Visionärer Maler? Das Smartphone auf dem Gemälde von 1937

Ein amerikanischer Ureinwohner mit einem Smartphone: Zu sehen auf einem Gemälde in Springfield im US-Bundesstaat Massachusetts. Fertiggestellt 1937. War der Maler ein Visionär?

von Liane Watzel

Mr. Pynchon and the Settling of Springfield by Umberto Romano Commonwealth of Massachusetts State Office Building, formerly the original Post Office, Springfield, Massachusetts in Gänze und als Ausschnitte
Schauen Sie bitte auf den Mann in der Mitte unten. Was sehen Sie? Bildrechte: David Stansbury/United States Postal Service

"Mr. Pynchon and the Settling of Springfield" – so heißt ein Gemälde in Springfield im US-Bundesstaat Massachussetts, das weltweit für Schmunzeln und Rätselraten sorgte: Das Gemälde von 1937 stellt die Ankunft William Pynchons 1636 in Springfield dar. Pynchon gilt als "Gründervater" der Stadt. Spannender als die Darstellung Pynchons im Zentrum des Bildes ist der vor ihm sitzende Amerikaner: Ein muskelbepackter Mann mit modischem Ziegenbart Typ "goatie" in Selfie-Pose, der hochinteressiert auf ein rechteckiges Objekt starrt, das aussieht wie ein Smartphone.

Telefon-Vision oder Spiegel?

Mr. Pynchon and the Settling of Springfield by Umberto Romano Commonwealth of Massachusetts State Office Building, formerly the original Post Office, Springfield, Massachusetts in Gänze und als Ausschnitte
Hier ein Bildausschnitt aus dem Gemälde von 1937. Bildrechte: David Stansbury/United States Postal Service

War der Maler Umberto Romano, eher bekannt als abstrakter Expressionist, lange vor Steve Jobs, ein Visionär? Was ist das Objekt in der Hand des Amerikaners? Denkbar ist, dass es sich um einen Spiegel – vielleicht ein Teil der Handels- oder Tauschwaren aus den großen Kisten der Europäer - handelt, die man ebenfalls auf dem Bild sieht. Dann hätte der Maler den Moment festgehalten, in dem sich ein Mensch das erste Mal gespiegelt sieht, sagt Historiker Daniel Crow, ein New Yorker, der schon 2015 in einem Essay über den Maler das "intelligente Telefon" auf dem Gemälde erwähnt hatte. Für diese Theorie spricht, dass Spiegel, diese im 17. Jahrhundert neu aus Europa eingeführten Objekte, zu Symbolen von Reichtum und Wohlstand, später Teil der Zeremonien der indigenen Kulturen wurden, wie Dr. Jessica Metcalfe, Angehörige der Turtle Mountain Chippewa aus North Dakota, schreibt.

Oder Buch, oder Axtklinge?

Historiker Crow hält es auch für denkbar, dass es sich bei dem mysteriösen Objekt um eine kleine gedruckte Ausgabe eines später in den USA verbotenene religiösen Buches von Pynchon handelt. US-Anthropologin Margaret Buchac von der Universität Pennsylvania deutet das Bild komplett anders: Ihr zufolge könnte der Mann auf eine Axtklinge in seiner Hand schauen. Das Gemälde an sich hält Buchac für wenig auskunftsträchtig oder realitätsnah: Es enthalte zu viele romantisierende Fantasien über die Vergangenheit und die Zeit der Kolonialisierung durch die Europäer.

Und der Maler?

Maler Umberto Roman hat des Rätsels Lösung mit ins Grab genommen. Er starb bereits 1982, im Alter von 77 Jahren.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL : im Radio | 29.08.2017 | 13:23 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Dezember 2019, 14:23 Uhr