Naturforscher Alexander von Humboldt - der "Uropa" von Fridays for Future

Sein Leben liest sich wie ein Abenteuerroman: Schiffsreisen auf die amerikanischen Kontinente, Forschung in Zentralasien oder eine Expedition durch Russland. Der Naturforscher Alexander von Humboldt arbeitete nicht nur als einer der ersten fächerübergreifend als Universalgelehrter und erkannte so die globale Dimension unseres Ökosystems, sondern warnte auch als Erster vor einem vom Menschen verursachten Wandel des Klimas - schon im Jahr 1800.

Alexander von Humboldt war zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Superstar seiner Zeit. Studenten kamen aus den USA nach Berlin, um Humboldt sprechen zu hören, für berühmte Wissenschaftler wie Charles Darwin war er ein Vorbild, erklärt Kunsthistorikerin Andrea Wulf. Ihre Biografie über das Universalgenie wurde zum Beststeller - übersetzt in 25 Sprachen. Anlässlich des Humboldt-Jahres - mit dem der 250. Geburtstag des Naturforschers am 14. September gefeiert wird - hat sie auch noch eine Graphic Novel über seine abenteuerlichen Reisen verfasst, die auf seinen Tagebüchern beruht.

Suche nach ganzheitlicher Erkenntnis

Alexander von Humboldts größtes Vermächtnis - so sieht es Biografin Wulf - ist wohl, dass er der Menschheit ein neues Konzept von Natur gegeben hat. Anders als seine Zeitgenossen habe er im Laufe seiner Reisen durch die Welt die Natur als eine globale Kraft verstanden. So beschrieb er etwa Klima- und Vegetationszonen, die sich um die ganze Welt schlängeln, erläutert Wulf. Diese komplexe, globale Dimension der Natur sei noch heute die Grundlage für all unser Wissen in diesem Bereich.

Humboldt hat uns ein neues Konzept der Natur gegeben, indem er die Natur als ein zusammenhängendes Ganzes beschrieben hat, als einen lebendigen Organismus. Und er hat auch schon im Jahre 1800 vor dem vom Menschen verursachten Klimawandel gewarnt.

Andrea Wulf, Kulturhistorikerin und Humboldt-Biografin

Humboldt sei nicht nur klargeworden, dass die Welt zusammenhängt, sondern dass sie auch ein lebendiger Organismus ist. Im Grunde der Beginn der Ökologie.

Abbildung der Seiten 104 und 105 aus dem Buch "Die Abenteuer des Alexanders von Humboldt".
Das Buch "Die Abenteuer des Alexander von Humboldt" ist detailreich illustriert. Bildrechte: Verlag C. Bertelsmann

Wulf betont, wie wichtig das ganzheitliche, das netzartige Denken des Naturforschers für diese Erkenntnisse war: Er legte sich nicht auf eine wissenschaftliche Disziplin fest, seine Feldstudien betrieb er etwa in zahlreichen Naturwissenschaften. Denn Humboldt ging es um das Stillen seines schier unendlichen Wissensdursts. Und das erworbene Wissen teilte er gern: Interessierte mussten nicht bezahlen, um in seine Vorlesungen zu kommen, und viele Dinge hat er nicht nur in Tabellen und Zahlen dargestellt, sondern visuell - so, dass sie jeder versteht. "Humboldt hat wirklich das Wissen demokratisiert", sagt Wulf.

Schon Humboldt sieht Mensch-gemachten Klimawandel

In ihrer jüngsten Publikation greift die Kulturhistorikerin auch einen ganz aktuellen Aspekt aus Humboldts Forschung und Leben auf: Schon vor mehr als 200 Jahren warnte der Universalgelehrte angesichts der Umweltzerstörung vor der Gefahr eines Klimawandels. Er habe ganz klar formuliert, dass der Mensch die Macht habe, das Klima zu verändern.

Aber wie ist er so früh auf diese Idee gekommen? Hauptsächlich aufgrund der abgeholzten Wälder, die Humboldt im Laufe seiner Südamerika-Reise begegnet sind, so Wulf. Dort habe er gesehen, wie Plantagenbesitzer riesengroße Waldflächen abgeholzt haben. Dann beschrieb er die grundlegende Bedeutung des Waldes für das Ökosystem. "Also ohne das Wort Ökosystem zu benutzen", so Wulf. "Er spricht darüber, dass Bäume Wasser speichern können, dass sie die Atmosphäre mit Feuchtigkeit anreichern können, dass sie gegen Bodenerosion schützen können."

Und später sagt er noch ganz klar: Es gibt drei Arten, wie der Mensch das Klima verändern kann. Einmal durch Abholzung, einmal durch künstliche Bewässerung und einmal durch die Entwicklung großer Gas- und Dampfmassen an den industriellen Zentren.

Andrea Wulf, Kulturhistorikerin und Humboldt-Biografin

Das ist vor allem insofern bemerkenswert, da Humboldt natürlich noch nichts über den Treibhauseffekt und Gase wie CO2 wissen konnte. Das sagt er natürlich auch nicht, so Wulf. Was er auch nicht habe wissen können: Wie katastrophal der Einfluss des Menschen auf das Klima sein werde. "Aber er ist der erste, der diese Zusammenhänge begreift."

Der "Uropa" von Fridays for Future?

Nun mag Humboldt also der erste interdisziplinäre Klimaforscher gewesen sein und bestimmte Zusammenhänge erkannt haben, aber macht ihn das zu einem Vorreiter für die weltweite Klimaschützer-Bewegung Fridays for Future? Da spielt in Wulfs Augen ein ganz anderer Aspekt seines Wirkens eine Rolle: Der Naturforscher verfolgte immer auch einen emotionalen Ansatz. Es sei ihm eben nicht immer nur um die reinen Zahlen gegangen. "Sondern es geht auch darum, was wir verlieren an unserer Natur, wenn wir sie weiter so zerstören", sagt Wulf. Diese emotionale Ebene gehöre dazu und sie werde von Fridays for Future in die Debatte gebracht. Das sei sehr wichtig.

Die Kinder und Teenager, die eben nicht nur über Zahlen und Projektionen sprechen, sondern auch über Gefühle, und sagen: Wir wollen, dass ihr in Panik geratet! Unser Haus brennt! Und ich glaube, dass das ein ganz wichtiger Aspekt für die nächsten Jahre sein wird und wenn wir das jetzt nicht bald in den Griff kriegen, dann ist es auch wirklich zu spät.

Andrea Wulf, Kulturhistorikerin und Humboldt-Biografin

Auf die Frage, ob der Vordenker der Klimaforschung - quasi der "Uropa" der Fridays for Future-Bewegung - heute auch mit auf die Straße gegangen wäre, reagiert Wulf zurückhaltend. Politisch sei Humboldt eigentlich nie gewesen. Er habe zwar benannt, was schieflaufe, auf politisch-gesellschaftlicher Ebene engagiert habe er sich aber nie.

aw/kie

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 08. September 2019 | 08:18 Uhr

Andrea Wulf 26 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK