Quantencomputer Googles neuer Superrechner ist offiziell – und IBM 'not amused'

Vor ein paar Wochen ist es bereits durchgesickert und jetzt ganz offiziell: Google hat einen Quantencomputer gebaut – und damit einen Rechner aus der Zukunft. Der soll vor allem Überlegenheit gegenüber normalen Supercomputern demonstrieren.

Sycamore-Chip mit 54 Qubits für Quantencomputer
Bildrechte: Google

Wer immer noch glaubt, Google sei den lieben langen Tag damit beschäftigt, Nutzer zu verfolgen und ihnen passende Werbung vor die Nase zu setzen, hat zwar recht – aber es ist trotzdem nur die halbe Wahrheit: Der kalifornische Technologiekonzert hat unlängst ein neues Computerzeitalter eingeläutet. Oder sagen wir besser: Einen Vorgeschmack darauf gegeben.

Aus 10.000 Jahren mach 200 Sekunden

Bereits vor einigen Wochen war es durchgesickert und ist jetzt durch eine Veröffentlichung im Fachblatt Nature offiziell: Google hat einen Quanten-Computerchip, der heutigen Superrechnern um etwa 10.000 Jahre überlegen ist. Sycamore, so heißt der Prozessor, hätte für eine Rechenaufgabe nur drei Minuten und zwanzig Sekunden gebraucht, die modernsten Supercomputer würden die Berechnung hingegen erst in 10.000 Jahren schaffen. Google möchte damit die Quantum Supremacy – dt. Quantenüberlegenheit – beweisen. So wird der Moment bezeichnet, in dem ein Quantencomputer eine so komplexe Aufgabe löst, die von einem herkömmlichen Computer nicht mehr in absehbarer Zeit bewältigt werden kann.

Mann mit kurzen Haaren, Brille und Bart sowie scharzem aufgeknöpftem Oberteil in einem Labor mit vielen Kabel und Computertechnik
Google-Chef Sundar Pichai präsentiert Quanten-Computertechnik in einem Labor des Konzern. Bildrechte: Google

Herkömmliche Computer rechnen mit Bits und deren binäres System kennt nur zwei Zustände: 0 (Strom aus) oder 1 (Strom an). Ihr Nachfolger sind Qubits und die folgen den Gesetzen der Quantenmachnik. Das führt dazu, dass sie mehrere Zustände zur gleichen Zeit darstellen können. Mit Googles Innovation ist aber noch kein neues Computerzeitalter eröffnet worden, es handelt sich hier eher um einen "Hallo Welt"-Moment. In Fachkreisen heißt das soviel wie: Etwas funktioniert, aber jetzt beginnt die eigentliche Arbeit. Das sagt auch Google-Chef Sundar Pichai:

Es wird viele Jahre dauern, bis wir eine breitere Palette von realen Anwendungen implementieren können.

Sundar Pichai Google

Denn Googles Forschungsszenario war alles andere als "real": Spezielle Bedingungen mit speziellem Aufwand – nicht gerade alltagstauglich. Und auch Kritiker werden laut: IBM, US-Technologieriese und Computer-Urgestein, forscht selbst im Bereich der Quantencomputer und behauptet, dass die die vorgegebene Aufgabe von Supercomputern nicht in 10.000 Jahren, sondern in zweieinhalb Tage hätte gelöst werden können. Außerdem sei das Ziel, Computer zu entwickeln, die Probleme lösen können, die andere Supercomputer gar nicht lösen können. Der Fortschritt sei dennoch beeindruckend.

Weiß scheinender Großcomputer mit Glas und schlichten Formen vor schwarzem Hintergrund
Der IBM Q System One ist so schick, dass man ihn sich fast ins Wohnzimmer stellen möchte – sofern dort genügend Platz ist. Bildrechte: IBM

Erst im September hat IBM angekündigt, einen Quantencomputer nach Deutschland zu bringen und dazu mit der Fraunhofer-Gesellschaft zu kooperieren. Der IBM Q System One sieht zwar schick aus, rechnet aber "nur" mit einer Geschwindigkeit von 20-Qubits, im Fall von Google waren es schon 53-54 Qubits. In den Schatten stellen könnte sie alle das OpenSuperQ-Projekt, mit dem die Europäische Union plant, bis 2021 einen 100-Qubit-Computer zu bauen.

Diese Zahlen erinnern an den Beginn des Computerzeitalters, nur dass damals eben nicht von Qbits, sondern schlicht von Bits die Rede war. Das zeigt auch: Bis wir tausende Qubits am Handgelenk tragen, wird es zwar noch etwas dauern. Aber manchmal geht es eben schneller als man denkt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 23. Oktober 2019 | 20:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2019, 09:48 Uhr

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