Irland Klippen von Moher
Bildrechte: MDR/Polster & Pohl

Klimawandel Versiegt der Golfstrom?

Palmen an Irlands Westküste, nicht allzu kalte Winter und milde Temperaturen im Frühjahr und im Herbst. Nicht zu viel und nicht zu wenig Regen! Dass das so ist, dabei hat auch einer seine Hand mit im Spiel, von dem wir alle schon gehört haben: Der Golfstrom. Eine neue Studie legt nahe, dass er fragiler, zerbrechlicher ist, als wir bisher dachten. Sie sagt: In 100 bis 300 Jahren könnte er stillstehen.

von Wissenschaftsredakteur Karsten Möbius

Irland Klippen von Moher
Bildrechte: MDR/Polster & Pohl

Die neue Studie konzentriert sich auf den Salzgehalt des Wassers im Golfstrom. Diese Daten waren offenbar bisher zu ungenau. Der Salzgehalt spielt aber im Zusammenspiel mit der Temperatur die entscheidende Rolle wie schwer Wasser ist, erklärt Prof. Stefan Rahmstorf vom Potsdamer Institut für Klimaforschung: 

Denn die Dichte des Oberflächenwassers wird durch Temperatur und Salzgehalt bestimmt. Und wärmeres Wasser ist eben leichter als kaltes Wasser und salzärmeres Wasser ist leichter als salzreicheres Wasser.

Prof. Stefan Rahmstorf, Institut für Klimaforschung Potsdam

Durch das Schmelzen des Polar- und des Grönlandeises wird das Wasser des Golfstroms immer süßer und wärmer - also leichter. Das ist deshalb so entscheidend, weil dort, wo der Golfstrom endet - im Nordatlantik - das Wasser drei Kilometer in die Tiefe fällt, so Wasser nachzieht und damit wie eine Pumpe wirkt. Wenn das Wasser immer leichter wird, lässt dieser Effekt nach und hört vielleicht irgendwann ganz auf - so das Modell, das von einer Verdopplung der Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre ausgeht. Ob der Golfstrom aber tatsächlich in 300 Jahren stillsteht, weiß niemand genau. Das ist auch für die Wissenschaftler an dieser Studie gar nicht das Entscheidende.

Worum es hier geht, ist eine Art Risikoabschätzung. Man kann das vergleichen mit dem, was Ingenieure machen, die das Risiko einschätzen, dass es einen Kernenergieunfall gibt.

Prof. Stefan Rahmstorf

Und zu dieser Risikoabschätzung leistet die neue Studie einen wichtigen Beitrag, so Rahmstorf, indem sie aufzeigt, dass die heute verwendeten Klimamodelle offensichtlich zu stabil sind und dass dieses Risiko größer ist als bislang angenommen.

Golfstrom
Der Golfstrom Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es gibt noch einen anderen Effekt, der den Golfstrom beeinflusst. Dort wo die Tiefenströmung wieder nach oben kommt, im Südatlantik, strömt durch Westwinde zunehmend sehr salziges Wasser in den Kreislauf des Golfstroms, erklärt Prof. Arne Biastoch, Experte für Ozeanzirkulation aus Kiel.

Wir bringen mehr Süßwasser vom Norden ins System - das führt zu weniger Salz - und wir bringen gleichzeitig mehr Salz aus dem Süden ins System. Die Frage ist jetzt: Welcher Effekt gewinnt?

Prof. Arne Biastoch, Physikalischer Ozeanograph, Geomar Kiel
SMOS - die erste ESA-Satellitenmission zur Fernerkundung der Bodenfeuchte der Festlandareale und des Salzgehaltes der Meere
Die Europäische Raumfahrtorganisation ESA erforscht mit dem Satelliten  “SMOS“ u.a. den Salzgehalt der Meere, um gesicherte Erkenntnisse zum Wasserkreislauf auf der Erde zu erhalten. Bildrechte: ESA - P. Carril

Diese Frage kann auch das neue Modell nicht beantworten. Es zeigt nur, dass man den Salzgehalt besser im Blick haben muss, um genauere Modelle und Vorhersagen treffen zu können, meint Klimaforscher Arne Biastoch. Was wir wissen ist, dass das System von Woche zu Woche, von Monat zu Monat Schwankungen unterworfen ist. Langfristige Vorhersagen sind nur sehr schwer möglich. 

Man kann natürlich jetzt sagen, man muss einfach noch 20 Jahre mehr messen und dann werden wir es schon sehen, aber so viel Zeit haben wir natürlich nicht.

Prof. Arne Biastoch

Prof. Stefan Rahmstorf aus Potsdam sieht das genauso. Denn diese Unsicherheit bedeutet auch, “dass es deutlich rascher oder schlimmer kommen kann, als erwartet“. Die Vorhersage der aktuellen Studie ist, dass die Temperaturen bis um drei Grad in Europa sinken würden, wenn der Golfstrom zum Stehen käme. Besonders betroffen wären Frankreich, Irland, Großbritannien und Skandinavien.

Es gibt auch Stimmen, die sagen der Einfluss des Golfstroms auf unser Wetter werde überschätzt. Ob das Szenario eintritt, wie es wirklich aussieht und welche Konsequenzen drohen würden, das weiß aber niemand.  

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im Radio | 02.02.2017 | 06:53

Zuletzt aktualisiert: 11. April 2018, 17:22 Uhr