Das Klonschaf Dolly zeigt im Roslin-Institut bei Edinburgh seine Zähne (Archivfoto vom 4.1.2002).
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20 Jahre Klonschaf Dolly Stammzellenforschung: Klonen war gestern

Vor 20 Jahren präsentierten schottische Forscher der Welt eine Sensation: Dolly, das erste geklonte Schaf. Seine Gene waren eine Kopie des Originals. Über das Klonen ist die Genforschung inzwischen aber weit hinausgewachsen.

von Karsten Möbius

Das Klonschaf Dolly zeigt im Roslin-Institut bei Edinburgh seine Zähne (Archivfoto vom 4.1.2002).
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Damals war es der Knaller. Indem man einen Zellkern in eine befruchtete fremde Eizelle einschleuste, konnte man beinahe identische Lebewesen herstellen. Neue Organe, die nicht mehr abgestoßen werden, rückten in greifbare Nähe. Selbst über genetische Duplikate Verstorbener wurde spekuliert. Und es entbrannte eine heftige ethische Debatte, ob und wie man mit menschlichen embryonalen Stammzellen umgehen dürfe, die man dafür brauchte. Es dauerte nur neun Jahre bis zur nächsten wissenschaftlichen Sensation, die das Klonen in den Laboratorien dieser Welt zum großen Teil überflüssig machte, sagt Alexander Meissner, Professor an der Harvard University in Boston: "Das hat sich alles schlagartig geändert 2006 als Shinya Yamanaka die Reprogrammierung von Hautzellen gezeigt hat."

Der Japaner begriff, wie man eine ganz normale Hautzelle in eine beinahe jungfräulich Zelle zurückverwandeln und aus dieser dann ganz unterschiedliche Zelltypen machen kann. Muskel oder Leberzellen beispielsweise. Und zwar ohne dass man embryonale Zellen brauchte.

Die Reprogrammierung dauert zwei bis drei Wochen und dann kann man Stammzellen von jedem Patienten haben, ohne dass es jemals über ein embryonales Stadium gegangen ist.

Prof. Alexander Meissner, Harvard University Boston, Institut für Stammzellen und Regenerative Biologie

Da die genetischen Informationen in jeder Zelle gleich sind, erkannte man, dass die Unterschiede zwischen Haut, Leber, Muskel und Nervenzellen nur darin bestehen, welche Gene aktiv sind und welche nicht. Man musste also nur Gene an- oder ausschalten, um aus den Alleskönnern, den Stammzellen, eine beliebige Zellart entstehen zu lassen. Heute ist man noch einen Schritt weiter. Mittlerweile kennt man die Aktivitätsmuster der Gene so gut, dass man gar keine Stammzellen mehr braucht, sondern Hautzellen gleich direkt, ohne Umweg, in anderes Gewebe verwandelt, erklärt Meissner. "Ich kann auch eine Hautzelle machen und sie mit dem gleichen Prinzip in eine Nervenzelle umwandeln, ohne dass ich überhaupt eine Stammzelle kreieren muss."

Das funktioniert schon sehr gut. Wir wissen aber noch nicht genau, was dann im Körper mit diesen Zellen passiert. In diesem Kontext, so formuliert es Meissner, verhalten sich Zellen oft anders als im Reagenzglas.

Die Natur weiß halt was sie machen muss, aber wir wissen es noch nicht ganz. Wenn man das Prinzip in den richtigen Kontext setzt, funktioniert es. In der Zellkultur ist der Kontext aber noch nicht perfekt, weil wir die ganzen Regeln noch nicht verstanden haben.

Alexander Meissner

Viel fehlt aus Sicht von Meissner nicht mehr. Er ist sehr zuversichtlich, dass wir in fünf bis zehn Jahren die ersten künstlich hergestellten Organe aus Stammzellen haben werden.

Bei der Züchtung von Gewebe ist das Klonen also Schnee von gestern. Bei der passgenauen Züchtung komplexer Lebewesen nicht. Beispielsweise, wenn man Tiere mit speziellen Krankheiten herstellen möchte, um Medikamente zu testen. Dann verändert man im Reagenzglas zunächst die Erbanlagen und prüft, ob die gewünschten Veränderungen auch so stattgefunden haben, sagt Professor Eckhardt Wolf aus dem Genzentrum der Ludwig Maximilian Universität München

Erst wenn diese Untersuchungen an der Zellkultur abgeschlossen sind, nutzen wir das Klonen nach der Dolly-Technik, um letztlich aus gezielt genetisch-modifizierten Zellen die entsprechenden Tiere zu generieren.

Professor Eckhard Wolf, TU München, Institut für Molekulare Tierzucht und Biotechnologie

Klonen ist auch heute noch so eine Art Lottospielen. Wir wissen zwar mehr, welche Zellarten unter welchen Bedingungen günstig sind, trotzdem sterben viele Eizellen mit fremdem Zellkern sehr früh. Um Dolly entstehen zu lassen, brauchte es damals vor 20 Jahren 280 Versuche. Heute beträgt die Erfolgsquote 10 bis 20 Prozent. Sie hat sich also verbessert. Ein Quantensprung ist das jedoch nicht, sagt Gen-Professor Eckhardt Wolf. "Ich denke, das Klonen ist nur eine Methode, die man in Ausnahmefällen einsetzt, wenn man so ein Tiermodell generieren möchte."

Die Vorstellung, dass Klonen uns irgendwann mal eine neue Version von Opa Erwin liefert, halten Wissenschaftler mittlerweile für völligen Humbug. Dafür wissen wir jetzt schon zu viel über Gene, als dass das wirklich sinnvoll wäre, sagt Alexander Meissner aus Boston.

Diese Idee Leute zu klonieren, um den gleichen Menschen wiederherzustellen, macht sowieso keinen Sinn. Selbst wenn man eineiige Zwillinge hat und die in verschiedenen Umgebungen aufwachsen lassen würde, entwickeln sich halt ganz andere Menschen.

Alexander Meissner

Auch wenn das Klonen seit Dolly an Bedeutung verloren hat und die Erwartungen zum Teil völlig unrealistisch waren, markiert das Klonschaf Dolly einen Wendepunkt in der Genforschung. Damals erkannte man, dass ein Zellkern in der embryonalen Hülle auf irgendeine zauberhafte Weise in einen ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden kann. Diesen Mechanismus wollte man beherrschen, wollte man verstehen.

Mit dem Klonschaf Dolly begann die Suche nach diesem Mechanismus, der grundsätzlich entschlüsselt worden ist und immer besser verstanden wird.

Über dieses Thema berichtet der MDR im Radio MDR Aktuell | 22.02.2017 | 07:52 Uhr
MDR Kultur Spezial | 22.02.2017 | 18:00-19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Februar 2017, 10:39 Uhr