Eine Hand greift in einem Naturkostladen nach einem glutenfreien Brot
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Nahrungsmittel-Forschung Glutenkiller: Hoffnung für Zöliakie-Kranke?

800.000 Deutsche leben mit Zöliakie. Sie müssen auf alle Lebensmittel verzichten, in denen Mehl enthalten ist, sprich Gluten. Forscher aus Österreich haben ein Nahrungsergänzungsmittel entwickelt, das das Gluten im Körper unschädlich machen soll. Die Erwartungen in das Produkt sind groß - aber sind sie auch berechtigt?

von Annegret Faber

Eine Hand greift in einem Naturkostladen nach einem glutenfreien Brot
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Zöliakie-Erkrankte haben eine ständig gereizte Darmschleimhaut, die nicht mit Gluten umgehen kann. Gluten ist im Weizen, in Roggen, Gerste, Dinkel, auch im Hafer enthalten. Betroffenen müssen deshalb eine strenge Gluten-Diät einhalten, sonst bilden sich die Darmzotten zurück und der Dünndarm nimmt nicht mehr genügend Nährstoffe auf. So entstehen Nährstoffdefizite und Beschwerden, Magen- und Kopfschmerzen sind die typischsten Symptome, die auch Ute Hamacher-Reichenberg aus eigener Erfahrung kennt, weil sie selbst an Zöliakie erkrankt ist. Zöliakie ist keinesfall eine "junge" Zivilisations-Krankheit, wie vielleicht manch einer denkt, wie die Leiterin der Geschäftsstelle der deutschen Zöliakie-Gesellschaft (DZG) erklärt:

Es gab sie wohl schon bei den alten Griechen. Auch da gab es Menschen die einen aufgeblähten Bauch hatten und die wussten, dass es von dem Getreide kommt, was sie essen. Die haben dann diese Zutaten gemieden und sich von anderen Dingen ernährt, wie Fleisch und Gemüse und Früchten.

Ute Hamacher-Reichenberg, DZG

Vielleicht ist es heute einfacher, mit Zöliakie zu leben als zu Zeiten der alten Griechen, denn glutenfreie Produkte gibt es mittlerweile in jedem Supermarkt. Trotzdem müssen Betroffene extrem auf ihre Ernährung achten. Schon 20 ppm Gluten, also ein 20-Millionstel-Gramm, machen ihrem Darm Probleme. Forscher aus Österreich wollen nun für diese Menschen ein potenzielles Gegenmittel gefunden haben. Es dockt an dem aufgenommenen Gluten an und neutralisiert es, erläutert die Zöliakie-Expertin, Dr. Stephanie Baas, die Funktionsweise des vielversprechenden Mittels. Seit 14 Jahren berät sie Patienten und die Deutsche Zöliakie Gesellschaft und wertet internationale Studien aus. Ihre Reaktion auf die Nachricht aus Österreich ist eher verhalten:

Es wird ein neuer Ansatz präsentiert, um das Gluten schon vor dem Kontakt mit der Schleimhaut, dem Immunsystem unschädlich machen zu können und das ist ja ein guter Gedanke.

Dr. Stephanie Baas

Und das geht im Prinzip so: Bevor das Gluten mit der Darmschleimhaut in Kontakt kommt, wird es verpackt und abtransportiert. Es reizt also den Darm nicht mehr. Der Patient bleibt gesund und nimmt Nährstoffe auf wie ein gesunder Mensch. Schon in wenigen Jahren könnte das Präparat als Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt kommen. Allerdings zweifelt Stephanie Baas an dessen Wirkung, denn die Forscher sprechen von "Computerbasierten Berechnungen" - Tests am Menschen gäbe es nicht. Im Magen und im Darm herrschen aber extreme Bedingungen, die sich nicht so einfach simulieren lassen, sagt Baas:

Und damit muss das Präparat ja zurechtkommen. Das heißt, im sauren Magen darf es nicht abgebaut werden, es muss in den Dünndarm gelangen und dort muss es sehr schnell in Kontakt kommen mit dem Gluten, dass im Nahrungsbrei drin ist. Der Nahrungsbrei ist ja unter Umständen auch nicht ganz homogen.

Dr. Stephanie Baas

Eine Stück Kuchen, eine Scheibe Brot unschädlich machen, das könne das Mittel sicher nicht, sagt die Expertin. Aber Kleinstmengen könnte es neutralisieren. Das sehen auch die Studienmacher so. Dennoch wäre schon die Wirkung auf kleine Mengen eine große Erleichterung, sagt die Leiterin der Zöliakie Gesellschaft:

Bei der Diagnose Zöliakie müssen die Betroffenen sehr, sehr strikt und streng darauf achten, dass sie sich wirklich vollständig glutenfrei ernähren. Das heißt, es darf kein Krümelchen und kein Stäubchen glutenhaltiges Mehl mit dem glutenfreien Produkt in Berührung kommen.

Ute Hamacher-Reichenberg

Der Alltag in einer Familie, wenn fast alle Brot und Kuchen essen und die Krümel in der Küche verteilen, wird so zum Spießrutenlauf für jemanden mit Glutenunverträglichkeit. Das könnte das Mittel aus Österreich tatsächlich ändern, denn diese kleinen Mengen Gluten, die der Betroffene ohne sein Wissen aufnimmt, könnte es vielleicht tatsächlich unschädlich machen.

Eine Mitarbeiterin arbeitet am Fließband.
Eine glutenfreie Umgebung - in der Industrie möglich, im privaten Bereich schwierig. Bildrechte: IMAGO

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | HAUPTSACHE GESUND | 26. Juli 2018 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Oktober 2018, 10:00 Uhr