Unkenntlich gemachte Personen hantieren mit Wäscheklammern
Bei den Versuchen haben die Göttinger Mediziner die verschiedenen Prothesensteuerungen miteinander verglichen. Das Video dazu finden Sie unten im Artikel. Bildrechte: UMG

Dritte Hand Mensch-Maschine-Schnittstelle: Ohr steuert Handprothese

Unser Körper ist schon ein echtes Wunder! Schauen Sie sich zum Beispiel mal Ihre Hand an: Öffnen, schließen und dabei den Unterarm drehen – alles kein Problem. Bei Menschen mit Handprothesen ist so eine komplexe Bewegung bisher nicht möglich: Es geht nur entweder oder. Doch jetzt wird beides gleichzeitig möglich: mithilfe einer innovativen Ohrsteuerung. Eine Technologie, die uns alle in Zukunft ein bisschen mehr zum Cyborg machen könnte.

von Kristin Kielon

Unkenntlich gemachte Personen hantieren mit Wäscheklammern
Bei den Versuchen haben die Göttinger Mediziner die verschiedenen Prothesensteuerungen miteinander verglichen. Das Video dazu finden Sie unten im Artikel. Bildrechte: UMG

Nein, mit den Ohren wackeln können muss man nicht, um die Ohrsteuerung zu bedienen, sagt Professor David Liebetanz vom Universitätsklinikum Göttingen und lacht. Gemeinsam mit Forschern aus Heidelberg und Karlsruhe hat er die Technologie erfunden, die Prothesenträgern das Leben etwas leichter machen soll: Eine Mensch-Maschine-Schnittstelle für das Ohr. Denn diese Muskeln kann jeder gezielt trainieren, erklärt der Neurologe:

An jedem Ohr sitzt eine ganze Reihe von Ohrmuskeln: Es gibt innere Ohrmuskeln, die die Ohrmuschel verformen und dann gibt es sogenannte äußere Muskeln, die die Ohrmuschel auf der Kopfhaut bewegen können - also das Ohr ein bisschen weiter weg ziehen, ein bisschen weiter nach oben oder unten oder eben die Ohrmuschel nach hinten klappen. Und den Muskel, der die Ohrmuschel nach hinten klappt, den benutzen wir für unsere Steuerung.

Mann
Prof. Liebetanz mit einem Prototypen der Ohrsteuerung, der noch einen direkten Kontakt zum Ohr benötigt - deshalb die Brille mit den Bügeln. Später soll das drahtlos funktionieren. Bildrechte: privat

Der sitzt genau in der Falte hinter unserem Ohr. Er ist leicht zugänglich und wird sonst eigentlich nicht benutzt, erklärt Liebetanz. Na gut, wird jetzt mancher sagen: Muskeln, die ich nicht benutze, habe ich so einige. Stimmt schon, aber der Ohrmuskel hat den Vorteil, sehr weit oben am Körper zu sein. Selbst querschnittsgelähmte Menschen können ihn oft noch benutzen – und die könnten zum Beispiel einen Rollstuhl mit dem Ohrmuskel steuern, erklärt Liebetanz. Denn jeder Muskel, gibt elektrische Aktivität ab, wenn er aktiviert wird, und die kann man mit einem sogenannten EMG (Elektromyografie) aufzeichnen.

Wir zeichnen sozusagen die elektrische Aktivität von dem Ohrmuskel auf und leiten das dann drahtlos an einen Computer weiter und der analysiert die Signale und berechnet aus diesen EMG-Signalen Steuersignale für die Geräte, die eben angeschlossen werden können.

Prof. David Liebetanz

Wenn man diese Steuerung ein paar Mal benutzt, wird sie schnell intuitiv, so die Forscher – genauso wie beim Fahrradfahren zum Beispiel. Kaufen kann man das System bisher noch nicht, für Tests mit Patienten werden noch Prototypen benutzt. Die Forscher wollen ihre Technologie zunächst noch verbessern.

Die Zukunftsversion dieses Systems würde so aussehen, dass dieses Gerät, mit dem die Aktivität der Muskulatur abgeleitet wird, implantiert werden soll. Das heißt, man würde einen kleinen Chip hinters Ohr bekommen und dann würde das ganze drahtlos funktionieren. Das ist aber noch Zukunftsmusik.

Prof. David Liebetanz

Zukunftsmusik, die stark an Science Fiction-Filme erinnert. Doch eine Ohrsteuerung für alle ist durchaus ein realistisches Szenario, erläutert Neurologe Liebetanz: "Immer, wenn man noch sozusagen einen zusätzlichen Steuerungsgrad benötigt oder wenn man einfach eine dritte Hand benötigt, könnte man sich das vorstellen. Oder auch bei Spielekonsolen möchte man gerne noch eine zusätzliche Option haben.“

Das alles wäre mit dem System möglich, so Liebetanz. "Aber die eigentliche Indikation wären Patienten hohen Querschnittslähmungen oder Patienten, die eine Armprothese benötigen und dann würden sozusagen wir favorisieren, dass man dieses System implantiert.“

In der Studie übertraf die Ohrsteuerung im Vergleich sogar die anderen Steuerungstechniken für Armprothesen, die sonst nur die Unterarmmuskulatur nutzen. Mit dem neuen System hätten die Probanden die Prothesen wesentlich schneller und mit weniger Fehlern bedient.

Dieses Thema im Programm: MDR Fernsehen Nah dran | 02. August 2018 | 22:35 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2018, 13:51 Uhr