Debatte Streiten wirklich alle über das Impfen?

"Mein Film ist keine Informationsbroschüre", sagt David Sieveking, der mit seinem Dokumentarfilm "Eingeimpft", der seit 13. September 2018 in den Kinos läuft, eine alte Diskussion neu befeuert: Schaden oder nutzen Impfungen? Der Film sucht Antworten, bekommt aber auch jede Menge Kritik. Umstritten ist er vor allem deshalb, weil dem Filmemacher vorgeworfen wird, dass er zur Verunsicherung von Eltern beiträgt, die sich mit dem Thema Impfung beschäftigen. Sieveking, selbst Vater zweier Kinder, sagt von sich, er sei keineswegs gegen das Impfen: "Ich bin dafür, dass die Impfprogramme verbessert werden und mehr Aufklärung betrieben wird", so der umstrittene und viel kritisierte Filmemacher. Er versteht seinen Film als Gelegenheit für eine Debatte, die seiner Meinung nach anders als bisher geführt werden sollte: "Eltern, die nicht impfen, wird man nicht überzeugen können, wenn man jegliche offene und fachliche Diskussion mit Polemik verhindert. Die geballte Reaktion zeigt, dass es richtig und wichtig war, diesen Film zu machen und dieses Buch zu schreiben, denn offenbar besteht großer Redebedarf."

Tatsächlich eine breite gesellschaftsweite Debatte?

Gibt es denn wirklich so viel Redebedarf? Gibt es also wirklich viele Impfskeptiker und Impfgegner, wie Sieveking behauptet, wenn er sagt, immer mehr Eltern impfen ihre Kinder nicht? Ein Blick auf die Zahlen zeigt etwas ganz anderes: Nach Auskunft des Robert-Koch-Instituts erreichten 2016 alle Bundesländer eine Impfquote von mindestens 95 Prozent für die erste Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln bei den Schulanfängern. Die Zahl der Impfgegner wird vom Robert-Koch-Institut auf drei bis fünf Prozent geschätzt.

Eine repräsentative Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) erfasste bei 18 Prozent der Bevölkerung zumindest teilweise Vorbehalte gegenüber dem Impfen. Professor Dr. Cornelia Betsch von der Uni Erfurt beschreibt, was die mutmaßliche Minderheit zu einer scheinbar gesamtgesellschaftlichen aufplustert: Es ist der "False Balance“-Effekt. Betsch zeigt das am Beispiel der Gäste-Mischung in Talkshows, zu denen je ein Pro- und ein Kontra-Experte geladen werden, um der Ausgewogenheit willen: Im Bereich des Impfens widerspricht dies vollkommen dem Expertenkonsens und der Verteilung der Meinung in der Bevölkerung. So führe die vermeintliche Ausgewogenheit in TV-Gesprächsrunden zu Verunsicherung und Zweifeln beim Publikum, meint Betsch.

Was prangern Impf-Skeptiker an?

Unter Impfskeptikern lassen sich drei Argumentationsgruppen ausmachen, derentwegen Menschen auf das Impfen verzichten oder es in Frage stellen: Zum einen wird die Sinnhaftigkeit bezweifelt, angesichts ausgerotteter Infektionskrankheiten oder Erkrankungen unter Geimpften oder der "nicht nachgewiesenen Wirksamkeit".

Zum anderen werden Impfungen als schädlich angesehen, da sie mit der Zunahme allergischer Reaktionen und Erkrankungen in Verbindung gebracht werden, wie Asthma, Diabetes, Multiple Sklerose. Schäden durch Konservierungsmittel in Impfstoffen werden angenommen bis hin zu Veränderungen im Erbgut.

Verbreitet unter Skeptikern ist auch die Annahme, dass Impfungen von der Pharmaindustrie gesteuert sind, oder dass der Staat sich vor wirtschaftlichen Einbußen schützt, wenn er dafür sorgt, dass epidemieartige Ausbrüche von Krankheiten sich nicht negativ auf die Wirtschaft auswirken, weil Eltern ihre erkrankten Kinder betreuen müssen. Als Argument wird auch oft angeführt, das Eltern sogenannte Kinderkrankheiten, also Infektionskrankheiten selbst durchlebt und überstanden haben.

Was sagt die Wissenschaft zu den Aussagen?

