Pflegekraft am Bett eine Gastes in einem deutschen Hospiz
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Welthospiztag Palliativmedizin: ein Stück Hoffnung am Ende des Weges?

Diagnose Krebs - schon das ist ein Schock. Wenn es dann heißt: keine Chance auf Heilung mehr, ist guter Rat teuer. Genau hier setzt Palliativmedizin an. Sie hilft Patienten und ihren Angehörigen, durch die verbleibende gemeinsame Zeit. Welche Möglichkeiten es gibt und wo das junge Fachgebiet an seine Grenzen kommt, danach fragen wir heute zum Welthospiztag.

von Kathleen Raschke-Maas

Pflegekraft am Bett eine Gastes in einem deutschen Hospiz
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Ruhig geht es zu auf der Palliativstation des Universitätsklinikums in Leipzig. Alle 12 Einzelzimmer sind belegt, ein kleines Licht im Flur signalisiert, das hier vor wenigen Stunden ein Leben zu Ende ging. Dennoch ist diese Station nicht unbedingt eine Endstation, wie viele glauben.

Das oberste Ziel für die meisten unserer Patienten ist, dass wir sie wieder nach Hause entlassen. Wir möchten erreichen, dass sie ihre begrenzte Lebenszeit noch gut nutzen können - in vertrauter Umgebung oder an einem Ort, an dem sie weiter betreut werden möchten, wie zum Beispiel in einem Hospiz.

Dr. Dörte Schotte, Oberärztin

Um dieses Ziel zu erreichen, sorgen Menschen aus verschiedenen Berufen gemeinsam für die Patienten und ihre Angehörigen: Mediziner, Psychologen, Physiotherapeuten, Sozialarbeiter, Krankenschwestern, Pfleger und Ehrenamtliche. Diese Multiprofessionalität ist einmalig in der Medizin, und auch dringend notwendig. Denn wer hier her kommt, hat mehr als nur ein Problem.

Ein 61-jähriger Krebspatient im Palliativzentrum der Uniklinik Köln, 2015
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Manchmal ist der Schmerz das Schlimmste, oder Übelkeit, Erbrechen und andere körperliche Symptome. Oft gehören aber auch psychische Probleme dazu - weil die Krankheit schon so lange andauert oder die Diagnose noch ganz frisch ist. Auch da sind die psychischen Belastungen sehr groß.

Dr. Dörte Schotte

Deshalb spielen in der Palliativmedizin auch die Angehörigen eine große Rolle, mehr als auf jedem anderen medizinischen Fachgebiet. Ist ein Mensch lange Zeit schwer oder gar unheilbar erkrankt, sind auch die betroffen, die ihm nahe stehen: Die Familie mit Kindern, die sich fragt, wie es weitergehen soll. Oder die Ehefrau, die ihren Mann über Monate gepflegt hat und deren Kräfte aufgezehrt sind. Um herauszufinden, wo der Schuh gerade am meisten drückt, ist vor allem eines wichtig:

Reden, reden, reden. Da spürt man manchmal auch Unausgesprochenes, was der Patient oder seine Angehörigen sich nicht trauen, zu sagen. Oder man nimmt an der Mimik wahr, dass da noch irgendwas ist.

Dr. Dörte Schotte

Dennoch gibt es für die Aufnahmegespräche auch sogenannte Screeningsinstrumente. Das sind standardisierte Fragebögen, die unter anderem erfassen: Wie intensiv sind die Symptome? Wie ist das aktuelle soziale Umfeld? Was kann der Patient noch allein? Denn auch wenn die tägliche Arbeit mit den Patienten viel Einfühlungsvermögen erfordert, steht die Palliativmedizin vor allem auf wissenschaftlichen Füßen. Viele der Forschungsergebnisse finden sich in der Leitlinie Palliativmedizin für Ärzte und für Patienten wieder. Es geht in jedem Einzelfall darum, herauszufinden unter welchen Voraussetzungen und mit welchen Therapiemöglichkeiten Menschen in dieser speziellen Lebensphase begleitet werden können.

Das ist in der Tat die Schwierigkeit, dass wir nicht wissen: Wie lange werden wir den Patienten im Rahmen von Forschung begleiten können? Oder wie berücksichtigen wir Patienten, die aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation nur begrenzt oder gar nicht einwilligungsfähig sind?

Dr. Dörte Schotte

Selbst für die Aufnahme der Patientendaten ins Nationale Hospiz- und Palliativregister ist eine Patienteneinwilligung erforderlich. Trotz dieser Hürden entwickelt sich die Palliativmedizin in Deutschland rasant weiter. Seit Anfang der 1980er-Jahre wurden mehr als 300 Stationen in Kliniken eröffnet, inzwischen gibt es flächendeckend auch eine ambulante Versorgung auf diesem Gebiet. 2015 hat die Bundesregierung ein Gesetz zum Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung beschlossen. Ärzte können sich inzwischen für die Palliativmedizin spezialisieren, es ein Pflichtfach im Medizinstudium.

Darüber bin ich sehr froh. Es ist wichtig, zu erleben, dass wir nicht alle heilen können. Dass es Grenzen gibt, an die wir in unserem Beruf stoßen. Aber dass wir diesen Patienten trotzdem helfen können, wenn wir multiprofessionell zusammenarbeiten.

Dr. Dörte Schotte

Auch Dr. Dörte Schotte erlebt diese Grenzen beinahe täglich. Seit 2009 arbeitet sie als Oberärztin auf der Palliativstation der Universitätsklinik Leipzig. In dieser Zeit hat sie viele Patienten begleitet, deren Schicksal ihr nahe ging. Trotzdem kommt sie jeden Tag gern zur Arbeit.

Ich trage das ja nicht allein. Jeder in unserem Team nimmt Anteil. Und uns ist bewusst, dass wir hier schwerkranke Menschen versorgen, für die es keine Heilung mehr gibt. Da erfreuen wir uns an den kleinen Erfolgen. Das ist es glaub ich, was mir auch hilft.

Dr. Dörte Schotte

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL: im Radio | 14.10.2017 | 09:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2018, 16:41 Uhr