Geschichte der mitteldeutschen Chemie-Industrie Warum in Bitterfeld die grösste Kläranlage des Landes steht

Der Chemie-Park Leuna ist nachts ein funkelndes Lichtermeer. Das mitteldeutsche Chemie-Dreieck ist noch größer, auch Zeitz, Schkopau und Bitterfeld-Wolfen gehören dazu. Über ein paar Spezialbegriffe aus der Sprache der Chemiearbeiter.

Total Raffinerie Leuna bei Nacht
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A - wie Abwasser

Wer hat die größte Abwasseranlage in ganz Sachsen-Anhalt? Nicht etwa die Landeshauptstadt Magdeburg, sondern Bitterfeld-Wolfen. Das Gemeinschaftsklärwerk kümmert sich sowohl um das dreckige Wasser aus Einfamilienhäusern als auch aus den Chemie-Fabriken, sagt Klärwerks-Chef Kristian Dietrich.

Gesamtklärwerk Bitterfeld-Wolfen: Die Anlage reinigt sowohl Abwasser aus der Chemieindustrie als auch aus privaten Haushalten.
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Vergleicht man gewöhnliche, kommunale Kläranlagen mit einem Kraftfahrzeug, dann ist unsere Anlage, ich möchte fast sagen, ein Raumschiff, einfach aufgrund ihrer Komplexität, ihrer Leistungsfähigkeit.

Kristian Dietrich, Kläranlage Chemiepark Bitterfeld-Wolfen

Das Raumschiff muss aber auch einiges leisten. Zum Beispiel Abwasser aus der Methylcellulose-Industrie reinigen. Methyl-was fragen Sie jetzt? Um Tapetenkleister geht es. Bei dessen Produktion landet besonders viel Salz im Abwasser. Ein Fall für Abermillionen spezialisierte Bakterien. Und die kümmern sich auch heute noch um verseuchtes Grundwasser aus der Zeit des DDR-Kombinats.

L – wie Läufer

Die Leitwarte im Chemiepark Leuna glaubt man aus Action-Filmen zu kennen. Monitor an Monitor – mit Zahlenkolonnen, Schaltplänen und Meldungen. Von Gaskraftwerk, Dampfnetz oder Wasserversorgung. Die geballte Kompetenz aus Sensoren und Computern, gesteuert von einem Operator. Doch das alles reicht nicht. Ein paar Mitarbeiter sind wie kleine Aufklärungstrupps ständig in den Anlagen unterwegs, erklärt Thomas Räcke von InfraLeuna. Diese Kollegen heißen Läufer.

InfraLeuna liefert Strom, Wasser, Wärme, Kälte und vieles mehr. In der Leitwarte laufen alle Informationen zusammen.
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Der Läufer ist derjenige, der im Kraftwerk den Rundgang durchführt. Der Informationen einholt, die wir hier im Leitstand nicht haben. Der durch die Anlagen geht und bei einer Gasturbine spürt, dass alles richtig funktioniert.

Thomas Räcke, InfraLeuna

Glaubt man kaum, ist aber so. Die Läufer hören, was Sensoren nicht messen können. Ob die Gas-Turbine zum Beispiel wirklich rund läuft.

I – wie Idiotentest

Idiotentest ist natürlich nicht der offizielle Name. Trotzdem nennen ihn in Leuna viele so. Den Test muss jeder Besucher des Chemieparks absolvieren. Egal ob Lastwagenfahrer oder Reporter. Die Prozedur erinnert an fast vergessene Fahrschul-Stunden. Ein Computer zeigt einen kurzen Film – zum Beispiel zum strikten Rauchverbot im gesamten Park. Zur Höchstgeschwindigkeit oder was zu tun ist, wenn die Sirene losgeht. Dann wird der Besucher abgefragt. Und zwar – je nach Bedarf – in bis zu 30 Sprachen.

F – wie Feinde

Anlagen zur Chlor-Alkali-Elektrolyse bei AkzoNobel.
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Man soll ja aus einer Mücke keinen Elefanten machen. Aber aus Sicht eines Folienwerks sind Mücken eben nun mal bedrohliche Elefanten. Denn wenn die Mücke auf der Folie landet, ist es vorbei mit der makellosen, transparenten Fläche.

Deswegen hängen im neuen Werk von DOMO-Chemicals in Leuna überall kleine Kästen mit grell-blauen Leuchtröhren, erklärt Werksleiter Ingo Bräckel: "Das sind Insektenfallen. Und Insekten sind der größte Feind der Folien. Die Einschlüsse führen dazu, dass sie die Folie aussortieren müssen. Deswegen überall diese Insektenfallen, die sie im ganzen Produktionsbereich finden."

P – wie Pelzer

Zu DDR-Zeiten nannten sich die Chemiearbeiter in Leuna selbst "Pelzer" oder Leuna-Pelzer. Der Name ist etwas aus der Mode gekommen. Heute sagen manche Leunese.

Woher der Name Leuna-Pelzer kommt, ist nicht ganz sicher. Eine Geschichte geht so: Der Standort wurde ursprünglich von Arbeitern der BASF aus Ludwigshafen aufgebaut. Für die Anhalter waren das die Pfälzer. Der träge, mitteldeutsche Volksmund machte aus den Pfälzern dann die Pelzer. Die Leuna-Pelzer.

B – wie Biochemie

Anlage in einer Halle bei AkzoNobel.
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Biochemie könnte eines Tages die Alternative werden - zur klassischen Chemie. Statt auf Rohöl setzt Biochemie auf nachwachsende Rohstoffe. Daraus produzieren Abermillionen Bakterien chemische Stoffe. Zum Beispiel Zusätze für Tierfutter oder Zutaten für Kosmetika. Das macht die kleinen Chemiearbeiter so wertvoll, sagt Joachim Schulze von EW Biotech. Dann zeigt er auf einen Gefrierschrank in seinem Labor in Leuna.
"Die schlummern hier bei minus 80 Grad vor sich hin und warten darauf, dass sie aus dem Tiefschlaf geholt werden. Unsere Schatzkammer, wenn Sie so wollen."

Ein Problem zeigt sich bei den kleinen Chemiearbeitern der Zukunft noch: Wo sie am Werk sind, riecht es zuweilen ein bisschen streng.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Februar 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Februar 2018, 16:15 Uhr