Hirnforschung zu Halloween Warum ist Gruseln so schrecklich schön?

Warum inszenieren wir zu Halloween, wovor wir eigentlich weglaufen sollten? Warum schauen wir uns Horrorfilme freiwillig an? Hirnforscher wissen, wie die Chemie der Angst funktioniert und woher die Lust am Grusel kommt.

Kind trägt eine Gruselmaske.
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Unser Angstzentrum sitzt im Stammhirn und heißt Amygdala. Sie wird immer dann aktiviert, wenn wir eine Bedrohung auf uns zukommen sehen: ein extrem lautes, unbekanntes Geräusch, eine beängstigende Gestalt, einen heranfliegenden Gegenstand. Sofort setzt sie Reaktionen im ganzen Körper in Gang damit wir je nach Situation sofort fliehen, kämpfen oder erstarren können.

Grafische Darstellung der Position der Amygdala im Gehirn
Kleines Areal mit großer Wirkung: Der rote Punkt ist die Amygdala, die Gefahren bewertet. Bildrechte: imago/Science Photo Library

Parallel dazu läuft aber im menschlichen Gehirn ein weiterer Prozess ab, der Sekundenbruchteile länger dauert:
Das Alarmsignal bzw. die Sinneseindrücke, die wir von der bedrohlichen Situation haben, werden an die Großhirnrinde weitergeleitet. Dieses Hirnareal sorgt dafür, dass wir ein klareres Bild von der vermeintlichen Gefahr bekommen. Je nach dem, wie ernst die Lage wirklich ist, verstärken wir unsere Abwehrreaktion oder entspannen uns.

So lange wir erwarten, dass uns gleich etwas zustoßen wird, werden durch das Nebennierenmark die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet. Sie sollen Energie für im Körper freisetzen, damit wir fliehen oder uns verteidigen können. Der Blutzuckerspiegel steigt, das Herz schlägt schneller und wir fangen an zu schwitzen.

Fehlalarm löst Glücksgefühle aus

Sind wir umsonst erschrocken, droht uns gar keine reale Gefahr, wie zum Beispiel bei einem Gruselfilm oder eben zu Halloween, strömt das Hormon Endorphin durch unseren Körper. Das ist ein körpereigenes Opiopeptid, das schmerzstillend und beruhigend wirkt - ganz im Gegensatz zu den Stresshormonen, die uns vorher auf Touren gebracht haben. Dieses Wechselbad der Gefühle verursacht einen gewissen Kick, weshalb wir uns wohl auch so gern gruseln.

Nur wer entspannt ist, kann den Nervenkitzel auch genießen

Grundsätzlich brauchen wir aber Sicherheit und Urvertrauen. Nur wenn wir uns dessen gewiss sein können, haben wir auch Lust, unsere Grenzen auszuloten und uns aufregenden Situationen auszusetzen. Psychologen sprechen hier von Angstlust.

Prof. Dr. Peter Walschburger
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Das ist, wenn man sich freiwillig in eine Situation begibt, in der es ein bisschen gefährlich wird und man auch mal die Kontrolle verlieren kann. Aber eben mit dem Wissen, dass Rettung in der Nähe ist, falls etwas passiert. Als Windsurfer an einem bewachten Strand oder eben im Sofa, wenn ich einen Gruselfilm schaue. Es ist ein Spiel mit der Angst.

Prof. Peter Walschburger, Biopsychologe

Jeder gruselt sich anders

Nicht alle empfinden das Gruseln gleich. Wer ängstlich ist, dem reicht schon der kleinste Nervenkitzel. Aber es gibt auch Menschen, die die Herausforderung besonders suchen und so auch die Gefahr unterschätzen.

Abenteurer wie Reinhold Messner zum Beispiel, die auf den Mount Everest steigen oder die Polkappen durchwandern. Die ignorieren manchmal ihr Warnsystem und kehren dann eben vielleicht nicht zurück.

Prof. Peter Walschburger

Dieses Ausprobieren, wie weit man als Mensch gehen kann, habe evolutionär gesehen aber auch seinen Sinn, so Walschburger. Nämlich herauszufinden, ob sich unsere Grenzen nicht vielleicht doch verschieben lassen. So weit müssen wir zu Halloween ja vielleicht nicht gehen.

Über dieses Thema berichtet MDR LexiTV auch im : Fernsehen I 30.10.2016 I 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Oktober 2017, 12:12 Uhr