Impfstoffe werden nur zugelassen, wenn die Hersteller in vorklinischen und klinischen Studien nachgewiesen haben, dass sie wirken und verträglich sind. Geprüft werden die wissenschaftlichen Belege der Hersteller von der europäischen Arzneimittelagentur. Außerdem werden Wirkstoffe auch nach der Zulassung weiter auf Wirksamkeit untersucht, unter anderem in Studien von unabhängigen Wissenschaftlern aus Universitäten und Forschungsinstituten. Als Beispiel nennt das Robert Koch Institut die Masernimpfung, die es seit Jahrzehnten gibt - die Masern weltweit erfolgreich zurückgedrängt hat, wodurch Todesfälle vermieden werden konnten. Ähnlich ist es bei der Polio-Impfung. Der Begriff Kinderkrankheiten ist dabei sogar irreführend und verharmlosend - es handelt sich um Infektionskrankheiten, die im Kindesalter auftreten, aber deshalb nicht folgenlos sein müssen: Ende der 1940er-Jahre, bevor entsprechende Impfungen verfügbar waren, starben in Deutschland jedes Jahr Tausende Menschen an typischen "Kinderkrankheiten" wie Diphtherie, Keuchhusten oder Kinderlähmung. In der BRD wurden allein 1949 insgesamt 1.122 Diphterie-Sterbefälle registriert.

Die Annahme, dass Impfungen Allergien auslösen, ist nicht belegt. Professor Dr. Susanne Modrow, Spezialistin für Molekulare Virologie und Genetik von der Universität Regensburg sagt: "Wie jede medizinische Maßnahme – Tabletteneinnahme, Operation, Kräutertee etc. – ist auch jede Impfung potenziell mit Nebenwirkungen verbunden. Man muss abwägen zwischen dem Risiko, eine Masern-Infektion, Röteln-Infektion oder sonstige Infektion zu bekommen und daran schwer zu erkranken, und demjenigen Risiko, durch eine Impfung, die vor der selten gewordenen Erkrankung schützen soll, eine potenzielle Schädigung - Autoimmunerkrankung, Impfschaden oder Unannehmlichkeit  - Stich, Piekser, dicker Arm, erhöhte Temperatur - zu erfahren."

Ist Impf-Skepsis ein Phänomen unserer Zeit?

Nein, keinesfalls. Nach Einführung der Pockenschutzimpfung nach dem Reichsimpfgesetz vom 8. April 1874 und der Zwangsimpfung für Kinder gingen die Pockenerkrankungen zurück.

Gilray cartoon on vaccination against Smallpox using Cowpox serum, 1802.
Serum aus Kuhpocken zum Immunisieren - ein gefundenes Fressen für Karrikaturisten, die die Debatte 1802 illustriert. Bildrechte: IMAGO

Schon damals wurden Nutzen und Schaden in allen Bereichen der Gesellschaft diskutiert und angezweifelt, in armen Schichten wegen der Kosten, in der Intelligenzia wegen beobachteter Nebenwirkungen und eingeschränkten Persönlichkeitsrechten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren bereits bis zu 200 impfkritische Bücher in Deutschland bekannt. Die Skepsis gegenüber Impfungen war und ist übrigens kein spezifisch deutsches Phänomen - 1885 gab es zum Beispiel in Leicester eine Großdemonstration gegen die zunehmende Impfpflicht mit 20.000 Teilnehmern, in den USA gründete sich 1879 die erste von verschiedenen Anti-Impf-Ligen. In Deutschland schloss sich 1967 in Bonn der Schutzverband für Impfgeschädigte e.V. zusammen, der sich heute als Bundesverband Impfschaden auf die Vertretung von Impfschadensfällen vor Behörden und Gerichten spezialisiert hat.

Krankheiten verschwunden - Skepsis vermehrt

"Impfungen sind Opfer ihres eigenen Erfolgs", konstatierte Xavier Prats, EU-Generaldirektor für Gesundheit und Lebensmittel im April 2018. Die Erfolge von Kampagnen und systematischen Impfungen hätten dafür gesorgt, dass die Gefahren, gegen die sie entwickelt wurden, in den Hintergrund getreten sind. Eine Impfung gegen die Impfskepsis gibt es noch nicht.    

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR | Radio | 12. September 2018 | 12:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. September 2018, 14:10 Uhr