Hasenzählung Geht Meister Lampe das Licht aus?

Gerade noch fünf Feldhasen leben in Mitteldeutschland auf 100 Hektar Fläche! Alle anderen haben wir mit unserer intensiven Landwirtschaft vergrämt. Weil die Langohren tagsüber selten zu sehen sind, haben wir kaum bemerkt, dass es nur noch so wenige gibt. Wer sich aber nachts mit Taschenlampe auf die Suche macht und zählt, wird sich wundern. Ist der "Lepus europaeus" noch zu retten?

Jetzt zu Ostern sind sie allgegenwärtig, die Hasen. In allen Varianten - aus Schokolade, aus Plüsch, aus Blech, nur die echten aus Fleisch und Blut sind in unseren Feldfluren äußerst rar geworden. Hier in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ganz besonders. Da sie sich tagsüber eher verstecken, fällt auch erst bei Nacht auf, wie schlimm es um die Langohren steht. Mit der sogenannten Scheinwerfermethode zählen die Jäger immer im Frühjahr und im Herbst bei Nacht die Feldhasen in ihrem Revier.

Scheinwerferzählung ist eine wissenschaftlich anerkannte Methode, um Feldhasen zu zählen. Dazu fährt man eine festgelegte Strecke im Revier mit dem Auto ab und leuchtet mit einem Scheinwerfer das sogenannte Offenland (Felder, Wiesen, Weiden). Dabei werden Hasen und andere Tiere gezählt und es wird festgehalten, wo sie sich aufgehalten haben. Dass im Frühjahr mehr Hasen gezählt werden als im Herbst liegt wahrscheinlich daran, dass sie im Frühjahr aktiver und deshalb besser zu finden sind. Trotz einer minimalen Fehlerquote gelten die Daten aus der Scheinwerferzählung als so belastbar, dass sie zum Beispiel auch vom Bundesumweltamt genutzt werden.

Anhand dieser Daten sehen wir, dass es dem Feldhasen bei uns nicht gut geht. Es gibt Reviere, da haben die Jäger aufgehört zu zählen, weil sie seit Jahren keinen Hasen mehr gesehen haben. Besonders kritisch ist es in den ostdeutschen Bundesländern.

Matthias Neumann, Wildtierökologe am Thünen Institut

Matthias Neumann vom Thünen-Institut in Eberswalde - dem Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei - beschäftigt sich seit Jahren mit der Entwicklung. Mit 8,2 Feldhasen auf 100 ha in Thüringen, 5,6 in Sachsen-Anhalt und nur 3,4 in Sachsen ist der Bestand seit Jahren extrem niedrig, wenn auch stabil. Eine Gefahr, dass der Feldhase hier bei uns ausstirbt, sieht er nicht. Aber es gibt allen Grund, die Lage ernst zu nehmen.

Der Feldhase ist in gewisser Weise ein Botschafter für seine Leidensgenossen, die mit ihm den Lebensraum teilen. Das Rebhuhn zum Beispiel ist hier wirklich vom Aussterben bedroht. Und da müssen wir uns die Frage stellen, warum das so ist. Meist spielen mehrere Gründe eine Rolle.

Matthias Neumann

Schutzlos auf dem Acker

Feldhase, Rebhuhn, Kiebitz und deren Nachwuchs sind begehrte Beutetiere und deshalb besonders auf eine gute Deckung angewiesen. Solange etwas auf dem Acker wächst, ist auch eine gewisser Schutz vorhanden. Doch dann kommen die riesigen Landmaschinen, verwandeln die Fläche in eine einzige Wüste und in einen reich gedeckten Tisch für Fuchs und Co.

Schmale Kost auf schmaler Flur

Meist fehlt es auf den Anbauflächen auch an Wasser. Nirgends kann sich eine Pfütze bilden, aus der die Hasen trinken könnten. Und statt der großen Vielfalt an Wildkräutern bieten sie allenfalls hochgezüchtete eiweißreiche Wiesenpflanzen für die Großviehfütterung oder Monokulturen für die Energiegewinnung. All das ist zu einseitig für Meister Lampe. Es ist so, als würden wir immer nur Brot essen müssen.

Je größer der Acker, desto schlimmer für den Hasen

Genau das erklärt unter anderem auch, warum es den Feldhasen in den östlichen Bundesländern deutlich weniger gibt als in den westlichen. Dort gibt es Regionen, da tummeln sich teilweise 147 Tiere auf 100 ha. Aber dort pflegen die Bauern auch von jeher eher kleine, private Anbauflächen, an deren Rand Sträucher und Hecken Schutz bieten. Hierzulande hat die Gründung von Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPGs) nach dem Zweiten Weltkrieg dafür gesorgt, dass einzelne Felder zu riesigen Flächen zusammengelegt wurden, damit es sich einfacher und schneller bestellen lässt. Die LPGs sind verschwunden, aber die Flächen sind geblieben.

