Medizin mit Sensor Pille an App: "Ich wurde geschluckt"  

Eine Pille, die per App darüber informiert, dass sie im Magen angekommen ist: Klingt futuristisch, ist aber in den USA jetzt neu auf dem Medikamentenmarkt. Ist das die Medizin der Zukunft oder "Big Brother total"?

Eine Pille, die per App darüber informiert, dass sie im Magen angekommen ist: Klingt futuristisch, ist aber in den USA jetzt von der Food & Drug Administraion zugelassen worden. Konkret geht es dabei um das Antipsycholeptikum "Abilify MyCite", das Menschen mit bipolarer Störung oder Schizophrenie dabei unterstützen soll, Medikamente regelmäßig einzunehmen.

Wenn die Pille sich aus dem Magen meldet

Wenn die Pille sich im richtigen Zeitfenster beim Smartphone "abmeldet", wird das von einer App im Smartphone registriert. Die "Abmeldung" zeigt ein Sensor in der Pille an, der bei Kontakt mit der Magensäure ein elektronisches Signal an ein Pflaster auf der Haut des Patienten schickt, das via Bluethooth die Pilleneinnahme an die App meldet. Der Sensor wird laut Hersteller mit der Nahrung verdaut und ausgeschieden. Ein Patient kann höchstens vier Personen erlauben, seine Pilleneinnahme per App zu verfolgen. Er kann in der App auch Angaben über seinen Zustand machen.

Über die Chancen und Risiken "smarter" Medizin

Welche Chancen und Gefahren birgt die "smarte" Medizin? MDR Wissen hat bei Professor Ulrich Gassner, Spezialist für Medizinprodukterecht an der Uni Würzburg nachgefragt. In der Praxis klaffen Dosierungsvorschriften und Patientenverhalten oft weit auseinander und das ist ein großes Problem, weiß Gassner: "Nicht nur aus gesundheitsökonomischer Sicht, sondern auch aus medizinischen Gründen." Daher ist die Entwicklung solcher Medizintechnik durchaus berechtigt:

Eine Pille, die den Arzt darüber informiert, ob das verschriebene Medikament regelmäßig eingenommen wurde oder nicht, ist daher aus rein medizinischer Sicht absolut sinnvoll. Die Gefahr liegt in der paternalististischen Fremdbestimmung des Patienten.

Ulrich M. Gassner

Den kompletten Schritt zur quasi elterlichen Fremdbestimmung ist man mit der Sensor-Pille in den USA nicht bis zur letzten Konsequenz gegangen. Die App funktioniert in Einbahnstraßen-Logik: Sie registriert nur die Einnahme der Pille. Eine Rückkopplung bei Nicht-Einnahme des Medikaments ist nicht vorgesehen - weder Arzt noch Patient werden alarmiert.

Was die Pille aus juristischer Sicht "sauber" macht

Eine Pille mit indirekter Kontrollfunktion - ist das ethisch und juristisch sauber? Aus Sicht des Gesetzgebers ja, sagt Gassner. Wenn ein solches "smartes" Medikament die Heilungs- bzw. Linderungschancen erhöht, entspreche das der Vorstellung des Gesetzgebers über den zweckgerechten Einsatz von Arzneimitteln in der gesetzlichen Krankenversicherung, und zwar auch insofern, als dadurch auch dem Wirtschaftlichkeitsgrundsatz (§ 12 des Sozialgesetzbuchs Teil fünf – SGB V) Rechnung getragen werde.

Sensor-Pillen nie gegen oder ohne Patientenwillen

Was ist in Fällen, in denen der Patient zeitweise psychisch nicht dazu in der Lage ist, zwischen Chancen und Risiken solcher Medikamente abzuwägen? Widerspricht eine solche Medizin-Entwicklung dem selbstbestimmten Patienten, der seine Rechte und was er medizinisch will, selbst bestimmen soll? Das bestätigt Gassner:

Das ist in der Tat ein Problem. Gerade hat der Weltärztebund in seiner Neufassung des Genfer Gelöbnisses von 1949 die Autonomie des Patienten besonders hervorgehoben. Der Einsatz eines solchen Medikaments ohne 'informed consent' - Einwilligung nach ordnungsgemäßer Aufklärung - würde nicht nur gegen berufsrechtliche Bestimmungen verstoßen, sondern stellte auch eine nicht gerechtfertigte Körperverletzung dar, die strafrechtlich zu ahnden wäre. Gerade bei psychisch Erkrankten handelt es sich um eine vulnerable Personengruppe, die in der praktischen Pharmakotherapie entsprechend geschützt werden muss.

Ulrich Gassner M. Gassner

Ob es aus psychologischer Sicht optimal ist, ausgerechnet für eine solch verletzliche Patientengruppe ein Medikament mit einer Kontrollfunktion auszustatten, statt in anderen medizinischen Bereichen - darüber lässt sich sicher streiten. Die US-Gesundheitsbehörde FDA, die das Medikament zugelassen hat, weist jedoch auf zwei wichtige Punkte hin: Zum einen gibt es keinen Beleg darüber, dass Patienten ihre Medikamente aufgrund der Zusatzfunktion regelmäßiger einnehmen. Zum anderen dürfe das Medikament nicht als Hilfsmittel für akute Notfälle verstanden werden, denn die Sensor-Signale werden bis zu zwei Stunden verzögert gesendet.  

Ulrich M. Gassner ist Kodirektor des Instituts für Bio-, Medizin- und Gesundheitsrecht und Gründungsdirektor der Forschungsstelle für Medizinprodukterecht (FMPR) und der Forschungsstelle für E-Health-Recht (FEHR) in Augsburg.

Dieses Thema im Programm: MDR SPUTNIK | Radio | 21. November 2017 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. November 2017, 14:53 Uhr