Fraunhofer Chemnitz Einzelanfertigung, aber bitte kostengünstig!

Produkte von der Stange waren gestern: Individualität ist der große Trend. Wir wollen Kleidung, die nicht jeder trägt, das Auto, dass sich von dem des Nachbarn unterscheidet, das Smartphone mit dem einmaligen, persönlichen Look - und das alles bezahlbar. Fraunhofer-Forscher aus Chemnitz schauen, wie das zusammengehen kann: Massenproduktion und Einzelanfertigung.

Eigentlich ist es ein absoluter Widerspruch: Die Indsutrie muss große Mengen produzieren, um günstig zu sein. Wir aber wollen die Produkte immer individueller und personalisierter, ohne dafür mehr zu bezahlen. Diesen Widerspruch versuchen die Forscher des Fraunhofer-Instituts für Elektronische Nanosysteme (ENAS) in Chemnitz gemeinsam mit ihren Partnern aufzulösen, erklärt, Professor Thomas Otto vom federführenden Fraunhofer-Institut.

Keiner möchte mehr das gleiche Auto fahren, keiner möchte mehr die gleichen Kleidungsstücke tragen – jeder möchte etwas ganz persönliches für sich. Nicht nur privat, sondern auch im industriellen Zulieferbereich ist das so. Siemens baut in Chemnitz zum Beispiel etwa 100.000 Schaltschränke im Jahr. Die haben eine Wiederholrate von 1,2 – da ist nichts mehr identisch.

Prof. Thomas Otto, Fraunhofer ENAS

Deshalb fließen bis Ende 2019 acht Millionen Euro in das Schwerpunkt-Projekt "Go Beyond 4.0". Insgesamt 50 Forscher werden daran arbeiten, neue Strategien für die Industrie zu entwickeln. Das Ziel: Kleinserien und Unikate sollen unter den Bedingungen der Massenproduktion hergestellt werden können.

Die Forscher wollen traditionelle Massenproduktion mit digitaler Technik kombinieren: Sensoren, Laser und 3D-Drucker würden die Arbeit des klassischen Fließband-Roboters dann ergänzen. Um ausprobieren und zeigen zu können, wie es gehen kann, entwickeln die Fraunhofer-Forscher zunächst Autotüren, Flugzeugflügel und Beleuchtungssysteme. Klassisch gefertigt und digital ergänzt. Doch solche Produkte könnten nicht die einzigen Anwendungsgebiete bleiben, meint der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, Professor Reimund Neugebauer, und führt ein weiteres Beispiel an.

Schon heute gibt es Sportbekleidung mit Sensorik, die ihren Puls oder Blutdruck misst und ähnliche Dinge. Das kann individualisiert noch einfacher, noch kostengünstiger, aber auch mit noch höherer Qualität geschehen.

Reimund Neugebauer, Präsident Fraunhofer-Gesellschaft

Und noch ein weiterer Punkt spielt für die Fraunhofer-Forschung eine Rolle. Auch auf Seiten des Produzenten ist es sinnvoll, Produkte individueller herstellen zu können. Denn so könnten sie sogar bares Geld sparen.

Wir verschenken heute Ressourcen, wenn wir nicht individuell produzieren. Wenn jemand bestimmte Funktionalitäten im Auto oder am Handy nicht braucht, müssen sie auch nicht eingebaut werden.

Reimund Neugebauer, Präsident Fraunhofer-Gesellschaft

Für den Präsidenten der Fraunhofer-Gesellschaft ist der Schritt zur individuellen Massenproduktion auch der logische nächste Schritt in der Evolution der industriellen Produktion im Ganzen.

Wir bleiben bei einer großen Massenproduktion, aber wir wollen und müssen auch weg von der Massenproduktion nach dem Motto: "Eine Million gleicher Produkte". Wie müssen in sehr hohen Stückzahlen – eben in Massen – individualisierte Produkte herstellen. Das ist eine Nachfrage, die sich insbesondere in westlichen Industrieländern deutlich abzeichnet.

Reimund Neugebauer, Präsident Fraunhofer-Gesellschaft

Und dieser Nachfrage an den Märkten wollen die Forscher mit dem neuen Leitprojekt Rechnung tragen. So ist es also der Käufer, der in diesem Fall dafür sorgt, dass die Industrie in ein neues Zeitalter aufbricht, in dem Individualität dank der Vorteile der Massenproduktion für alle erschwinglich wird.

Osteuropa

3-D-Drucker 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL im Radio | 04.03.2017 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. September 2017, 14:11 Uhr