chinesicher Forscher
Chinesischer Genforscher Huang Junjiu an seinem Arbeitsplatz im Labor an der Sun Yat-sen Universität in Guangzhou. Bildrechte: imago/Xinhua

Suche nach Normen und Standards WHO-Experten beraten über Genmanipulation bei Menschen

Ein chinesischer Arzt behauptet, er habe die Gene zweier Babys manipuliert, um sie vor HIV zu schützen. Deshalb berät die WHO nun generell, wie Genom-Manipulation künftig geregelt sein soll.

von Dietrich Karl Mäurer, ARD Studio Zürich

chinesicher Forscher
Chinesischer Genforscher Huang Junjiu an seinem Arbeitsplatz im Labor an der Sun Yat-sen Universität in Guangzhou. Bildrechte: imago/Xinhua

"Lulu" und "Nana" heißen die Zwillingsmädchen, die durch künstliche Befruchtung gezeugt worden sind und bei denen ein chinesischer Forscher - wie er im letzten Jahr behauptet hat - das Erbgut verändert hat. Angeblich sind sie nun vor einer Infektion mit dem Aids-Erreger HIV geschützt.

Nachdem der Fall international für Zweifel und scharfe Kritik sorgte, hat die Weltgesundheitsorganisation WHO ein Expertengremium einberufen, das nun in Genf zum ersten Mal zusammentrifft, um alle Aspekte der umstrittenen Technik der "Genom-Manipulation" zu untersuchen. Mit dabei sind unter anderen Genetik-Experten, Neurologen, Juristen und Philosophen.

Welche Krankheiten könnten geheilt werden?

Aus Deutschland nimmt Alena Buyx teil. Sie ist die Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Technischen Universität München. Alena Buyx sagt, bei der Genom-Manipulation sei sehr, sehr vieles denkbar. "Die höchsten Chancen werden gegenwärtig im Bereich von monogenen Erkrankungen gesehen, also da, wo schwere Erkrankungen auf einem einzelnen Fehler beruhen. Da geht man davon aus, dass es hier eine Anwendungsmöglichkeit für Genomveränderung geben könnte." Ein Beispiel für einen solchen Fall ist die Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose.  

Alena Buyx
Die deutsche Medizinethikerin Alena Buyx. Bildrechte: Reiner Zensen

Gefahren der Genom-Manipulation

Eine andere Anwendungsmöglichkeit der sogenannten Genschere sei laut der Wissenschaftlerin das Einbringen protektiver Faktoren in das Genom, die beispielsweise eine Resistenz gegenüber einer schweren Infektionskrankheit hervorbringen sollen - so wie im Fall der Zwillinge in China.

Doch die von der WHO eingeladenen Experten werden nicht nur über die Chancen diskutieren, sondern auch über die Risiken der Technik, etwa nicht beabsichtigte, beziehungsweise nicht vorhergesehene Folgen, erklärt Alena Buyx:

Es könnte passieren, dass man mit dieser sogenannten Genschere an der einen Stelle schneidet oder auch an der einen Stelle etwas austauscht - man muss nicht immer schneiden - und dass dann etwas unvorhergesehenes passiert an einer völlig anderen Stelle im Erbgut. Das könnte zu Gesundheitsstörungen führen.

Nur Auftakt für weitere Beratungen

Den Mitgliedern des Expertengremiums dürfte es nicht leicht fallen, bei allen Fragen gemeinsame Positionen zu finden, vermutet Buyx und verweist auf Erfahrungen bei Diskussionen im Deutschen Ethikrat, in dem die Münchner Professorin Mitglied ist. Kontrovers dürfte es auch werden, weil nicht nur rein medizinische Aspekte diskutiert werden sollen, sondern auch rechtliche und gesellschaftliche.

Das zweitägige Treffen in Genf bildet den Auftakt für längere Beratungen. Innerhalb von eineinhalb Jahren sollen Empfehlungen formuliert werden, die der "Weltgemeinschaft" vorgeschlagen werden, um den Bereich der Genom-Manipulation zu regulieren. Dass eine Selbstverpflichtung der Wissenschaft nicht ausreicht, habe der Fall der durch den chinesischen Wissenschaftler genmanipulierten Zwillingsmädchen deutlich gemacht, sagt Buyx.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 14. Februar 2019 | 07:39 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. März 2019, 16:12 Uhr