09.06.2020 | 16:00 Uhr Nach Angriffen auf Hochleistungsrechner der TU Dresden: Wo ist die Lücke?

Symbolbild Supercomputer
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Seit Mitte Mai sind Sicherheitsvorfälle an mehreren Hoch- und Höchstleistungsrechnern in Deutschland festgestellt worden. Auch der Superrechner "Taurus" der TU Dresden ist davon betroffen. Er wurde vom Netz genommen. Die Sicherheitsbehörden auf Bundes- und Landesebene ermitteln und halten sich bedeckt. "Wegen der noch andauernden Ermittlungen können keine weitergehenden Presseauskünfte erteilt werden", schreibt das BKA.

In der Breite hat es so einen Angriff noch nie gegeben.

Prof. Dr. Wolfgang E. Nagel Professur für Rechnerarchitektur, TU Dresden

"Zum aktuellen Zeitpunkt kann aus kriminaltechnischen Gründen keine Auskunft zu den Hintergründen gegeben werden. Jedoch stellt der breite Angriff auf das nationale wissenschaftliche Hoch- und Höchstleistungsrechnen einen großen Eingriff für das Wissenschaftssystem dar", sagte der Leiter des Zentrums für Informationsdienste und Hochleistungsrechnen (ZIH), Prof. Wolfgang Nagel.

Schaden für die Wissenschaft

Weil die Superrechner mehrere Wochen lang nicht arbeiten konnten, sei großer Schaden für die Wissenschaft und den wissenschaftlichen Fortschritt entstanden. Mittlerweile würden die ersten Systeme langsam wieder hochgefahren, in den kommenden Tagen auch in Dresden. "Für die Nutzer wird das Arbeiten damit zunächst nicht mehr so komfortabel sein, wie sie es kennen", erklärte Wolfgang Nagel. Mit der nationalen Gemeinschaft sei ein vorläufig restriktives Sicherheitskonzept abgestimmt worden.

Die Aufklärung beanspruche viel Arbeit und Zeit, meinte Nagel, der die Sicherheitsüberprüfungen der betroffenen Systeme in den Universitäten bundesweit im Blick hat. Alle betroffenen Systeme in den Organisationen müssten überprüft und neu aufgesetzt werden. Die Forensik, das Bundeskriminalamt und die Forschungseinrichtungen suchen die Schwachstelle in den Systemen. "Es muss irgendwo eine Lücke geben", so Nagel.

Wer oder was steckt hinter den Angriffen?

Dass sich Hacker wegen der Corona-Forschung in die Systeme eingeschleust haben könnten, hält Wolfgang Nagel für sehr unwahrscheinlich. Die ersten Angriffe hätten schon vor der Corona-Zeit begonnen. Jemand habe sich die Root-Rechte beschafft und sei damit "faktisch als Administrator von System zu System gesprungen. Man wollte europaweit auf möglichst viele Systeme zugreifen." Erste Auffälligkeiten hätten Kollegen in Baden-Württemberg gemeldet. Details kann Prof. Nagel wegen der laufenden Ermittlungen nicht nennen.

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) vermutet, dass das Virus, das die Hochleistungsrechner lahm gelegt hat, in Großbritannien eingeschleust wurde und sich wie ein Lauffeuer in weitere europäische Rechenzentren ausbreitete. Laut Köhler ist eine "weit zweistellige Zahl" von Hochleistungsrechnern in der Schweiz, in Italien, Großbritannien und Deutschland betroffen. Und in den USA? Darüber gebe es keine schriftlichen Bestätigungen. Es werde viel spekuliert, meinte Köhler im Gespräch mit MDR SACHSEN.

Wollten Hacker Bitcoins herstellen?

silberne physische Münze Bitcoin auf Leiterplatine
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Die FAZ beruft sich auf Experten, die den Verdacht geäußert hätten, dass Hacker die gekaperten Netze zur Herstellung von Kryptowährung wie Bitcoins nutzten. Bitcoins sind Rechencodes, die einen unfassbaren Energiebedarf haben und immer mehr Rechenleistung verbrauchen. "Wenn man über Bitcoins spekuliert, könnte man das auch unauffälliger bekommen", meint dagegen der Dresdner Experte Nagel.

Wozu haben Hochschulen Hochleistungsrechner? Hochleistungsrechnen wird abgekürzt mit HPC (Englisch für: "High Performance Computing"). Es ist ein komplexes Wissenschaftsgebiet und eine Schlüsseltechnologie.

Viele Fragen in Wissenschaft, Forschung und Technik müssen mit immer umfassenderen und genaueren Modellen beantwortet werden. Das sind Antworten für komplexe Systeme, wie Wettervorhersagen, Klimaentwicklung oder Unfallfolgen-Forschung.

Die Simulation mit Hochleistungsrechnern hat für Wirtschaft und Industrie strategische Bedeutung, denn viele Spitzenprodukte lassen sich nur mit Modellbildung und Hochleistungsrechnen entwerfen.

Quelle: Gauß-Allianz, ein Verein, der das Wissenschaftsthema HPC fördert

Quelle: MDR/kk

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