100 Jahre DIN-Norm Alles genormt: Vom Schnuller bis zur Urne

Den ersten Kontakt mit der DIN-Norm hatten Sie wahrscheinlich schon als Baby: Vielleicht mit einem Schnuller nach DIN 1400 oder einem Kuschelteddy nach DIN 71. Egal ob Zahnbürste, Torwarthandschuh oder Grillrost – das Deutsche Institut für Normung sorgt seit 100 Jahren für einheitliche Standards.

Der Sitz des DIN-Instituts in Berlin-Tiergarten.
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Die wohl bekannteste deutsche Normierung ist das Format DIN-A-4: 1922 veröffentlichte das Deutsche Institut für Normung einen Standard für Papiergrößen, der für das Einheitsbriefformat die Maße 210 x 297 Millimeter festlegte. Davon sollten alle weiteren Papiermaße abgeleitet werden. Das Verhältnis zwischen Breite und Höhe bleibt durch mittiges Falten über die lange Seite stets erhalten. Die Idee dazu kam von Wilhelm Ostwald, einem Chemiker und Philosophen, der an der Uni Leipzig lehrte.

1917, also fünf Jahre zuvor, war das das Institut unter dem Namen "Normenausschuss der deutschen Industrie" gegründet worden. Am 1. März 1918 erschien dann das erste DIN-Normblatt unter der Bezeichnung „DI Norm 1 Kegelstifte“. Das Ziel: Die Abmessungen von massenhaft und in mehreren Branchen verwendeten kleinen Bauteilen sollten vereinheitlicht werden. Bis 1992 galt die Norm in dieser Fassung. Dann wurde die Längen und Höhen neu definiert und auch die Härte des Stahls neu festgelegt - jetzt trägt sie den Namen DIN EN 22339.

Normierung zu Kriegszeiten

Bis heute kursiert auch die Behauptung, DIN 1 sei speziell für das Maschinengewehr "08/15" entwickelt worden. Da verschiedene Firmen die Einzelteile für das Gewehr bauten, soll das Militär den Waffenfabrikanten Normen vorgegeben haben, damit es beim Zusammenbauen des Gewehrs nicht zu Problemen kommt. Das DIN-Institut in Berlin wehrt sich allerdings gegen die Darstellung, DIN 1 sei nur auf Betreiben des Militärs entstanden. Tatsächlich gab es die Idee zur Normierung schon Jahre zuvor, sagt der Historiker Günther Luxbacher. Er arbeitet die 100-jährige Geschichte des Deutschen Instituts für Normung auf.

Aber erst 1917 setzte sich allmählich die Erkenntnis in der Obersten Heeresleitung durch, dass Militärgerat unbedingt normiert werden sollte. Der Erste Weltkrieg war also nicht der Grund für die DIN-Norm, aber schon ein auslösender Moment.

Günther Luxbacher, Historiker

100 Jahre nach der ersten Normierung, gibt es inzwischen mehr als 34.000 der technischen Vorgaben. Dazu gehören zum Beispiel die Zapfventile an der Tankstelle, damit sie in jeden Autotank passen. DIN-genormte Babyschnuller haben zwei Löcher – damit die Kinder noch Luft bekommen, falls sie den Sauger verschlucken.

Und auch für den Grill gibt es Regeln: DIN EN 1860-1 besagt, dass der Abstand zwischen den Stäben eines Grillrostes maximal 20 Millimeter breit sein darf.

Ordnung muss sein

Ein kleines Mädchen beim Zähneputzen.
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Auch Kuscheltiere sind genormt (DIN EN 71-1): Ihr Fell ist feuerresistent, das Knopfauge muss heftigem Ziehen widerstehen. Und sollte doch mal ein Auge abfallen, dann ist es – laut Norm – garantiert zu groß, um verschluckt werden zu können. DIN 58124 legt Anforderungen an die ergonomische und sicherheitstechnische Beschaffenheit von Schulranzen fest, und bei Zahnbürsten muss jede einzelne Borste eine Zugkraft von 15 Newton aushalten (dürfte also erst herausfallen, wenn man mehr als 1,5 Kg Gewicht anhängt).

