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Ahnenforschung 2.0:Ein Stammbaum verbindet 13 Millionen Menschen

Stand: 05. März 2018, 16:37 Uhr

Kirchenbücher wälzen, sich durch Ortschroniken wühlen und verstaubte Register sichten: Die Suche nach den Ahnen bedeutet meistens zeitaufwändige Geduldsarbeit. Allerdings helfen sich heute viele Hobbyforscher mit dem Internet: Auf speziellen Plattformen lassen sich die eigenen Daten hochladen. Auf Basis solcher Daten haben New Yorker Wissenschaftler etwas Faszinierendes geschaffen: Einen Familienstammbaum mit ganzen 13 Millionen Mitgliedern. Kristin Kielon mit den Einzelheiten.

Insgesamt 86 Millionen Profile haben die Forscher analysiert und mathematisch ausgewertet. Das Ergebnis sind mehrere Familienstammbäume - und einer von ihnen fällt durch seine schiere Größe besonders auf: 13 Millionen Verwandte über einen Zeitraum von 500 Jahren in elf Generationen weist die Ahnentafel aus. Die Daten haben sie von der Online-Plattform geni.com, schreiben die New Yorker Forscher in ihrer Publikation. Die Website hilft Hobby-Ahnenforschern dabei, ihre Stammbäume zu ergänzen – mithilfe von anderen Nutzern in einer Art sozialem Netzwerk. Bioinformatiker Yaniv Erlich sagt:

Dank der aufwändigen Arbeit vieler Ahnenforscher, die neugierig auf ihre Familiengeschichte waren, haben wir mit diesen gemeinsamen Daten einen riesigen Familienstammbaum erstellt - und siehe da: Er ist einzigartig! Wir hoffen, dass dieser Datensatz Wissenschaftlern künftig dabei hilft, eine ganze Reihe von Themen zu erforschen.

An dem Riesen-Stammbaum lassen sich den Forschern zufolge die Migrationsbewegungen der Europäer gut nachvollziehen, so wie etwa die Wanderungsbewegungen nach Amerika und die Besiedlung des "wilden Westens". Innerhalb Europas haben sich die Menschen bis ins 19. Jahrhundert in der Regel nicht einmal aus dem eigenen Dorf bewegt, um zu heiraten, stellte Studienautor Yaniv Erlich von der Columbia University fest.

Die meisten unserer Daten stammten aus Europa und Nordamerika. Die Europäer reisten weniger weit, um einen Partner zu finden, als Menschen, die in den USA geboren wurden. Wir haben auch Daten aus Großbritannien analysiert und festgestellt: Die Briten reisten sogar noch weniger als die anderen Europäer.

Yaniv Erlich

Pikante und verblüffende Enthüllungen

Ahnenforschung 2.0 - Familienverästelungen von Generationen und Millionen Menschen Bildrechte: Columbia University

Die Daten zu den Eheschließungen verraten noch ein pikantes Detail über unsere Vorfahren: Bis Mitte des 19. Jahrhunderts waren Hochzeiten zwischen entfernteren Cousins und Cousinen der Normalfall - und das, obwohl das dank der Erfindung der Eisenbahn gar nicht mehr notwendig gewesen wäre. Erst nach 1850 schien sich diese gesellschaftliche Norm zu ändern. Doch auch aus biologischem Forschungsinteresse ist der Riesenstammbaum für die New Yorker Genetiker interessant gewesen, schreibt Erlich:

Wir haben den Stammbaum genutzt, um mehr über die Gene, die für unsere Lebensdauer zuständig sind, zu erfahren und haben herausgefunden, dass die Gene eine kleinere Rolle spielen als bisher angenommen. Sie können das Leben gerade einmal um fünf Jahre verlängern. Das ist nicht viel - zum Vergleich: Frühere Studien haben gezeigt, dass das Rauchen die Lebenserwartung um etwa zehn Jahre senkt.

Yaniv Erlich

Es sind also sehr wahrscheinlich nicht die "guten Gene", die dem Menschen ein langes Leben bescheren, denn den Forschern zufolge sind sie nur zu 16 Prozent dafür verantwortlich, wie alt wir werden. Die Forscher waren vom Ergebnis ihrer Daten-Analyse selbst überrascht. Denn bisher war es mühsam, Stammbäume anzufertigen. Doch die Daten der Bürgerforscher auf der Online-Plattform eröffnen Erlich zufolge neue Möglichkeiten:

Ich denke der interessanteste Teil ist, dass wir die persönlichen Familiengeschichten von Millionen von Ahnenforschern zu wissenschaftlichen Ergebnissen verarbeiten konnten.

Yaniv Erlich

Davon sollen künftig auch andere Wissenschaftler profitieren. Die Daten der New Yorker Forscher stehen auf ihrer Website frei verfügbar zum Herunterladen. Yaniv Erlich beantwortet Fragen auch direkt auf der Plattform reddit.

Ist das Ende der analogen Vorfahrensuche eingeläutet? Bildrechte: IMAGO

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Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL | Radio | 05. März 2018 | 17:20 Uhr