Jubiläum Wie die Himmelsscheibe von Nebra geraubt und trickreich zurückgeholt wurde

Sie wurde 1999 im Burgenlandkreis von Raubgräbern gefunden und gilt heute als eine der wichtigsten archäologischen Entdeckungen der Menschheit: die Himmelsscheibe von Nebra. Ihre Reise bis ins Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle war ein Krimi.

Himmelsscheibe von Nebra
Die Himmelsscheibe von Nebra ist Schätzungen zufolge etwa 3.600 Jahre alt. Erst vor 20 Jahren tauchte sie wieder auf. Bildrechte: imago/Köhn

Etwa 2,5 Kilogramm Bronze mit ein wenig Gold, dazu ein Durchmesser von 32 Zentimetern und das Ganze nur 4,5 Millimeter dünn – das ist die Himmelsscheibe von Nebra. Genau vor 20 Jahren, am 4. Juli 1999, entdeckten Raubgräber das wertvolle Stück im Burgenlandkreis. Es gilt heute als die älteste konkrete Sternenabbildung der Menschheitsgeschichte. Doch davon ahnten die beiden Männer nichts, die damals mit Sonde und Spaten durch den Wald streiften.

Scheibe wandert unter der Hand durch Deutschland

Ein älterer Mann mit Brille gibt in einem Museum ein Interview
Dr. Alfred Reichenberger vom Landesamt für Denkmalpflege in Halle Bildrechte: MDR SACHEN-ANHALT

Dass der Fund dem Land gehört, interessierte die Männer nicht. Sie verkauften ihren Schatz vom Mittelberg bei Nebra für 31.000 Mark an einen Händler in Köln. Später wurde die Himmelsscheibe auch in Berlin und in München angeboten. Für mehr als 200.000 Mark landete sie schließlich bei Hehlern im Raum Düsseldorf – und der Fund sprach sich herum, auch bis zum Landesamt für Denkmalpflege Sachsen-Anhalt. "Es war relativ klar, dass wenn die Scheibe echt ist – das wussten wir noch nicht, als wir nur Fotos kannten – es ein ganz sensationeller Fund sein musste", sagte Dr. Alfred Reichenberger nun im Rückblick zu MDR SACHSEN-ANHALT.

Es war relativ klar, dass wenn die Scheibe echt ist, es ein sensationeller Fund sein musste.

Dr. Alfred Reichenberger Landesamt für Denkmalpflege

Sachsen-Anhalts Landesarchäologe Prof. Harald Meller reiste im Jahr 2002 schließlich als vermeintlicher Käufer in die Schweiz. Er hatte angeboten, 700.000 Mark für die Scheibe zu zahlen. "Man denkt schon dran, dass man vielleicht ein bisschen leichtsinnig war, dass man die Situation vielleicht falsch einschätzte. Es war dann doch aufregender als ich dachte", so Meller im Interview mit MDR SACHSEN-ANHALT. Von der Himmelsscheibe war er sofort beeindruckt. Zur Übergabe erschien auch die Polizei, die Hehler wurden festgenommen.

Ein Mann im Anzug und mit weißen Handschuhen hebt die Himmelsscheibe hoch
Harald Meller präsentierte dem MDR im Jahr 2002 in seinem Büro im Landesamt für Denkmalpflege seinen Schatz. Bildrechte: MDR SACHEN-ANHALT

Die Deutung der Scheibe

Dreharbeiten von Lexi-TV im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, anlässlich 15 Jahre Erforschung der Himmelsscheibe von Nebra.
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Die Himmelsscheibe zeigt die weltweit älteste konkrete Darstellung astronomischer Phänomene. Elemente des Tag- und Nachthimmels vermischen sich vor einem abstrakten Sternennetz. Sonne und Mond werden allerdings nicht nur in ihrem Lauf am Himmel abgebildet, sondern auch erklärt. Zwischen den Horizonten fährt ein Schiff über den Himmelsozean.

Nach der Interpretation des Astronomen Rahlf Hansen verschlüsselt die Himmelsscheibe eine komplexe Schaltregel, die dazu diente, Sonnen- und Mondjahr in Einklang zu bringen. Die abstrakten Darstellungen auf der Scheibe sind außergewöhnlich, weil sie jahrzehntelange präzise Himmelsbeobachtungen und einen hohen Abstraktionsgrad voraussetzen.

