Schüler schreiben
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Tag der Handschrift Verlernen wir das Schreiben?

Bildungsforscher machen sich Sorgen um die Handschrift. Denn sie ist weit mehr als nur Striche und Linien. So wie wir sie lernen, können wir sie auch verlernen. Wie steht es um die Handschrift und was empfehlen die Forscher? MDR Wissen Redakteurin Karolin Dörner ist den Fragen nachgegangen.

Schüler schreiben
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Es ist die dritte Stunde. Die 1e der Grundschule Neumarkt in Halle hat Deutschunterricht. Die Aufgabe: Wörter sammeln - zum Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Die Kinder legen los: konzentrierte Miene, der Bleistift fest im Griff. Leises Getuschel und Gemurmel. "Ich hab geschrieben Schnee und Baden. Und mir gefällt das sehr gut“, zeigt eine Schülerin voller Stolz. Eine andere: "Im Sommer, im Herbst, im Frühling, im Winter. Das sind die vier Jahreszeiten.“

Der Sommer hat zwar nur ein M und endet mal auf A. Hin und wieder fehlen Buchstaben auch ganz oder sind verdreht oder spiegelverkehrt. Aber die Ideen sprudeln, und manchmal hilft man sich auch:

"Wie geht ein F? Ein grader Strich und zwei… genau.“ Nach einiger Zeit aber wird das Klassenzimmer unruhiger, die Kinder legen die Stifte beiseite. Die Begeisterung lässt nach und das liegt nicht nur an der Konzentration. "Ja, da tut mein Handgelenk weh und ich bin erkältet - ein bisschen.“

Und was hilft da? "Da muss ich einfach meinen Stift aus der Hand legen und mir ein bisschen Ruhe gönnen für mein Handgelenk.“

Schlafendes Mädchen über den Hausaufgaben
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Dass Kinder schnell ermüden, ist kein Wunder sagt Michael Ritter, Professor für Grundschuldidaktik an der Uni Halle. Denn Schreiben ist primär ein motorischer Ablauf. Die Hände der Erstklässler müssen völlig neue Bewegungen lernen.

Diese Form der Routine braucht erstmal Übung. Das ist wichtig, also es reicht nicht einmal zu verstehen, wie ich schreibe und dann kann ich das, sondern ich brauche vielfältigste Übungsformen, um diese Bewegungsroutinen zu verinnerlichen.

Michael Ritter, Prof. für Grundschuldidaktik, Uni Halle

Schreibtraining also, damit am Ende eine Handschrift herauskommt, die leserlich ist und schön. Und daran hapert es an deutschen Schulen – das ergeben zumindest zahlreiche Studien, so der Bildungsforscher. Sie belegen, dass sich das Schriftbild von Grundschülern in den letzten Jahren verschlechtert hat.

Ich denke da zum Beispiel an die sehr rezipierte Studie von Wolfgang Steinig, der Texte verglichen hat - Texte von 1972, von 2002 und 2012 - und zu dem Ergebnis kam, dass sich die Handschrift deutlich verschlechtert hat.

Prof. Michael Ritter

Als Vorbild der schönen Schrift dient bis heute die lateinische Schreibschrift, die mit vielen Schnörkeln die Buchstaben komplett verbindet. Das war wichtig, als die Schreibfeder Einzug in Europa erhielt. Seit dem Kugelschreiber aber, darf der Stift auch abgesetzt werden. Darum werden in Deutschland heute auch vereinfachte Schreibschriftarten gelehrt. Und die stehen in der Kritik: Besonders die Grundschrift, die seit 2011 an einigen Schulen unterrichtet wird und eher den Druckbuchstaben ähnelt.

Kinder sollen die Buchstaben selbst verbinden. Fraglich bleibt, ob sie das schaffen. Ein weiterer Kritikpunkt: der Computer, denn durch das Tippen verkomme die Feinmotorik. Schreiben würde nicht richtig erlernt und könne sogar wieder verlernt werden. Michael Ritter von der Uni Halle

Also ich würde die Ursache an anderer Stelle suchen: Der Lehrplan der Grundschule und das Aufgabenfeld des Deutschunterrichts hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten massiv erweitert. Kinder haben heute einen sehr viel breiteren Zugriff auf Schrift, auf Sprache, auf Literatur. Und entwickeln dementsprechend in ganz unterschiedlichen Bereichen ganz neue Kompetenzen, die vor 30-40 Jahren noch gar nicht im Bewusstsein waren.

Prof. Michael Ritter

Stichwort: Überfrachtung des Lehrplans. Wenn Neues hinzugefügt wird, aber Altes erhalten bleiben soll, bleibt etwas auf der Strecke, so Ritter, in dem Fall das “Schönschreiben“. Er plädiert deshalb für den Mittelweg. Schriftsprache unterstützen, Handschrift stärken - aber zeitgemäß. Und das bedeutet eben, dass Schrift sich auch verändern darf und der Computer als Hilfsmittel nicht ausgeschlossen wird.

Über das Thema berichtete MDR Aktuell im Radio | 23.01.2017 | 08:20

Zuletzt aktualisiert: 12. September 2017, 14:11 Uhr