Psychologie Warum Fitness-Tracker nicht funktionieren

Was bewirken Schrittzahlmesser bei ihren Trägern, bewegen sie sich mehr oder weniger? Forscher der TU Chemnitz wollten wissen ob und wie die sogenannten Tracker die Sportmotivation beeinflussen - mit interessanten Ergebnissen.

von Liane Watzel

Drei Sportler mit Fitness-Trackern. 3 min
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MDR AKTUELL Mo 03.09.2018 14:50Uhr 02:39 min

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Süchtig machen kann Tracking nicht, sagt Psychologin Christiane Attig, die an der TU Chemnitz zu Tracking-Folgen forscht. Aber Schrittzahlmesser machen tatsächlich etwas mit den Menschen, die sie tragen. Etwa 18 Prozent der Befragten der Studie gaben an, eher zu weniger Aktivität zu tendieren, wenn sie ihren Tracker nicht tragen. Mit anderen Worten: Gut jeder Fünfte bewegt sich also mehr, wenn er trackt. Und Tracking ist inzwischen in der Gesellschaft angekommen, so Attig.

Wenn man sich da mal Zahlen heranzieht, sieht man, dass in Deutschland 17 Prozent der Erwachsenen eine Smartwatch oder einen Activitytracker besitzen. Und wenn man jetzt auf die Kernzielgruppe guckt, bei den 18- bis 25-Jährigen, sind es 26 Prozent. Also ein Randphänomen ist das wirklich nicht.

Christiane Attig, Psychologin TU Chemnitz

Motivation ebbt schnell ab

Christiane Attig
Psychologin Attig mit Fitnessarmband Bildrechte: TU Chemnitz/Lili Hofmann

So weit so gut,  aber taugen Tracker tatsächlich dazu, Menschen fit zu trimmen? Ja, aber nur so lange sie die Tracker tragen, sagt Attig, die sich auf die Erforschung von Mensch-Technik-Interaktion spezialisiert hat.

Und da liegt der Hase im Pfeffer – die Begeisterung für die Motivationshilfen ebbt nämlich meist nach wenigen Monaten ab. Viele Nutzer hören auf, ihre Tracker zu tragen. Das kann verschiedene Gründe haben, erklärt Attig, zum Beispiel wenn man das Gefühl hat, man sportelt nicht mehr, um sich was Gutes zu tun, sondern nur noch für die Zahlen auf dem Tracker:

Wenn man abends tatsächlich enttäuscht ist, wenn man 'nur' 9.000 statt 10.000 Schritte geschafft hat. Oder man schaut während des Sports so oft auf den Tracker, um zu prüfen: sind denn die Kalorien auch wirklich erfasst?

Christiane Attig

Ein anderer Grund kann sein, dass das Gefühl nach Verbundenheit nicht mehr befriedigt wird: Wenn Freunde zum Beispiel andere Tracking-Apps benutzen als man selbst. Dann kann man sich auch technisch nicht mehr miteinander verbinden, auf die Schulter klopfen oder vergleichen. Wenn das fehlt, fehlt plötzlich auch der Spaß am Sport. Oder wenn die Tracking-Ergebnisse ungenau sind und vom Vortag abweichen. Das alles kann dazu führen, dass der Tracker vom Handgelenk in die Schublade wandert.

Statistik Fitness-Tracker
Umfrage zur Nutzung von Smartwatches und Fitness-Trackern am Handgelenk in Deutschland nach Alter und Geschlecht im Jahr 2017 Bildrechte: statista

Wenn Nichtstun beruhigt

Einen kuriosen Effekt lasen die Forscher aus ihrem Datensatz heraus: Menschen, die unsichere Situationen schlecht aushalten, neigen dazu, sich gegen den Sport zu entscheiden, wenn sie wählen müssen, ob sie ohne Tracker schwitzen oder lieber gleich auf der Couch liegen bleiben. Attig erklärt: "Das Wissen, dass ich jetzt überhaupt keine zusätzlichen Kalorien verbrenne, ist beruhigender, als nicht zu wissen, wie viele Kalorien man exakt verbrannt hat."

Aus Sicht der Wissenschaftlerin gibt es auch Menschen, die lieber die Finger von Activity-Zählern lassen sollten, denn Tracking kann zur Obsession werden. Allerdings kommt das auf den individuellen Nutzer an: Wenn der Tracker genutzt wird, um ein höheres Ziel zu erreichen, wie zum Beispiel zum Abnehmen, besteht eher die Gefahr einer Abhängigkeit als bei Menschen, die sich einfach nur für ihre Daten interessieren. Den Unterschied macht die emotionale Verbundenheit zum Ziel des Sports.

Die Studie der TU Chemnitz entstand in Zusammenarbeit mit der Universität zu Lübeck und wurde in Sciencedirekt veröffentlicht.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | LexiTV | 28. Mai 2015 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. September 2018, 14:15 Uhr