Ein Mann mit einer Arbeitsschutzbrille. Ein anderer montiert daran eine kleine Kamera.
Bildrechte: MDR/Mario Unger

Cyberanzug Ein Warnsystem für die Gesundheit

Die Fachhochschule Zwickau entwickelt einen Cyberanzug, der uns zukünftig warnen soll, wenn unser Körper zu stark belastet ist. Ausgestattet ist der Anzug mit speziellen Sensoren und einer interaktiven Datenbrille. Ein Anzug, der im Sport, vor allem aber in Jobs, die körperlich anstrengend sind, eingesetzt werden soll.

von Marie-Kristin Landes

Ein Mann mit einer Arbeitsschutzbrille. Ein anderer montiert daran eine kleine Kamera.
Bildrechte: MDR/Mario Unger

Auf den ersten Blick sieht der Cyberanzug der FH Zwickau unscheinbar aus. Ein ganz normales Sportshirt in schwarz, das aus einem besonders atmungsaktiven Stoff besteht. Tatsächlich enthält es jede Menge Hightech. Im Ärmel sind sogenannte Überdehnungssensoren eingenäht, die die Bewegung der Armbeuge aufzeichnen. Ein weiterer Sensor befindet sich in einem versteckten Band, dass die Dehnung des Rückens misst. Hinzu kommt eine hauchdünne Einlegsohle, die den Druck auf den Fuß ermittelt. Werden die so erhobenen Daten anschließend miteinander gekoppelt, können die Wissenschaftler der FH Zwickau eine Aussage darüber treffen, wie stark ein Körper belastet wird. Ausgespielt wird das Ganze über eine interaktive Datenbrille. Sie zeigt mithilfe eines Minicomputers über das Brillenglas ihrem Träger an, wo sich die Problemzone befindet. Klingt futuristisch. "Das ist erst der Anfang", sagt jedoch Rigo Herold, Professor für digitale Systeme.

Warnsystem für die Gesundheit

Der Cyberanzug ist der erste Prototyp, der von dem Forscherteam um Herold entwickelt wurde. Bis 2020 soll der Anzug zusätzlich mit einem Elektrokardiogramm (EKG), einem integrierten Pulsmesser und einem Thermometer, das die Körptertemperatur am Kopf misst, ausgestattet werden. Ein aufwendiges Vorhaben, das von den Arbeitswissenschaftlern der FH als fakultätsübergreifendes Projekt initiiert wurde. Sie wollen mit Hilfe des Anzuges Belastungsinformationen über verschiedene Arbeitsprozesse erheben.

Als Beispiel für die Anwendung des Anzuges nennt Herold, der für die technische Umsetzung zuständig ist, ein Möbelunternehmen. "Man stellt sich vor: Ich muss den ganzen Tag schwere Sachen schleppen. Da muss ich aufpassen, wie schnell ich mich bewege." Der Cyberanzug klärt diese Frage, indem er während der Arbeit die Belastung misst und erkennt, wann ein Mitarbeiter sich überanstregt. "Man kann den Mitarbeiter dann mit einem Arzt zusammen setzen und ihm sagen, dass er zum Beispiel zu schnell Sachen hochhebt", erklärt Herold. Eine Idee, die gut ankommt. Bei der Hannover Messer im April präsentierte die Forschergruppe erstmals den Cyberanzug. Vor allem die Koppelung mit der Datenbrille, welche die Problembereiche ihrem Nutzer sofort visualisiert, wurde positiv bewertet.

Einige Interessenten aus der Industrie seien bereits auf das Team zugekommen. Dabei kann sich Herold den Cyberanzug auch gut im Leistungssport vorstellen. Er könnte dabei helfen, das Training effektiver zu gestalten. Bis dahin müssen aber vor allem die Kabel verschwinden, die bei zu starker Bewegung momentan noch herausrutschen. Geplant ist, dass zukünftig die einzelnen Komponten über Funk kommunizieren. Auch soll die Datenbrille in einer Kappe verschwinden.

Warnsystem vs. Leistungsüberwachung

So wegweisend das Projekt auch ist: Die Technik kann schnell missbraucht werden. Der Cyberanzug zeigt eben nicht nur eine Überbelastung, sondern auch Ruhephasen an. Die Leistung von Mitarbeitern könnte also in Echtzeit von Chefs überwacht werden. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass die Entwicklung kritisch begleitet wird. Herold ist das bewusst. Laut ihm müssen Firmen, mit denen das Team zusammenarbeitet, erst den Betriebsrat und den Datenschutzbeauftragten mit ins Boot holen. "Es sollte klar definiert werden, welche Daten von wem erhoben werden. Und: Wer wertet diese aus? Wer speichert sie?"

Das Ziel des Anzuges ist die Gesundheit von Mitarbeitern zu schützen, nicht die Leistung zu überwachen. Auch wenn die Technik das möglich macht. Trotz dieses Risikos könne sich Herold vorstellen, dass in ferner Zukunft jeder so einen Anzug trägt - ähnlich wie eine Fitnessuhr am Handgelenk. Theoretisch ist es auch möglich, die technischen Elemente des Cyberanzuges unter der Haut zu implantieren. Aber: "Ich denke mal, das könnte ethisch ziemlich kritisch werden", sagt Herold. Für ihn soll es lediglich beim Cyberanzug bleiben – und nicht bei der Entwicklung einer möglichen Cyborg-Technik.

Beteiligte Kooperationspartner: Bei der Entwicklung des Cyberanzugs koopertiert die FH Zwickau mit verschiendenen Partnern. Unter anderen ist die Dresdner Firma Interaktive Minds sowie die Professur für Sportgerätetechnik der TU-Chemnitz beteiligt. Außerdem evaluiert die Professur für Ingenieurpsychologie und die Neurologische Universitätsklinik der TU Dresden die Anwendung der Datenbrille für ALS-Patienten.

Dieses Thema im Programm: MDR Fernsehen "Auf dem Weg zum Cyborg" | 03. August 2017 | 22:35 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Juni 2018, 12:38 Uhr