Gletscher schmelzen Kunstschnee muss sein: Schweizer Wintertourismus im Klimawandel

In diesem Winter ist viel Schnee in den Schweizer Bergen gefallen. Trotzdem werden Gletscher aufgrund der Klimaerwärmung ständig kleiner. Schneesicherheit gibt es auch in den Hochalpen nur noch mit Kunstschnee.

Gletscher in den  Berner Alpen im Kanton Wallis 3 min
Bildrechte: IMAGO

Der Klimawandel lässt Gletscher in den Schweizer Alpen schmelzen. Wintersport ist daher immer dringender auf Kunstschnee angewiesen.

MDR AKTUELL So 10.02.2019 17:55Uhr 03:00 min

https://www.mdr.de/wissen/audios/Gletscher-Schmelzen-Alpen-Schweiz-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

In den Schweizer Skiregionen ist alles winterlich weiß. Gerade haben vielerorts die Sportferien begonnen. Die Skipisten sind entsprechend gut besucht. Nach einigen schneearmen Jahren hat es im vergangenen und auch in diesem Winter in der Schweiz wieder kräftig geschneit. Teilweise gab es sogar zu viel der weißen Pracht. Dennoch spricht etwa Valentin König vom Klimawandel und vom Treibhauseffekt.

Valentin König
Valentin König, Chef der Bergbahnen der Aletsch-Arena. Bildrechte: Dietrich Karl Mäurer/ ARD Studio Zürich

König ist Chef der Bergbahnen der Aletsch-Arena. Der Aletsch ist der größte Gletscher der Alpen, er grenzt direkt an den berühmten Eiger mit seiner Nordwand an. "Man sieht natürlich an den Gletschern: Sie sind am Schmelzen, sie gehen zurück, in Länge und Mächtigkeit", sagt König. "Auf Bildern die 15, 20 Jahre alt sind, sieht der Aletsch-Gletscher größer und mächtiger aus."

Schrumpfende Gletscher

Ganz ähnlich klingt die Aussage von Simona Altwegg von Zermatt Tourismus - auch sie verweist auf schrumpfende Gletscher im Zusammenhang mit dem Klimawandel. "Man spürt den Klimawandel schon. Wir haben sehr viele Gletscher hier in der Region und die gehen zurück, wenn man die Bilder vergleicht mit den Gletschern vor 50 Jahren."

Simona Altwegg von Zermatt Tourismus
Simona Altwegg von Zermatt Tourismus Bildrechte: Dietrich Karl Mäurer/ ARD Studio Zürich

Gleichzeitig gab es im letzten Winter in Zermatt so starken Schneefall, dass der beliebte Wintersportort von der Außenwelt abgeschnitten war: "Wir hatten letztes Jahr sehr viel Schnee und dadurch auch Lawinen. Das war ein Wetterextrem", sagt Altwegg und fügt an: Ob das alles wirklich mit dem Klimawandel zusammenhänge, das müssten letztlich die Wissenschaftler beurteilen.

Lawinenforschung

Die erste Adresse für diese Frage ist das SLF, das Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos. Hier beschäftigt man sich schon seit den 1930er-Jahren mit der Entstehung von Schnee, mit Permafrost und mit Veränderungen der Ökosysteme im Gebirge. Das Institut gilt als eine der weltweit renommiertesten Einrichtungen zur Analyse von Klima- und Umweltveränderungen in Berggebieten.

Der Leiter des SLF, Jürg Schweizer, hat festgestellt, dass sich die Klimaerwärmung im Alpenraum sehr stark auswirkt, ähnlich wie an Nord- und Südpol, wo die Erwärmung auch besonders stark ist.

Wir haben in der Schweiz bereits jetzt eine Erwärmung von zwei Grad seit dem 19. Jahrhundert. Und was in den Alpen ja sehr offensichtlich ist: Die Gletscher schmelzen, sie haben seit 1850 rund 60 Prozent ihres Eisvolumens verloren. Der Schnee kommt ein bisschen später, geht ein bisschen früher. Und in Davos haben wir uns auch daran gewöhnen müssen, dass es ab und zu regnet.

