Die Astronauten Alexander Gerst und Serena Auñón-Chancellor üben in blauen Anzügen und mit Schutzbrille an einer Nachbildung von ISS-Technik.
Alexander Gerst mit seiner US-Kollegin Serena Auñón-Chancellor beim Training für den ISS-Aufenthalt. Bildrechte: ESA

Alexander Gerst vor zweitem ISS-Aufenthalt "Die größte Sorge ist, dass noch was dazwischen kommt"

Astronaut Alexander Gerst strahlt bei seinem letzten öffentlichen Auftritt in Europa vor seinem zweiten Flug zur internationalen Raumstation ISS bis über beide Ohren: Im blauen ESA-Trainingsoverall schildert er sieben Wochen vor dem Start die Ziele der Mission "Horizons". Der 41-Jährige wird bei seinem zweiten Aufenthalt auf der ISS als erster Deutscher das Kommando der Raumstation übernehmen.

 Die Astronauten Alexander Gerst und Serena Auñón-Chancellor üben in blauen Anzügen und mit Schutzbrille an einer Nachbildung von ISS-Technik.
Alexander Gerst mit seiner US-Kollegin Serena Auñón-Chancellor beim Training für den ISS-Aufenthalt. Bildrechte: ESA

Wie fühlt sich Alexander Gerst vor dem Start?

Alexander Gerst ist topfit, erklärte der deusche Astronaut am Dienstag in Köln. "Und eigentlich bin ich relativ entspannt". Der 41-Jährige Geophysiker steckt gerade mitten in der Endphase seiner zweijährigen Vorbereitung. Das Training in Houston in den USA ist abgeschlossen, momentan bestreitet Gerst seine letzten Trainings in Köln beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Und dann stehen noch eine ganze Menge Treffen mit Wissenschaftlern an, erzählt er. Denn die müssen den Astronauten für seine Experimente im europäischen Weltraumlabor "Columbus" - dem Forschungsmodul der Europäer in der ISS - vorbereiten. Überhaupt bleibe ihm bei all den Vorbereitungen kaum Zeit für Nervosität, erzählt Gerst.

Alexander Gerst steht im Polohemd in einem Labor und schreibt etwas auf ein Blatt Papier.
Alexander Gerst hat zwei Jahre für die Mission trainiert. Bildrechte: ESA

Raumfahrt ist nur mit einem großen Team möglich. Ich bin nicht allein bei meinem Training für den Raumflug – es gibt hunderte von Leuten an fünf großen Standorten auf der Welt, die Astronauten für ihre Missionen auf der Internationalen Raumstation vorbereiten.

Alexander Gerst, Astronaut

Der Start der Sojus-Rakete ist für den 6. Juni geplant. Die wird Gerst zusammen mit dem Russen Sergej Prokopjew und der US-Astronautin Serena Auñón-Chancellor vom russischen Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan zur internationalen Raumstation bringen. Da der dann 42-Jährige die Kapsel bei seinem zweiten Flug auch mit steuern muss, stehen jetzt auch noch drei Wochen Sojus-Training in Russland auf dem Programm, erzählt er. Und etwa 16 Tage vor dem Start werden die Raumfahrer auf dem Gelände in Kasachstan isoliert und durchlaufen die letzten Checks und Briefings. Und auf der Raumstation? Da wird er wohl auch diesmal wieder den ein oder anderen Fehler machen, manchmal schlecht schlafen oder Heimweh nach dem blauen Planeten bekommen.

Wer begleitet "Astro-Alex" ins All?

Auf einen Begleiter freut sich Gerst ganz besonders: CIMON. Das steht für Crew Interactive Mobile CompanioN, also mobiler, interaktiver Crew-Begleiter. Das von Airbus Friedrichshafen und dem Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum entwickelte Gerät ist eine künstliche Intelligenz, die mit den AstronautInnen interagieren und sie unterstützen soll.

Alexander Gerst wird von einem Computer erkannt.
CIMON, der Anti-Stress Roboter. Bildrechte: Airbus/DLR

Seine Aufgaben: Fragen beantworten, Hintergrundinfos liefern, Videos und Tondateien abspielen, vor Gefahren warnen - und auch für Unterhaltung sorgen. Mit seinem Propellerantrieb kann er sich frei in der Raumstation bewegen. CIMON ist direkt verbunden mit WATSON - der künstlichen Intelligenz von IBM - und gewissermaßen die erste Anwendung dieser Technik.

