Eine junge Frau mit einer VR-Brille
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Zukunftsmusik für Angstpatienten Verhaltenstherapie in virtuellen Welten

Bis zu drei Millionen Menschen leiden an sozialen Phobien. Einen Therapieplatz zu ergattern, bei dem dann auch noch die Chemie zwischen Therapeut und Patient stimmt, ist an sich schon schwierig und dauert meist lange. Bald könnte die Wirkung von Sitzungen in Echtzeit gemessen und an den Zustand des Patienten direkt angepasst werden: Mithilfe von VR-Brillen und VR-Welten, die ein Magdeburger Institut zur Therapie von Angststörungen entwickelt. Könnte die Technik einmal den Therapeuten ersetzen?

Eine junge Frau mit einer VR-Brille
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Soziale Phobien könnten in Zukunft in virtuellen Welten therapiert werden. Das ist der Ansatz, an dem das Deutsche Zentrum für Neuro-degenerative Erkrankungen, DZNE, in Magdeburg arbeitet.

Das Institut entwickelt computergenerierte Welten, in denen sich Patienten mit VR-Brillen in virtuellen Trainingsräumen angstauslösenden Situationen stellen können. Neurologe Thomas Wolbers ist an der Entwicklung dieser VR-Welten beteiligt. Für ihn liegen die Vorteile einer VR-gestützten Therapie klar auf der Hand: Therapierende können die Konfrontationssituation in einer virtuellen Situation flexibel an den Stresspegel des Patienten anpassen. Konkret am Beispiel: Ein Angstpatient soll vor einem Publikum einen Vortrag halten. Der Therapeut kann die Stressfaktoren der Situation steuern, indem er die Avatare während des Vortrags zum Beispiel gähnen oder den Saal verlassen lässt.

Angst vor beschämenden Situationen

Ein Kellner serviert Speisen
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Zwischen zwei und drei Millionen Menschen leiden in Deutschland an Angststörungen. Sie entwickeln vor Situationen, die anderen kein Kopfzerbrechen bereiten, eine krankhafte Angst. Das kann Angst vor einem Vortrag vor Kollegen sein, aber auch Alltagssituationen wie beim Ticketkauf am Fahrkartenschalter oder einer Bestellung im Restaurant, wenn der Kellner statt Schweinefilet Kartoffelsuppe bringt. Das sind Situationen, in denen man sich mit anderen auseinandersetzen muss und nicht den Erwartungen des Gegenüber entspricht. Bei Angststörungen führt das leicht dazu, dass Betroffene versuchen, beschämende Situationen zu meiden und sich so ins soziale oder auch berufliche Aus katapultieren.

VR-Programme statt Therapeuten?

Neurologe Wolbers glaubt nicht, dass die VR-Technik Therapeuten langfristig ersetzt. Er versteht die Arbeit mit VR-Brillen und VR-Welten als Therapie-Hilfsmittel. Ob und wie die Therapie bei einem Patienten anschlägt, lässt sich zeitgleich an dessen körperlichen Stressreaktionen wie Herzschlag, Pulsfrequenz oder Augenbewegungen ablesen. Wolbers zufolge ist das ein klarer Vorteil gegenüber der bisherigen Therapieform, denn es mache sie effektiver und flexibler.

Forschungen zum Einsatz von VR-Technik im medizinischen Bereich gibt es Wolbert zufolge schon seit Jahren. Dass sich das im klinischen Bereich bisher nicht durchgesetzt hat, kann auch am Geld liegen. Kosteten VR-Brillen vor fünf oder sechs Jahren noch 20.000 Euro pro Stück, sind sie heute massentauglich und im einfachen dreistelligen Bereich in Technikmärkten sogar für Privatpersonen erschwinglich. Auch die grafischen Darstellungen sind heute viel realistischer als noch vor sechs Jahren und generieren beim VR-Träger extrem "reelle" virtuelle Erfahrungen.

Verhaltenstherapie als App

Für Thomas Wolbers sind solche virtuellen Trainingsprogramme auch außerhalb des medizinischen Bereichs denkbar. Privatmenschen oder Firmen könnten solche Programme als Apps kaufen, um sich selbst oder ihre Mitarbeiter für stressauslösende Situationen zu trainieren. Doch das ist noch Zukunftsmusik. Das Magdeburger Projekt ist auf eineinhalb Jahre ausgelegt. Es wird mit 150.000 Euro vom europäischen Forschungsrat gefördert. Ob der Einsatz dieser VR-Hilfsmittel in der Therapie langfristig Krankenkassenkosten senkt oder vielleicht sogar Therapien vorbeugt, kann heute niemand mit Sicherheit sagen. Das wird sich erst zeigen, wenn Angstpatienten tatsächlich mit den VR-Hilfsmitteln trainieren. Was und wie sich Ausbildung und Arbeit der Therapeuten dann ebenfalls ändern, ist noch ein komplett unbeschriebenes Blatt.

Quelle: MDR/lw

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | Das Land um halb | 17. Januar 2018 | 15:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. April 2018, 13:32 Uhr