Glückspielexperiment Schlechter Ruf der EU macht Fischereiregeln wirkungslos

In einem Experiment haben Fischer unehrlicher auf Briefe geantwortet, wenn der Absender die EU war. Ein Problem für neue EU-Regeln zum Schutz der Fischbestände: Die funktionieren bislang nur, wenn Fischer ehrlich sind.

Ein Fischerboot mit einer Anti-EU-Flagge: Zu sehen ist eine blaue Fahne mit dem Kreis aus Sternen. In der Mitte ist eine Hand zu sehen mit einem hoch gestreckten Mittelfinger. Der Mittelfinger ist ein Fisch.
Viele Fischer verachten die EU, wie unter anderem dieses Foto dokumentiert. Bildrechte: Moritz Drupp/iDiv

Bei einem Münzwurf beträgt die Wahrscheinlichkeit genau 50 zu 50, dass die Scheibe nach der Landung ihre Kopf- oder ihre Zahlseite zeigt. Werfen Sie eine Münze unendlich oft, sollte sie genauso oft Zahl wie Kopf zeigen. Tut sie das nicht, stimmt irgendetwas nicht. Entweder ist die Münze nicht gleichmäßig geformt oder die Würfe werden nicht gerade ausgeführt.

Forscher benutzten Münzwurf Ehrlichkeitstest von Fischern

Für ihre aktuelle Studie zur Ehrlichkeit gegenüber ungeliebten Institutionen hat ein Forscherteam dieses Experiment etwas erweitert. Beteiligt waren Wissenschaftler vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) in Leipzig, von der Universität Hamburg und vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Über die Ergebnisse berichten die Autoren im Fachjournal European Economic Review.

Die Wissenschaftler um Martin Quaas von der Universität Leipzig wollten wissen: Wie ehrlich antworten Fischer, wenn sie einen Brief von der ungeliebten Europäischen Union (EU) bekommen. Dazu verschickten sie rund 900 Briefe an alle deutschen Berufsfischer, in denen sie ihnen ein Glücksspiel anboten. Allen Teilnehmern wurden 100 Euro Gewinn in Aussicht gestellt. Dafür sollten sie vier Mal eine Münze werfen und das Ergebnis per Antwortbrief zurückmelden. Für jedes Mal Zahl wurde den Teilnehmern ein zusätzlicher Gewinn von 5 Euro versprochen.

Unehrlichere Antworten gegenüber der EU

Allerdings bekamen nicht alle Fischer das gleiche Briefmuster. Im Briefkopf der einen Gruppe tauchten lediglich die Logos der beteiligten Forschungsinstitute als Absender auf. Im Brief der anderen Gruppe war ebenfalls das Logo der EU zu sehen. Rund 120 Fischer antworteten auf die Briefe.

Weil die Teilnehmer wussten, dass ihre Angaben nicht kontrolliert werden können, meldeten einige von ihnen, dass drei oder vier Mal „Zahl“ gefallen sei. Gehörten sie zur Gruppe derjenigen, deren Briefköpfe nur die Forschungsinstitute enthielten, antworteten allerdings vier von fünf Fischern ähnlich. War hingegen das EU-Logo dabei, antworteten nur noch zwei von drei Fischern ehrlich.

Ehrlichkeit der Fischer notwendig, um Fischbestände zu schützen

„Die Ergebnisse zeigen klar: Wenn nicht kontrolliert wird, kommt es wesentlich darauf an, welche Einstellung der Regulierte gegenüber der regulierenden Instanz hat – in diesem Fall der EU“, sagt Martin Quaas.

Die Ergebnisse des Experiments sind nicht so harmlos, wie sie auf den ersten Blick wirken. Die Regeln zum Schutz der Fischbestände in europäischen Gewässern funktionieren nur, wenn die Fischer ehrlich ihre Fangmengen angeben. Denn jeder Fischer hat eine bestimmte Quote, wie viele Fische er fangen darf. Seit kurzem aber dürfen keine Fische mehr zurück ins Meer geworfen werden, die zu klein für den Verkauf sind. Fischer sollen stattdessen den gesamten Fang an Land bringen und auf ihre Quote anrechnen. Allerdings wird auf dem Wasser kaum kontrolliert. Niemand weiß also, ob die Fischer wirklich die Regeln einhalten.

Auch Brexit-Anhänger waren unehrlicher, wenn die EU im Absender stand

„Eine Überwachung würde viel Geld kosten“, sagt Umweltökonom und Erstautor Moritz Drupp. „Deshalb ist die Frage, wie ehrlich Fischer gegenüber der ungeliebten Kontrollinstanz sind, von wesentlichem Interesse bei der Regulierung öffentlicher Ressourcen wie Meeresfischen.“ Ein Problem ist dabei offenbar auch die in der Vergangenheit oft mangelhafte Fischerei-Regulierung der EU. „Eine transparentere und wirkungsvollere Regulierung dürfte langfristig das Vertrauen der Fischer in die EU steigern. Unsere Studie zeigt, dass die Regulierung dann auch wieder stärker auf die Ehrlichkeit der Fischer zählen könnte“, sagt Martin Quaas.

Unehrlich waren übrigens nicht nur die Fischer. Um ihre Thesen zu kontrollieren, führten die Forscher das Experiment auch an Anhängern des Brexits durch. Auch sie antworteten häufiger unehrlich, wenn die EU im Absender des Briefes auftauchte. „Daraus schließen wir: Die Unehrlichkeit gegenüber einer kritisch gesehenen Kontrollinstanz kann als allgemeingültig betrachtet werden“, sagt Menusch Khadjavi vom Kieler Institut für Weltwirtschaft.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | mdrEXTRA | 26. Mai 2019 | 22:00 Uhr