Jürg Schweizer, Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos

Schneemengen schlecht vorhersehbar

Jürg Schweizer steht vor seinem Forschungsinstitut in Davos
Lawinenforscher Jürg Schweizer. Bildrechte: Dietrich Karl Mäurer/ ARD Studio Zürich

Dennoch kann in den Alpen weiterhin viel Schnee fallen und für hervorragende Wintersportbedingungen sorgen. Auch die Gefahr von Lawinen wird bestehen bleiben, sagt Lawinenforscher Schweizer. "Im Schnitt fällt weniger Schnee. Es gibt aber immer wieder Extremereignisse wie die Niederschläge jetzt im Januar 2019. Die haben Lawinenereignisse zur Folge. Es ist sehr wohl möglich, dass wir auch in Zukunft ebensolche Wetterlagen haben werden, wo wir viel Schnee bekommen", sagt der Wissenschaftler. "Das Entscheidende ist eigentlich, wie die Temperatur dann sein wird während solchen Niederschlägen. Wenn wir weiterhin kalte Luft aus dem Norden bekommen, dann wird es auch schneien, zum Teil bis in tiefe Lagen. Und es ist durchaus möglich, dass es große Lawinen, vielleicht sogar Katastrophen gibt."

Es gibt Studien, die sprechen davon, dass der Schnee bis zum Ende des Jahrhunderts um 70 Prozent abnimmt. Doch Prognosen sind schwierig, sagt der Forscher. Wie viel Schnee angesichts des Klimawandels in Zukunft tatsächlich fallen wird, ließe sich viel schwerer vorhersagen, als Veränderungen bei der Temperatur:

Bei der Temperatur wissen wir recht genau, wie die etwa zunehmen wird in den nächsten 50 Jahren. Beim Niederschlag geht man davon aus, dass es eine gewisse Intensivierung gibt. Es könnte in hohen Lagen sogar ein bisschen mehr Schnee geben. Die Niederschläge werden bisschen intensiver, auch im Winter.

Jürg Schweizer, Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos

Wintersport dank Schneekanonen

Skifahrer am Skigebiet am Weissfluh
Skifahrer am Skigebiet am Weissfluh Bildrechte: Dietrich Karl Mäurer/ ARD Studio Zürich

Die Niederschlagsmengen beschäftigen natürlich auch die Tourismusindustrie, gerade mit Blick auf den Wintersport. Doch auch wenn kaum oder gar kein Schnee fallen sollte, zumindest nach außen hin bleiben die Akteure relativ entspannt. "Selbstverständlich, der Klimawandel, der findet statt. Es gilt sich zu adaptieren", sagt Martin Nydegger, der Direktor von Schweiz Tourismus. Mit adaptieren meint er Kunstschnee aus Schneekanonen, sogenannte technische Beschneiung.

In der Schweiz ist die technische Beschneiung extrem vorangeschritten. Also wir können garantieren, dass man im nächsten Winter und auch in den Wintern darauf in der Schweiz Skifahren und Snowboarden kann. Die Frage stellt sich nur, wie viel davon ist Naturschnee und wie viel ist technischer Schnee.

Martin Nydegger, Schweiz Tourismus

Etwa die Hälfte aller Schweizer Pisten kann im Bedarfsfall künstlich beschneit werden. Das entspricht einer Fläche von 11.000 Hektar oder umgerechnet mehr als 15.000 Fußballfeldern. Hunderte Millionen Franken werden pro Saison für die technische Beschneiung ausgegeben. Bald 100 Stauseen wurden gebaut, um mit deren Wasser die Schneekanonen zu speisen.

Umweltschützer alarmiert

Auch wenn die Schweiz längst nicht so viele Anlagen installiert hat wie Nachbar Österreich, so warnen Naturschutzorganisationen regelmäßig vor den Folgen für die Umwelt und verweisen auf den Energiehunger der Schneekanonen. Doch mit Blick auf die schwankenden Übernachtungszahlen sehen die Tourismusbetriebe keine Alternative zu Investitionen in die technische Beschneiung. Martin Nydegger von Schweiz Tourismus ist sich sicher, trotz Klimawandel werde die Branche überleben.

Wir haben 29 Skigebiete in der Schweiz, Winterdestinationen, deren Skilifte bis über 2.800 Meter hinaufgehen. Und... bis es dort keinen Schnee mehr hat, da vergehen noch unglaublich viele Jahrzehnte. Wir werden noch in 20 und 30 Jahren in der Schweiz problemlos Skifahren können.

Martin Nydegger, Schweiz Tourismus
Gletscher in den  Berner Alpen im Kanton Wallis 3 min
Bildrechte: IMAGO

Der Klimawandel lässt Gletscher in den Schweizer Alpen schmelzen. Wintersport ist daher immer dringender auf Kunstschnee angewiesen.

MDR AKTUELL So 10.02.2019 17:55Uhr 03:00 min

https://www.mdr.de/wissen/audios/Gletscher-Schmelzen-Alpen-Schweiz-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 10. Februar 2019 | 17:50 Uhr