Ernährung Kann grüne Gentechnik die Welt satt machen?

Ist grüne Gentechnik eine Antwort auf die Ernährungsfragen der Zukunft? Ja, sagt Pflanzenforscher Prof. Nicolaus von Wirén aus Sachsen-Anhalt. Aber nur, wenn die Gentechnik auch die Folgen für die Umwelt berücksichtigt.

Wissenschaflter schauen in eine Petrischale
Bildrechte: imago/Westend61

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen leben im Jahr 2050 etwa zehn Milliarden Menschen auf der Erde. Um alle zu ernähren, müssten wir die Erträge in der Landwirtschaft um 50 Prozent steigern. Doch gerade ärmere Regionen sind vom Klimawandel betroffen: Dürre und Unwetter sorgen dort immer häufiger für dramatische Ernteausfälle. Aber auch die Landwirtschaft in Mitteleuropa oder Nordamerika werden Veränderungen treffen. Manche Forscher sprechen gar von biblischen Plagen. Können gentechnisch veränderte Pflanzen helfen, uns auch in Zukunft zu ernähren?

Ein Mann mit Sakko und Krawatte
Professor Nicolaus von Wirén Bildrechte: Sam Rey/Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung Gatersleben

Zu dieser Frage forscht Nicolaus von Wirén, Molekularbiologe am Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung  (IPK) in Gatersleben.

Für den MDR WISSEN Podcast "So essen, dass die Welt nicht hungert" erklärt er, welche Möglichkeiten die grüne Gentechnik für uns bietet – also gentechnische Methoden, die in der Pflanzenzüchtung benutzt werden.

Hohe Erträge - aber wenig Stresstoleranz

Das Problem ist, dass Pflanzen, die hohe Ernteerträge liefern, meist wenig stresstolerant sind. Trockenheit, starker Regen oder Krankheiten führen also schnell zu Einbußen in der Ernte. In den vergangen Jahren wurde daher intensiv untersucht, wie sich Pflanzen an schwierige Standortverhältnisse anpassen. Man kennt inzwischen auch die Gene, die für die günstigen Eigenschaften verantwortlich sind. Durch die grüne Gentechnik ist es möglich, die Mechanismen von stresstoleranten Wildpflanzen in Kulturpflanzen zu übertragen.

Ein Beispiel ist Weizen, bei dem ein bestimmtes Gen herunterreguliert wird, das normalerweise dem Mehltaupilz erst ermöglicht, in die pflanzliche Zelle einzudringen. Legt man dieses Gen still, wird die Weizenpflanze resistenter gegenüber dem Pilz.

Prof. Dr. Nicolaus von Wirén, Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben

Die neuen Verfahren der grünen Technik, wie etwa das "Genome Editing" mit der CRISPR/Cas-Methode, sind so präzise, dass sich die veränderte Pflanze nicht mehr von konventionellen Züchtungen unterscheidet. Die neue Weizensorte hätte also ebenso durch Kreuzung oder spontane Mutation entstehen können.

Chancen größer als Risiken?

Doch welche Gefahren birgt es, Pflanzen gentechnisch zu verändern? "Um die Risiken abzuschätzen, reicht ein Blick in die Länder, in denen bereits seit vielen Jahren gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut werden, etwa die USA, Brasilien oder China. Dort kann man keine Nachteile erkennen. Es gibt also weder invasive Arten – also solche, die Pflanzen oder andere Tierarten verdrängen – noch solche, die die Gesundheit des Menschen bedrohen. Das heißt, in der Anwendung dieser Technologie und ihren Produkten sehe ich keine erkennbaren Risiken", fasst Nikolaus von Wirén zusammen.

Das sieht der Europäische Gerichtshof (EuGH) anders. Er urteilte im Sommer 2018, dass diese neuen Methoden der Pflanzenzüchtung unter die EU-Richtlinien für Gentechnik fallen. Damit müssen die neuen Pflanzensorten strengere Zulassungsverfahren durchlaufen als solche, die konventionell gezüchtet wurden. Zu den konventionellen Methoden zählt für den EuGH allerdings auch das Erzeugen von Mutationen nach dem Zufallsprinzip, etwa durch radioaktive Strahlung oder durch Chemikalien. Denn das gelte, so das Gericht, "seit langem als sicher".

Technologie erlauben, Anwendung regulieren

Der Wissenschaftler Nicolaus von Wirén sieht stattdessen das eigentliche Risiko der grünen Gentechnik in der Art ihrer Anwendung: So hat vor allem der Anbau von Pflanzenarten, die tolerant gegen Pflanzenschutzmittel sind, zu einem massiven Einsatz von Herbiziden geführt. Dies sei, so der Wissenschaftler, jedoch keineswegs nachhaltig und keine Lösung für unsere Probleme.  Das zeigt auch das Bienensterben und der generelle Rückgang der Artenvielfalt.

Wir sollten in Zukunft eher die Anwendung der Technologie regulieren und solche gentechnisch veränderte Pflanzen zulassen, die Vorteile für die Umwelt bringen. Zum Beispiel, weil sie weniger Düngemittel und Pflanzenschutzmittel brauchen und besser an das veränderte Klima angepasst sind.

Prof. Dr. Nicolaus von Wirén

(gp)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 07. Oktober 2018 | 19:00 Uhr