Familie, die den Geburtstag der Großmutter feiert
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Babyboomer und Generation Y Leipziger Psychologe: Generationsunterschiede sind nur Vorurteile

Generation X, Y oder Z, Nachkriegskinder oder Babyboomer - permanent scheint sich jemand Bezeichnungen für unterschiedliche Altersgruppen auszudenken - inklusive bestimmter Zuschreibungen natürlich. Immerhin weiß mittlerweile fast jeder, dass die Generation Y sich nicht entscheiden kann und im Arbeitsleben besonderen Wert auf Freizeit legt. Oder doch nicht? Ein Arbeitspsychologe der Universität Leipzig sagt: alles Quatsch. Diese Generationen gibt es überhaupt nicht.

von Kristin Kielon

Familie, die den Geburtstag der Großmutter feiert
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Es ist alles andere als eine bequeme Position, die der Leipziger Arbeitspsychologie-Professor Hannes Zacher vertritt. Denn er sagt: Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise dafür, dass es Generationen mit unterschiedlichen Werten, Einstellungen und Verhaltensweisen gibt. Dafür bekommt er viel Gegenwind - vor allem aus der Industrie, die mit der Erzählung von den Generationen eine Menge Geld verdient:

Hannes Zacher
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Das ist Geschäftemacherei. Es gibt eine große Generationen-Industrie: Mit dem Thema Generationen und Generationenunterschiede lassen sich sehr gut Bücher verkaufen, Workshops verkaufen und auch ganze Beratungsunternehmen führen. Die wissenschaftliche Evidenz, die methodische Qualität der Studien ist äußerst fragwürdig.

Prof. Hannes Zacher, Universität Leipzig

Deshalb spricht sich Zacher dafür aus, die Forschung zu Generationen auszusetzen, bis die methodischen Probleme geklärt sind. Aber wo genau liegen die eigentlich? Da ist zum einen die Frage, wo wir die Grenze zwischen verschiedenen Generationen ziehen, so Zacher: "Warum ist das beispielsweise 1980? Manche Studien nehmen dann 1985 oder 1975. Das heißt, die Studien sind untereinander schon mal nicht vergleichbar.“ Und dann gibt es noch ein anderes großes methodisches Problem, so der Psychologe. Denn es wir nicht auseinandergehalten, ob Unterschiede sich "aufgrund des Lebensalters ergeben, aufgrund des Geburtsjahrs oder aufgrund des Kontexts, in dem die Studie stattgefunden hat."

Unterschiede existieren, aber...

Zacher streitet gar nicht ab, dass es Unterschiede zwischen jungen und alten Menschen gibt. Das sei wissenschaftlich schlüssig dargelegt: Wir verändern uns mit zunehmendem Alter - viele Menschen werden etwa verträglicher und gewissenhafter, erklärt Zacher.

Auf der anderen Seite verändert sich natürlich auch unsere Umwelt rasant: Neue Technologien werden eingeführt und das beeinflusst Menschen auch.

Prof. Hannes Zacher

Die sogenannten Millenials haben eben einfach viel früher Erfahrung mit neuen Technologien gesammelt, so Zacher. Das bedeute aber nicht, dass sie sich groß in ihren Eigenschaften unterscheiden würden. "Ich wehre mich gegen diese Bezeichnungen von Generationen mit sehr stabilen Eigenschaften, Persönlichkeitsmerkmalen wie Zuverlässigkeit, Leistungsfähigkeit et cetera. Da unterscheiden sich die Generationen tatsächlich sehr wenig bis gar nicht."

Vorurteile gegenüber den Jüngeren

Und dann gibt es da ja auch noch einen gesellschaftlichen Wandel: Heute kann man sich einen Beruf mit viel Freizeit suchen. Vor ein paar Jahren war man dagegen noch froh, überhaupt einen Job zu haben. Mehr Freizeit hätte man sich aber auch damals schon gewünscht. Aber wie kommen wir dann auf diesen Generationen-Trugschluss? Weil unser Gehirn Gruppen mag, erklärt der Psychologe. Sie helfen uns dabei, die komplexe Welt zu vereinfachen. Deshalb seien die Generationen nichts anderes als Vorurteile - und zwar meist gegenüber jüngeren Menschen:

Es ist genauso wie wenn Sie sagen: Männer und Frauen sind unterschiedlich. Da werden soziale Kategorien gebildet und dann wird gesagt: Diese Gruppen unterscheiden sich auf bestimmte Art und Weise. Also zum Beispiel: Männer können besser Autofahren als Frauen oder ältere Personen sind weniger leistungsfähig. Das sind alles Stereotype, Vorurteile.

Prof. Hannes Zacher

Meist sind es negativ besetzte Stereotype, ergänzt Zacher. So grenze sich die statushöhere Gruppe ab - und das seien eben die älteren. Und so sind es auch meist ältere Menschen, die neue Generationsbezeichnungen und damit verknüpfte negative Zuschreibungen für die Jüngeren erfinden. Denn bekanntlich gibt es schon seit tausenden von Jahren Kritik an der Jugend: Schon bei den alten Griechen soll etwa Sokrates ausführlich über die verdorbene Jugend geschimpft haben.

Hannes Zacher 3 min
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Leipziger Psychologieprofessor hält die Differenzierungen für simple Vorurteile.

MDR AKTUELL Fr 28.12.2018 05:25Uhr 02:57 min

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 28. Dezember 2018 | 02:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Dezember 2018, 15:14 Uhr