klettern unaufhaltsam nach oben. Sommerzeit ist Badezeit. Bäche, Seen und Freibäder bieten die perfekte Abkühlung an diesen Tagen. Eigentlich ein riesiges Vergnügen für alle, doch leider kommt es immer wieder zu tragischen Badeunfällen.

3 von 4 Ertrinkenden sind männlich

Insgesamt sind 2017 mindestens 404 Menschen ertrunken. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl zwar niedriger, was laut DLRG (Deutsche Lebensrettungsgesellschaft e.V.) auf das schlechtere Wetter in den Sommermonaten zurück zu führen ist. Nichtsdestotrotz sind es zu viele Opfer, zumal die meisten Badeunfälle vermeidbar wären.

Leichtsinn, Übermut und Unkenntnis über Gefahren spielen eine große Rolle.

Achim Wiese, DLRG

So kann man sich vorallem die hohe Zahl männlicher Ertrinkender erklären, sagt DLRG-Sprecher Achim Wiese. Aber auch Senioren und Kinder überschätzen ihre eigenen Kräfte oft. Hinzukommen Herzprobleme und Diabetes, die eine Gefahr darstellen.

Deutschland - Nichtschwimmerland?

Neben der Selbstüberschätzung der Schwimmer ist eines sehr problematisch - die Schwimmfähigkeit der Menschen in Deutschland geht zurück.

Laut einer Elternumfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa, die im Auftrag der DLRG gemacht wurde, kann mehr als die Hälfte der deutschen Grundschüler nicht richtig schwimmen. Allein 2017 ertranken mindestens 14 Kinder im Grund- und Vorschulalter.

Ein Seepferdchen allein reicht nicht aus, um seine Kinder guten Gewissens ins kühle Nass springen zu lassen. Als sicherer Schwimmer gilt ein Kind nämlich erst, wenn es mindestes das Jugendschwimmabzeichen Bronze erreicht hat, also 200 Meter weit schwimmen kann.

Und auch dann sollte man ein Auge auf seinen Nachwuchs haben. Denn einen in Not geratenen Schwimmer zu erkennen ist nicht leicht, selbst wenn er umringt ist von anderen Badegästen.

Ein stiller Tod

Anders als in Filmen immer dargestellt, rudern die wenigsten in Not geratenen Schwimmer mit den Armen und rufen um Hilfe. Es ist eher so, dass die Menschen lautlos untergehen, weil das Ertrinken in den meisten Fällen etwas mit körperlicher Erschöpfung zu tun hat, der Schwimmer bewusstlos wird oder mit Herzrhythmusstörungen zu kämpfen hat. Weil das Ertrinken meist ein stiller Vorgang ist, kommt Hilfe oft gar nicht oder viel zu spät. Gerade an Badeseen und Stränden, die nicht bewacht sind, ist das eine große Gefahr.

Deshalb ist es enorm wichtig, dass Badegäste ehrlich zu sich selbst und sich über ihre eigene Schwimmfähigkeit bewusst sind. Außerdem sollten sie Erschöpfungsanzeichen dringend ernst nehmen. Darüberhinaus gibt es noch andere Aspekte auf die wir achten sollten, damit der Tag am Baggersee nicht böse endet.

Voller oder leerer Bauch?

Mit vollem Bauch nicht ins Wasser gehen - jeder hat schon einmal von dieser Baderegel gehört. Bei einer Überblicksanalyse des amerikanischen Roten Kreuzes bei Jugendlichen und Erwachsenen konnte allerdings nicht festgestellt werden, dass es einen lebensgefährlichen Einfluss eines vollen Bauches beim Schwimmen gibt.

Die DLRG rät dennoch davon ab, mit vollem Magen ins Wasser zu gehen. Vor allem bei Kindern ist Vorsicht geboten. Die DLRG sieht hier in erster Linie die Gefahr, dass den Kindern schlecht wird, sie sich erbrechen und vielleicht Wasser schlucken. Ein ganz leerer Magen ist aber auch nicht ratsam, denn Schwimmen verbraucht viel Energie und die braucht man, um sich über Wasser zu halten.

Schadet ein Sprung ins kalte Wasser dem Herz?

Ja, bei Menschen mit unerkannten Herzerkrankungen oder bei Kindern kann das wirklich gefährlich sein. Denn bei warmem Wetter fließt Blut vermehrt in Arme und Beine. Doch bei einem Sprung ins kalte Wasser ziehen sich die Blutgefäße plötzlich zusammen und pumpen das Blut ins Herz, was zu Rhythmusstörungen führen kann, erklärt Martin Halle, ärztlicher Direktor des Zentrums für Prävention und Sportmedizin der TU München. Und auch der Kontakt von kaltem Wasser im Gesicht löst Reflexe im Körper aus.

Herzfrequenz und Blutdruck sinken schnell und manchmal sehr stark.

Martin Halle, TU München

Doch in den seltensten Fällen ist so ein Ereignis tödlich.

Sekundäres Ertrinken

Zwei Kinder spielen an einem Strand im Wasser
Bildrechte: imago/Photocase

Doch selbst, wenn Badegäste das kühle Nass im seichten Wasser genießen, können sie davon überrascht werden. Kindern passiert das häufiger - ein Mal kurz nicht aufgepasst und schon schwappt eine etwas größer geratene Welle übers Gesicht. Meist kommen sie mit dem Schreck davon.

Doch gerade junge Eltern machen sich oft sorgen um den Nachwuchs, denn erschreckende Geschichten ranken sich um das sogenannte sekundäre Ertrinken. Dabei sollen Kinder erst Stunden oder Tage nach dem Badeunfall plötzlich gestorben sein.

Kinderärztin Heike Teichler aus Halle hält dieses Phänomen allerdings für einen Mythos, denn normaler Weise haben die Kinder automatisch einen Hustenreiz, der nicht zu unterdrücken ist. Dieser sollte sie von der eingeatmeten Flüssigkeit befreien.

Und nur wenn diese Wassermenge bedenklich ist, kommt es zu allgemeinen Beschwerden, wie Atemnot und Blaufärbung. Bei ganz akuten Sachen kommt der Notarzt und schaut sich das an. Wenn das Kind aber völlig symptomfrei ist, es ihm gut geht, muss man sich keine Sorgen machen, dann gibt es keinen Grund zur Panikmache.

Heike Teichler, Kinderärztin

Sollte das Kind nach dem Badeunfall trotzdem über Schmerzen oder Atemnot klagen, sollte man die Beschwerden von einem Arzt abklären lassen. So zum Beispiel ist es möglich, dass sich durch das Einatmen verunreinigter Wasserpartikel eine Lungenentzündung entwickelt. Trotzdem sieht Kinderärztin Heike Teichler im "normalen" Ertrinken eine viel größere Gefahr als im sogenannten "sekundären". Darum sollten sich die Eltern sorgen und sicherstellen, dass ihr Kind eine gute Schwimmausbildung erhält und es im Auge behalten. Dann wird aus dem Tag am See auch wirklich ein Vergnügen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 12. Juni 2016 | 00:01 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Juni 2018, 15:45 Uhr