Videoüberwachung und Gesichtserkennung Anonymität war gestern

Bundesinnenminister Thomas de Maizière will die Videoüberwachung in Deutschland ausbauen. Mit digitaler Gesichtserkennung möchte er Verbrechen vorbeugen. In Russland braucht es dazu keine Gesetze – da kann das heute schon fast jeder. Facebook, Google und Microsoft haben die Technik auch. Und deutsche Forscher können sogar Gesichter erkennen, die verpixelt sind.

Was unser Bundesinnenminister an Bahnhöfen oder in Stadien möchte, ist in Russland mittlerweile Alltag. Dort kann jeder mit seinem Smartphone ein Foto machen, das Bild hochladen und ein paar Sekunden später bekommt man den Namen dazu. Jedenfalls dann, wenn der Fotografierte ein Profil im sozialen Netzwerk VK hat – und das sind mittlerweile immerhin 90 Millionen. Erfolgsquote über 70 Prozent, so ergaben Tests. Die App, die das kann, heißt "find face". Maxim Permin, der Moskauer Erfinder, sieht sich mit seiner Gesichtserkennung weltweit ganz vorn. "Unsere Firma sitzt in Russland, deswegen war es naheliegend, mit einem russischen sozialen Netzwerk anzufangen. Doch eigentlich könnte das System mit jedem sozialen Netzwerk funktionieren."

DeepFace erkennt fast alle

Muss es aber gar nicht. Denn auch Facebook ist beim Thema digitale Gesichtserkennung sehr weit. "Facebook Moments“ heißt die Funktion, die im vergangenen Sommer in den USA online ging. Noch ist der Dienst auf die eigene Freundesliste beschränkt, aber technisch ist er in der Lage, auf Bildern Gesichter bestimmten Personen zuzuordnen. Ein Teil der Technik ist auch in Deutschland aktiv. Wir erleben ihn jedes Mal, wenn wir ein Bild hochladen und Facebook die Gesichter markiert. DeepFace heißt das System dahinter. Bei Tests mit über 13.000 Gesichtsaufnahmen habe DeepFace in 97,25 Prozent der Fälle richtig entschieden, ob auf den Fotos die gleiche Person zu sehen sei oder nicht, so die US-Ausgabe von Technology Review.

Algorithmen arbeiten autonom

Auch Google ist mit seinem Fotodienst in der Lage, Bilder bis ins kleinste Detail auszuwerten. Algorithmen sortieren die hochgeladenen Bilder nach Ereignissen, Orten und Personen – ganz automatisch. Als Google-Manager Anil Sabharwal den erweiterten Dienst im vergangenen Jahr vorstellte, ließ er die Technik zum Beispiel alle Bilder seiner Nichte heraussuchen. Das Gesicht des Kindes hatte sich auf den über mehrere Jahre aufgenommenen Fotos deutlich verändert. Trotzdem erkannte die Software die Person mühelos. Diese Funktion sei jedoch nur für den Besitzer der Bilder nutzbar, so Sabharwal.

Da helfen nur noch schwarze Balken

Microsoft hat die Gesichtserkennung sogar in sein Betriebssystem Windows 10 integriert. Wer sich eine sogenannte RealSense-Tiefenkamera leistet, kann sich mit seinem Gesicht am Rechner anmelden. Und Forscher am Max-Planck-Institut für Informatik in Saarbrücken haben eine Software entwickelt, die sogar verpixelte Gesichter erkennen kann. Rund 70 Prozent Wahrscheinlichkeit versprechen die Wissenschaftler bei einem zwar verpixelten aber unverdeckten Gesicht. Mit anderen Worten: Wer nicht erkannt werden will, braucht einen dicken schwarzen Balken vor den Augen.