Seit Mai 2008 ist die Himmelsscheibe in der Dauerausstellung des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle zu sehen. Quelle: Landesmuseum für Vorgeschichte und Arche Nebra

Prozesse gegen die unrechtmäßigen Besitzer

Anwälte und Angeklagte in einem Gerichtssaal
Im Jahr 2003 standen Hehler und Raubgräber vor Gericht. Bildrechte: MDR SACHEN-ANHALT

Die Raubgräber und auch Hehler wurden im Jahr 2003 zu teils mehrjährigen Bewährungsstrafen verurteilt. Der Krimi um die Scheibe endete damit, doch die Diskussionen in der Wissenschaft begannen: Mal wurde ihre Echtheit angezweifelt, mal ihr Alter.

Doch letztlich steht fest: "Das Wichtigste ist natürlich, dass sie uns einen ganz neuen Blick in die astronomischen Vorstellungen der frühen Bronzezeit gegeben hat. Vorstellungen, von denen wir früher kaum eine Ahnung hatten", so Dr. Alfred Reichenberger vom Landesamt für Denkmalpflege. Und die Forschungen laufen weiter – denn gerade erst wurden Spuren einer verschollenen Goldauflage der Scheibe entdeckt.

Dreharbeiten von Lexi-TV im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, anlässlich 15 Jahre Erforschung der Himmelsscheibe von Nebra. 1 min
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Mi 03.07.2019 15:29Uhr 01:00 min

https://www.mdr.de/sachsen-anhalt/halle/video-316322.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Landesarchäologe Harald Meller im Interview

MDR SACHSEN-ANHALT: Als Sie die Scheibe in der Schweiz zum ersten Mal sahen – haben Sie sie da berührt?

Prof. Harald Meller: Ja klar, habe ich sie angefasst. Als der Hehler die Himmelsscheibe unter seinem Pullover in ein Handtuch gewickelt herauszog und ich sie in die Hand nahm, da war ich ziemlich erstaunt, dass sie so schwer ist und dass sie so absolut toll ausschaut. Ich wollte sie nicht wieder hergeben.

Damals "wollten" Sie 700.000 Mark an die Hehler "zahlen", heute liegt die Versicherungssumme bei etwa 100 Millionen Euro?

Landesarchäologe Dr. Harald Meller
Prof. Harald Meller arbeitet seit mehr als 15 Jahren als Landesarchäologe. Bildrechte: IMAGO

Das ist eine ziemlich hohe Zahl und sie ist nicht ganz falsch. Wir versichern die Scheibe so wie einen Picasso. Es ist selten, es ist ein völlig einmaliges Objekt – ist Weltdokumentenerbe, da gibt es nur ganz wenige. Die Himmelsscheibe spielt in einer Liga mit Beethovens Neunter, das ist schon etwas. Sie ist sicherlich eines der bedeutendsten Stücke, das wir in Deutschland und in Europa haben.

Und Sie sagen, der Macher von vor Jahrtausenden ist uns näher, als wir denken?

Die Scheibe ist ein zentrales Element um zu verstehen, dass die Menschen über viele Jahrtausende genauso waren wie wir. Der erste Mensch, der die Scheibe gemacht hat, war ein ganz kühler Analytiker und jemand, der die Götter nicht mit einbezog. Das war jemand, der uns an Rationalität sehr nah stand, ein Wissenschaftler früherer Zeiten sozusagen. Das hätten wir so nicht erwartet.

Die Scheibe geht immer wieder auf große Reisen, weg aus Halle. Ist das nicht gefährlich?

Sie ist natürlich im Landesmuseum am sichersten untergebracht und wenn wir sie ausleihen oder herausgeben, dann nur für ganz wichtige Untersuchungen, die wir im Haus nicht durchführen können. Oder wir geben sie an große, bedeutende Ausstellungshäuser, die die Himmelsscheibe weltweit bekannt machen. Wir werden sie zum Beispiel voraussichtlich 2021 nach London ins British Museum geben, auf eine Ausstellung, die sozusagen auf Augenhöhe mit Stonehenge stattfindet.

Das Interview führte Antonia Kaloff.

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Das Bild der Himmelsscheiben App 5 min
Bildrechte: Himmelsscheiben App

MDR FERNSEHEN 04:50 min

https://www.mdr.de/wissen/himmelsscheibe-app100.html

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Quelle: MDR/lk

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 04. Juli 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Juli 2019, 13:29 Uhr