Das Symbol der Fruchtbarkeit gerät an seine Grenzen

Nicht umsonst symbolisiert der Hase im Frühjahr das neue Leben. Mit drei bis vier Würfen pro Jahr mit jeweils bis zu fünf Jungtieren ist er äußerst fruchtbar. Doch nur etwa 20 Prozent des Nachwuchses überlebt auch.

Feldhasen bewohnen ja keine Höhlen sondern suchen auf der Erdoberfläche Schutz. Deshalb sind die Jungtiere dem Wetter ausgeliefert. Und auch damit lassen sich regionale Unterschiede erklären. Im Rheingebiet zum Beispiel, wo es mild ist, hat der Nachwuchs einfach eine bessere Chance, groß zu werden.

Matthias Neumann

Hinzu kommt, dass sich auch viele Fressfeinde des Feldhasen in den vergangenen Jahren stark vermehrt haben. Dazu gehört der Marderhund, von uns Menschen eingeschleppt und der Fuchs, durch uns von der Tollwut befreit. Aber auch für Raubvögel sind Hasen auf einem abgeernteten Feld leicht Beute.

Beutegreifer und Hase
Bildrechte: IMAGO

Hier zeigt sich, wie komplex die Entwicklung in unsere Kulturlandschaft ist. Es gibt nie nur einen Grund für das Anwachsen oder Abnehmen einer Population, es sind immer mehrere. Da bedingt eins das andere. Und entsprechend schwer ist es, eine Lösung für das Problem zu finden.

Matthias Neumann

Ist Meister Lampe noch zu retten?

Es gibt bereits erste Schritte, die dafür sorgen, dass der Feldhase, aber auch seine Leidensgenossen Rebhuhn, Kiebitz und Co. wieder mehr Schutz finden. Wenn Landwirte z.B. ihre Wiesen und Weiden bewahren und ihre Feldern abwechslungsreicher bestellen, bekommen sie im Rahmen des sogenannten Greening-Programms der EU Geld dafür.

Wir befinden uns hier ja in einem Konflikt zwischen Nutzen und Schutz. Wir Menschen wollen unsere Ackerflächen nutzen um zu überleben. Der Feldhase soll es aber auch. Da muss man nach Kompromissen suchen. Das Greening-Programm ist ein guter Kompromiss, denn es ist nachhaltig.

Matthias Neumann

Hat nämlich einmal ein Landwirt eine dauerhafte Grünfläche wie eine Wiese oder Weide geschaffen, darf er sie nur wieder als Ackerland nutzen, wenn er dafür an anderer Stelle eine Grünfläche schafft. Seit 2014 werden diese Umweltschutzmaßnahmen in der Landwirtschaft umgesetzt. Doch ein Anstieg der Feldhasenpopulation ist noch nicht zu beobachten.

Zum einen ist es ja schon ein großer Erfolg, dass die Anzahl der Feldhasen stabil ist und nicht weiter sinkt. Und zum anderen zeigt uns das, wie lange es eben dauert, bis sich ein Ökosystem erholt - mit allen, die es bewohnen. Und hier reden wir vom Feldhasen, aber auch von allen Bodenbrütern, die genauso bzw. sogar stärker betroffen sind.

Matthias Neumann

Feinschmecker und Leichtathlet

Unser Feldhase ist ursprünglich ein Steppenbewohner, hat sich aber auch an unsere Kulturlandschaft gut angepasst. Auf seinem Speisezettel stehen Wildkräuter und Gräser, die ihm lebenswichtige Vitamine liefern. Besonders sportlich zeigt er sich im Sprint (Rekord: 70 km/h), im Hochsprung (Rekord: 3 Meter) und im Weitsprung (Rekord: 7 Meter). Das jedoch nicht aus Freude am Wettkampf, sondern um zu überleben. Denn für viele Räuber ist der Feldhase ein begehrtes Beutetier. Übrigens: den Beinamen "Meister Lampe" hat der Hase durch seine Rolle in Fabeln. Ursprünglich trugen in diesen Geschichten alle Tiere Namen, der Hase hieß Lamprecht. Und durch die Tatsache, dass beim Hoppeln sein weißes Hinterteil aufblitzt, wurde wohl irgendwann "Meister Lampe" daraus.

Über dieses Thema berichtet das MDR Fernsehen LexiTV | 13.04.2017 | 15:00 Uhr
Sachsen-Anhalt-Heute | 17.04.2017 | 19:00 Uhr

Eier
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MDR FERNSEHEN Do, 13.04.2017 15:00 16:00

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Von Hasen, Lämmern und Kuckuckseiern - Tierische Ostern

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Zuletzt aktualisiert: 27. März 2018, 13:37 Uhr