Aber CIMON ist noch viel mehr als ein Begleiter, der aus einem Science Fiction-Film stammen könnte, erklärt Judith-Irina Buchheim. Die Ärztin vom Uniklinikum München erforscht mithilfe von CIMON auch die Zusammenhänge von Stress und dessen Auswirkungen auf das Immunsystem des Menschen. Zum einen ist der Roboter selbst eine Gegenmaßnahme gegen erhöhte Stresshormonspiegel bei Astronauten, zum anderen ist die Situation in der Schwerelosigkeit vergleichbar mit der von bettlägerigen Patienten auf Intensivstationen, erklärt die Medizinerin. Deshalb wollen die Forscher auch wissen, ob CIMON sich in der Mensch-Maschine-Interaktion bewährt und womöglich auch Ärzten auf der Erde bei der Diagnostik helfen könnte.

Und auch eine alte Bekantne wird "Astro-Alex" bei seinem ISS-Aufenthalt wieder zur Seite stehen: die Maus aus der Sendung mit der Maus. Und dieses Mal darf sogar der kleine blaue Elefant mitfliegen. Auf die Frage, ob er denn noch Tipps gegen die Aufregung vorm Flug für die Maus hat, scherzt Gerst, dass er lieber Tipps von der Maus annimmt - immerhin fliegt die schon zum dritten Mal ins Weltall.

Tatsächlich ist das noch nicht alles, was Gerst dabei hat, erzählt er und kündigt an, dass er während der Mission immer wieder von Dingen berichten werde, die er mitgenommen hat. Was er allerdings schon verraten hat: auch ein Stück Berliner Mauer ist im Gepäck. Außerdem reist auch eine Zeitkapsel mit Botschaften von der Erde mit. Wer keine Botschaft mit ins All geschickt hat, kann trotzdem irgendwie dabei sein. Der Twitter-Astronaut Gerst will nämlich auch wieder fleißig Fotos und Videos machen und sie in den sozialen Netzwerken teilen. Seine mehr als eine Million Follower bei Twitter dürfen sich vor allem auf Bilder von den Experimentalplattformen am Äußeren der ISS freuen, meint der Astronaut. In jedem Fall will er das Privileg im All zu sein wieder teilen. Das ist bei dem vollen Zeitplan der Astronauten gar nicht so leicht: Nur eine Stunde Zeit bleibe ihm etwa pro Tag für solche privaten Angelegenheiten.

Was macht Alexander Gerst auf der ISS?

Bei der Mission wird Alexander Gerst auch an vielen Experimenten teilnehmen - insgesamt sind das in den sechs Monaten im All rund 300 Experimente. Etwa die Hälfte davon wird er neu beginnen, die anderen laufen schon länger und werden von Gerst fortgeführt.

Alexander Gerst hat bei seinem ersten ISS-Aufenthalt seine Hände in einen durchsichtigen Glaskasten gesteckt und steckt darin elektonische Teil zuammen.
Alexander Gerst bei seinem ersten ISS-Aufenthalt im europäischen Weltraumlabor "Columbus". Bildrechte: ESA

Dabei geht es unter anderem um müde Muskeln im All, Gewitterstürme, neue Kameratechnik oder Laborversuche in großer Kälte. Bei den meisten Experimenten kooperieren ESA und DLR mit anderen Forschungsinstituten verschiedener Fachbereiche. Auf seine Arbeit im "Columbus"-Weltraumlabor freut er sich besonders, sagt Gerst, weil man dort "Lücken in der Wissenschaft schließen kann, die man am Boden nicht schließen kann." So bildeten etwa Krebszellen im Weltall Zellklumpen statt flach zu wachsen, wodurch Medikamente viel besser getestet werden können.

Mit dem Projekt "Metabolispace" schickt auch die Technische Universität Dresden eine Forschung ins All: Beim Experiment des Instituts für Luft- und Raumfahrttechnik handelt es sich um ein am Körper tragbares Analysesystem für Körper- und Stoffwechselfunktionen. Es soll die Überwachung und Auswertung des Astronautentrainings auf der ISS in Zukunft deutlich erleichtern und verbessern. Im Gegensatz zu bisherigen Messsystemen kommt "Metabolicspace" ohne hinderlichen Kabelsalat aus - es handelt sich um einen Gurt. Und das ist nicht das einzige Experiment, bei dem Gerst selbst zum "Versuchskaninchen" wird.

Zu den wissenschaftlichen Highlights der Mission gehört der ESA zufolge auch das nur schuhkartongroße 3D-Echtzeitmikroskop "Flumias". Damit lassen sich erstmals dynamische Prozesse im All beobachten. Während die Forscher bisher von einem Fußballspiel nur den Anpfiff und das Ergebnis gesagt bekommen hätten, können sie jetzt das ganze Spiel sehen, erklärt DLR-Projektleiterin Anna Catharina Carstens die wissenschaftliche Bedeutung des neuen Mikroskops.

