Architektur Warum der Fischotter Angst vor Brücken hat

Erst wollten wir Menschen ihnen an den Pelz, denn der war heiß begehrt. Dann wollten wir ihnen in Fastenzeiten ans Fleisch, denn sie galten als Fische, und Fisch ist in der Fastenzeit erlaubt. Und als sie unsere Fischteiche als Selbstbedienungsladen nutzten, wollten wir ihnen endgültig an den Kragen. Längst gilt der Otter als gefährdete Art. Auch wenn wir viel über Fischotter wissen, ein Rätsel ist ungelöst.

Otter frisst Fisch
Fischotter sind nicht wählerisch: Außer Fisch fressen sie auch Amphibien, Wasservögel, Krebse, Schnecken und andere Wirbellose. Pro Tag vertilgt so ein Otter 1,2 Kilo Nahrung. Bildrechte: imago images / Nature Picture Library

Wer sich wie mein 11-Jähriger schon mal im tiefsten Winter eine Glatze rasiert hat aus lauter Langeweile, weil endlich mal irgendwas passieren muss in dieser seltsamen Zeit zwischen den Jahren und verschiedenen Lockdowns, außer dass die kleine Schwester schreit, weil man sie beim Tischkickern mal wieder vernichtend geschlagen hat, der weiß: Oben ohne ist kalt. Haare wärmen wirklich!

Eurasischer Fischotter der gerade einen Voigel frisst.
Fischotter fressen auch Wasservögel - eine Fettschicht fressen sie sich nicht an. Bis 1,20 Meter werden sie groß und 16 Kilo schwer. Bildrechte: imago images/Martin Wagner

Auch der Fischotter, lateinisch Lutra Lutra, das Tier des Jahres 2021, würde das bestätigen: 70.000 Haare pro Quadratzentimeter sorgen bei dem marderartigen Räuber dafür, dass er nicht friert. Zum Vergleich: Dem Menschen wachsen 200 Haare pro Quadratzentimeter. Doch zurück zum Fischotter, der im Gegensatz zu Robben keine Fettschicht hat, die ihn vor Kälte im Wasser oder an der Luft schützt. Stattdessen sind Millionen von Fischotter-Haaren so miteinander verzahnt, dass sie Luft einschließen: So entsteht eine Art Luftpolster. Wenn der Otter taucht, wird das aus dem Fell gepresst. Das erklärt die langen Blasenketten, die aufsteigen, während er pfeilschnell hunderte Meter weit durchs Wasser schießt. Das sieht man eher selten, denn Fischotter sind vor allem in der Dämmerung und nachts munter.

Obwohl man sie selten sieht, sorgen sie da, wo sie auftreten, in Bayern und in der Oberpfalz beispielsweise, für gemischte Gefühle und hitzige Debatten. Aus Sicht der Fischwirtschaft stehen Fischotter nach wie vor für finanzielle Verluste. Entweder weil sie in den Teichen viel Fisch wegfressen oder weil man Geld in Schutzzäune stecken muss. Aus ökologischer Sicht dagegen sind Fischotter Botschafter für eine intakte Natur. Natürliche Feinde in der Natur haben sie keine – was sie wiederum zum Problem macht in Regionen mit viel Fischzucht. Wo kommen sie vor? Sie besiedeln Bäche, Flüsse, Seen, Sümpfe, Teiche und sogar Küstengewässer, wichtig sind für sie Flachwasserzonen, überhängende Wurzeln, Röhrendickicht und Totholz.

Die Brücke - das undurchschwimmbare Hindernis

Allem Wissen zum Trotz haben wir aber die Fischotter noch immer nicht komplett durchschaut. Fischotter verständigen sich mit fiependen Lauten, sie keckern, murren und wenn sie in Gefahr sind, kreischen sie auch laut.

Könnten wir ihre Laute verstehen, würden sie uns vielleicht erzählen, warum sie nicht einfach unter Brücken durchschwimmen. Stattdessen huschen sie dann Uferböschungen hinauf und überqueren die zu den Brücken gehörigen Straßen, bevor sie unten am Ufer ihre Wanderung wieder aufnehmen. Wenn sie oben nicht überfahren worden sind. Dem Deutschen Wildtierverband zufolge ist das eine der größten Gefahren für Fischotter: Der Straßenverkehr.

Dass sie Brücken umgehen, statt unten durch zu schwimmen, ist nur auf den ersten Blick rätselhaft. Vermutet wird, dass für Fischotter Brücken eine Störung ihrer Wanderzone entlang des Flussufers darstellen und somit ein Hindernis. Fischotter-Reviere erstrecken sich über fünf bis neunzig Kilometer eines Flusslaufes. Pro Nacht legen die Tiere zwischen drei und 25 Kilometer zurück. Damit sie dabei nicht unter die Räder kommen, wenn sie dem Hindernis ausweichen, sorgen Fischotter-freundliche Brücken dafür, dass die Tiere auf ihrem Wanderweg bleiben.

Brücken im Vergleich:

Links eine Brücke, die ein Hindernis darstellt: Ihre "Beine" enden im Wasser. Rechts eine "nachgerüstete" Brücke, deren Steg dafür sorgt, dass Fischotter das Bauwerk nicht umgehen müssen, sondern "unterlaufen" können.

Brücke im Wörlitzer Park 2015
Bildrechte: imago images / Shotshop
Brücke im Wörlitzer Park 2015
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Hilfe fuer Fischotter, Strassenunterfuehrung mit Otterstieg
Bildrechte: imago/blickwinkel
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Rätselhaft bleibt allerdings, warum die Fischotter unter den Bauwerken nicht einfach durchschwimmen.

Otterpaar im Wasser
Würden wir Fischotter verstehen, würden sie vielleicht erzählen, warum sie nicht unter Brücken durchschwimmen. Bildrechte: imago images / blickwinkel

(lfw)