Natürliche Kunststoffe Wärmedämmung mit Salatöl

Plaste aus Erdöl ist zum globalen Müllproblem geworden. Und die Ölreserven gehen außerdem irgendwann zur Neige. Alternative Materialien zum Beispiel aus pflanzlichen Ausgangsstoffen sind die Zukunft. In Halle präsentieren Forscher nun einen Bio-Bauschaum.

von Karsten Möbius

 Forscherin Nicole Eversmann unscharf im Hintergrund. Im Vordergrund sind ein brauner und ein türkiser Block weitgehend aus pflanzlichen Materialien gemachten Bauschäume zu sehen.
Bauschaum und Plastik aus Pflanzenöl - Nocole Eversmann präsentiert eine Alternative zum Plastik aus Erdöl. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Chemische Industrie prägt Mitteldeutschland nach wie vor. In Bitterfeld und Leuna sind die großen, modernen Industrieanlagen nicht zu übersehen, viele Menschen arbeiten hier. Damit das so bleibt, muss die Chemie weg vom Erdöl, muss Materialien finden, die nicht mehr aus Erdöl gemacht werden. Einmal aus Umweltschutzgründen und zweitens, weil dieser Rohstoff endlich ist.

Deshalb arbeiten mehr und mehr Wissenschaftler an dieser Aufgabe. Nicole Eversmann vom Fraunhofer Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen in Halle ist eine von ihnen. An ihrem Arbeitsplatz klopft sie auf ziegelsteingroße Quader aus hartem Bauschaum. Sie bestehen zu 80 Prozent aus Pflanzenölen statt aus Erdöl. Leinöl und Tallöl sind die Hauptbestandteile.

Langfristige Bindung von Kohlenstoffen

Eine junge Frau mit schwarzer Kleidung und roten Haaren.
Forscherin Nicole Eversmann vom Fraunhofer Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen Bildrechte: Karsten Möbius/MDR

Das weniger bekannte Tallöl kommt aus Bäumen und hat auch den Vorteil, dass keine Ackerfläche für Lebensmittelanbau beansprucht wird, erklärt Nicole Eversmann. "Talöl ist ein Nebenprodukt der Zellstoffindustrie, fällt also sowieso an und wird normalerweise verbrannt. Unter anderem muss ja der Zellstoff getrocknet werden in den Zellstoffwerken."

Bauschäume zur Isolation werden in Tonnagen hergestellt und verbraucht. Wenn die aus pflanzlichen Bestandteilen hergestellt werden, dann bleibt für lange Zeit eine Menge Kohlenstoff in dieser Form gebunden und gelangt nicht in die Atmosphäre, fasst Eversmann den ökologischen Effekt zusammen.

Wenn man sich Leinöl anschaut, das ist eine einjährige Pflanze. Das bedeutet, der gebundene Kohlenstoff würde nach einem Jahr der Natur wieder zur Verfügung gestellt werden. Wenn wir aus dem Leinöl einen Kunststoff entwickeln, ist der Kohlenstoff bis zu 50 Jahren gebunden, also 50 Mal so lang.

Produkt für Industrie noch zu teuer

Blöcke mit Bauschaum, Kunststoffrohlinge und Platten, im Projekt Effimat aus pflanzlichen Ausgangsstoffen hergestellt wurden.
Verschiedene im Projekt Effimat hergestellte Kunststoffe. Bildrechte: Karsten Möbius/MDR

Eversmann Projekt heißt "Effimat". In zwei Jahren sollten sie und ihre Kollegen Bauschäume und Fußbodenbeläge aus Pflanzenölen herzustellen, die ähnliche oder gleiche Eigenschaften haben wie die aus Erdöl. Das ist geschafft. 2017 ging das Projekt zu Ende.

Die Baumschäume sind hart und halten mehrere Jahrzehnte, brauchen aber etwas länger zum Aushärten. Das ist nur ein Grund, warum Schäume aus Pflanzenöl noch teurer sind als die aus Erdöl. Aber diese natürlichen Schäume leiden unter dem Problem, das viele neue Produkte haben.

Das Material ist leider noch zu teuer für den Masseneinsatz. Je mehr vom Material eingesetzt wird, desto kostengünstiger wird es. Die Industrie möchte aber zuerst die Kostensenkung, bevor sie es massenweise einsetzt.

Bauschäume sollen biologische Brandhemmer bekommen

Aus dieser vertrackten Konstellation wollen Nicolle Eversmann und ihre Kollegen heraus. Und zwar, indem sie den Bioschaum besser machen als den billigeren Erdölschaum. Erstens wollen sie auch die verbleibenden 20 Prozent Erdölanteile in ihrem Produkt durch natürliche Stoffe ersetzen.

Außerdem arbeiten sie daran, und das ist für solche Schäume nach dem Hochhausbrand in London besonders wichtig, biologische Brandhemmer einzubinden. Und sie wollen die Materialien für Fußbodenbeläge und Wände mit antibakteriellen Eigenschaften versehen. Ein unübersehbarer Vorteil für Krankenhäuser und Großküchen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | im Radio | 17. Januar 2018 | 10:51 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Januar 2018, 18:18 Uhr