Zwei Rasperri Pi-Computer aus dem Astro Pi-Wettbewerb der ESA in der ISS.
Bildrechte: ESA

Nun werden zunächst Oliver Ullrich - Professor für Weltraumbiotechnologie an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg - und sein Team die ersten Beobachtungen und technischen Tests machen, sagt Carstens. Sie beobachten das Verhalten menschlicher Immunzellen in der Schwerelosigkeit.

Ein Projekt ist Alexander Gerst besonders wichtig, betont er. Er möchte nämlich das Interesse von Kindern und Jugendlichen an Technik im Allgemeinen und der Raumfahrt im Besonderen wecken. "Ich will kein Superheld sein", sagt der Astronaut, sondern Kinder sollten lieber denken: "Wenn der das kann, kann ich das schon lange." Deshalb ist Gerst auch der Botschafter des diesjährigen "Astro Pi"-Wettbewerbs der ESA. Der soll Kindern das Programmieren näher bringen. Mithilfe von zwei einfachen Rasperry Pi-Minicomputern können Jugendliche so ihre selbst geschriebenen Programme zwei Orbits (etwa drei Stunden) lang in der ISS ablaufen lassen.

Wir haben eine Menge Schüler-Experimente an Bord, da wir möglichst viele junge Leute erreichen wollen. Wir wollen vor allem auch Mädchen dazu inspirieren, die Wissenschaftlerinnen, Ingenieurinnen und Astronautinnen der Zukunft zu werden.

Alexander Gerst, Astronaut

Warum heißt die Mission "Horizons"?

Als der künftige Commander aus Baden-Württemberg 2014 das erste Mal auf der ISS war, hieß seine Mission "Blue Dot". In diesem Jahr trägt sie den Titel "Horizons", erzählt Gerst, weil das Team ganz bewusst den Akzent betonen wollte, dass jetzt der Zeitpunkt sei über die Grenzen der Erde hinauszuschauen und zu fragen: "Was gibt es um uns herum?" Gemeint sind Mond und Mars, nach Gersts-Definition "der siebte und achte Kontinent". Diese müssten gezielt ins Visier rücken. Ein erster Schritt dafür sei mit der geplanten Raumstation "Deep Space Gateway" - heute offiziell "Lunar Orbital Platform-Gateway (LOP-G)" genannt - in Mondnähe bereits gemacht. Die sei zentral für die weitere Exploration des Weltraums. Schon jetzt bereiten die Astronauten sich technisch auf diese Zukunftsvision vor - unter anderem mit dem Test eines "life support rack" - also eines Lebenserhaltungssystems.

Das Logo der Horizons-Mission
Das offizielle Missionslogo Bildrechte: ESA

Mit der Horizons-Mission möchte ich anderen klarmachen, dass es immer eine Chance gibt, über ihren persönlichen Horizont hinauszuwachsen und etwas zu tun, was man nie vorher gewagt hat. Zum ersten Mal Kommandant der ISS zu werden, war etwas, wofür ich sehr viel lernen und hart arbeiten musste. Es kann einem anfangs Angst machen, aber dann wächst man in diese Position hinein. Und am Ende war es leichter, als man zunächst dachte.

Alexander Gerst, Astronaut

Zu den zentralen Zielen der "Horizons"-Mission gehört Gerst zufolge aber noch viel mehr: Er wolle unter anderem auch zu medizinischen Fortschritten beitragen. Bei vielen Experimenten gehe es darum, "den Körper hier unten besser zu verstehen". Der europäischen Raumfahrtagentur ESA zufolge stehen ebenso die Bereiche Umwelt, Klima, Energie, Industrie oder Technologie im Fokus.

Eine Art Roboterarm, der an der Raumstation ISS hängt, vor dem Hintergrund der Erde mit Polarlichtern.
Darauf können sich Astro-Fans freuen: ISS-Außenaufnahmen und den Blick über den Horizont Bildrechte: ESA
 Alexander Gerst in einem weißen Raumanzug der NASA.
Der deutsche Astronaut Alexander Gerst Bildrechte: ESA

Alexander Gerst NAME:
Alexander Gerst

GEBURTSDATUM/-ORT:
3. Mai 1976, Künzelsau, Deutschland

BERUF:
Astronaut, Geophysiker

STUDIUM:
Geophysik und Geowissenschaften

MISSIONEN:
Blue Dot (2014), Horizons (2018)

TAGE IM WELTALL:
165 Tage

AUSSENBORDEINSÄTZE:
1 > 6 Stunden 13 Minuten

HOBBYS:
Bergsteigen, Fallschirmspringen, Snowboarden

Die ganze Pressekonferenz im Video

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Aktuell | 17. April 2018 | 10:55 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. April 2019, 12:55 Uhr