Mann mit zugeklebtem Mund
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Nach der Kehlkopfoperation Wie sprechen ohne Stimme möglich werden kann

Sprechen zu können ist für viele von uns selbstverständlich. Einfach sagen, was man möchte, wie man sich fühlt, was einem weh tut. Etwa 2500 Menschen pro Jahr verlieren jedoch allein in Deutschland nach einer Kehlkopf-Operation ihre Stimme - von einem Tag auf den anderen. Wissenschaftler der TU Dresden arbeiten an einem Gaumensensor, der Hoffnung stiftet. Wissenschaftsredakteur Karsten Möbius war vor Ort.

Mann mit zugeklebtem Mund
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Doktorand Simon Stone hat so etwas wie eine Zahnspange am Gaumen:einen Gaumensensor. Lautlos formt er das Wort "Sraßenbahnhaltestelle", das ein spezielles Computerprogramm erkennt und dann schriftlich wiedergibt. Lautlose Zungen- und Mundbewegungen können also in eine verständliche Sprache übersetzt werden. Foliendünne Sensoren, die auf der Zahnspange am Gaumen sitzen, sammeln die Sprachdaten. Allein durch die Zungenstellung wird erkannt, welche Laute und Buchstaben entstehen sollen. Dazu wurde durch medizinische Untersuchungen des gesamten Sprechapparates so eine Art Topografie der Zungenbewegungen erstellt.

Simon Stone testet Gaumensensor
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Es gibt bereits Spracherkennungssysteme, die jedoch die jeweilige Sprache erst erlernen müssen und dann auch genau so wiedergeben. Um den Patienten nach einer Operation am Kehlkopf jedoch die volle Kontrolle über ihren Spracherzeugungsapparat zurückgeben zu können, ist mehr nötig. Denn unsere Kommunikation funktioniert nicht nur über Buchstaben und Silben, sondern auch über Laute und Geräusche. Daran scheitern herkömmliche Systeme. Der Gaumensensor kann jedoch genau das leisten, weil er feinste Bewegungen wahrnehmen kann. Darüber hinaus kann der Patient lernen, z.B. seine Zunge so einzusetzen, dass er das gewünschte akustische Ergebnis erzielt. Und es gibt noch einen weiteren Vorteil:

Prof. Peter Birkholz zeigt den Gaumensensor.
Peter Birkholz, Professor für kognitive Systeme an der TU Dresden: Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Weil hier direkt von den Sprechbewegungen übersetzt wird, ist das System völlig unabhängig von den einzelnen Sprachen. Also man kann im Prinzip dieses System jedem Menschen der Welt in den Mund setzen und es sollte direkt funktionieren.

so Birkholz. Innerhalb von Millisekunden wird künftig das hörbar werden, was man gerade lautlos im Mund geformt hat - über einen kleinen Lautsprecher oder das Smartphone. Die zeitliche Verzögerung soll so kurz sein, dass Patienten das Gesagte wie die eigene Sprache empfinden. Darüber hinaus soll die Software in der Lage sein, die individuelle Anatomie des Sprechapparats nachzuempfinden.

Wir können lange Stimmbänder machen, wir können kurze Stimmbänder machen, wir können die Eigenschaften der Stimmbänder verändern, so dass die Stimme möglicherweise so klingt, wie die Stimme der Patienten vor der Kehlkopfentfernung.

In zwei Jahren soll das Gerät serienreif sein. Dann hängen keine Kabel mehr aus dem Mund, dann funktioniert alles drahtlos, alle Komponenten sind optimiert und so klein wie möglich.

Beispiel einer jetzt schon handelsüblichen Fingermaus, mit der Sprachbetonungen und Aktzentuierungen vorgenommen werden können.
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Die Dresdner arbeiten auch an einer Methode, die Sprache zu Akzentuieren also Hervorhebungen und Betonungen zu integrieren. Dazu nutzen sie im Moment eine kleine Computermaus am Finger. Ein Klick dient dazu, ein Wort, eine Silbe hervorzuheben.

Zuletzt aktualisiert: 15. Dezember 2016, 08:22 Uhr