DIN EN 16027 normt die Beschaffenheit von Torwarthandschuhen. Und damit der Torwart auch am Abend gut sieht, sorgt DIN EN 12193 für optimale Lichtverhältnisse in den Stadien. Eine Zeit lang waren sogar Urnen normiert, die entsprechende DIN 3198 wurde aber 1971 ersatzlos gestrichen.

Deutsche Normen - ein Exportschlager

Internationale Normen sorgen zum Beispiel auch dafür, dass Container aus Asien in deutschen Häfen auf polnische Lastwagen passen. Jedes Jahr kommen mehr als 2.000 neue hinzu, gleichzeitig fallen veraltete - zum Beispiel über Schreibmaschinenbänder - weg.

Norm Gültigkeit
DIN Nur in Deutschland
DIN EN In ganz Europa
DIN EN ISO International anerkannte Norm

Das Deutsche Institut für Normung ist keine Behörde, sondern ein Verein mit 2.400 Unternehmen als Mitglieder. Durch Normen für industrielle Produkte, für Dienstleistungen oder derzeit verstärkt für digitale Entwicklungen versucht man auch international Standards zu setzen – 85 Prozent der veröffentlichten Normen sind international gültig. Letztlich soll so der weltweite Handel erleichtert und der Marktzugang für deutsche Produkte gefördert werden.

Selbst die Norm ist genormt

Und mit den einheitlichen Standards macht das Deutsche Institut für Normung auch nicht vor den eigenen Toren halt:

Normung ist die planmäßige, durch die interessierten Kreise gemeinschaftlich durchgeführte Vereinheitlichung von materiellen und immateriellen Gegenständen zum Nutzen der Allgemeinheit.

DIN 820 von 1977 beschreibt, wie ein Normungsverfahren abzulaufen hat.
Gullideckel mit DIN-Norm
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Doch nicht für alles gibt es eine Norm, auch wenn das gerne behauptet wird. Manche meinen sogar, es gebe eine DIN-Norm zur Gurkenkrümmung. Ein Irrglaube. Gurken sind nicht genormt, schon gar nicht ihre Krümmung. Das sei eine Verwechslung gewesen, sagt das DIN, weil es mal eine Handelsklassifizierung der Europäischen Union gegeben habe – aber auch die sei längst nicht mehr gültig.

Und selbst wenn, könnte das DIN krumme Gurken längst nicht verbieten: Eine Norm ist keine Vorschrift, sondern nur eine Empfehlung. Man muss sich nicht daran halten.


Meilensteine der 100-Jährigen DIN-Geschichte 22. Dezember 1917: Gründung von DIN als Normenausschuss der deutschen Industrie (NADI)

1. März 1918: Die erste Norm erscheint. Die „DI-Norm 1“ gilt für Kegelstifte, ein Verbindungselement von Maschinenteilen.

1922: Die noch heute bekannteste DI-Norm, das Papierformat DIN A4, wird veröffentlicht.

1925: Lieferung der ersten Einheitslokomotive an die Reichsbahn.

1951: DIN wird Mitglied der International Organization für Standardization (ISO) mit dem Status der "einzigen zuständigen deutschen Organisation für Normung“.

1990: Mit der "Normenunion" stellt das Amt für Standardisierung, Messwesen und Warenprüfung der DDR (ASMW) seine Arbeit ein. Mehr als 100 ASMW-Mitarbeiter arbeiten fortan für das DIN.

2011: Das DIN eröffnet ein Büro in Brüssel, um die Interessen der deutschen Wirtschaft bei der europäischen Normenpolitik zu vertreten.

2017: Das DIN feiert 100-Jähriges Bestehen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | LexiTV | 01. März 2018 | 15:00 Uhr