Impfen lassen oder nicht?
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Fake News vs. Grippeschutz Wie Gerüchte gegen Impfen entschärft werden können

Das Netz steckt voller Gerüchte und dubioser Studien zum Impfen. Wissenschaftliche Fakten scheinen oft machtlos zu sein, zeigen schottische Forscher. Aber man kann Aufklärung auch besser machen.

von Johannes Schiller

Impfen lassen oder nicht?
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Das Merkblatt enthielt Impf-Mythen auf der einen Seite und medizinische Fakten auf der andren. Die schottischen Wissenschaftler zeigten es 120 Testpersonen. Dann fragten sie nach der Einstellung zum Impfen. Ergebnis: Obwohl die Testpersonen eigentlich mehr Informationen hatten, waren sie skeptischer was Impfungen betrifft. Die Aufklärung ging nach hinten los. Für Verhaltenspsychologin Cornelia Betsch kam das nicht überraschend: "Zu diesem Befund gibt es bereits regalmeterweise Studien."

Betsch forscht an der Universität Erfurt zum Impfverhalten. Auch zur Frage, warum es so schwer ist Gerüchte zu entkräften. Sie kann erklären, wie komplex unser Gehirn funktioniert und warum sich Gerüchte regelrecht einbrennen.

Porträtfoto von der Wissenschaftlerin Cornelia Betsch
Bildrechte: Marco Borggreve /Universität Erfurt

Wenn ich etwas besonders häufig höre, ist es vertrauter und flutscht bei der Informationsverarbeitung richtig. Dadurch glaube ich es auch eher. Was mir sehr schwerfällt ist, die Verneinung mitzudenken. Ich kann mich nach einer Zeit nur noch an Impfen und Autismus erinnern. Aber nicht daran, dass eine Verneigung dazwischen stand.

Cornelia Betsch, Universität Erfurt

Wer Mythen widerlegen will, sollte Fakten in den Mittelpunkt stellen und nie die Gerüchte selbst. Außerdem empfiehlt Betsch eine falsche Erklärung – also den Mythos – niemals einfach so zu streichen. Sondern stattdessen immer eine sinnvolle neue Erklärung zu liefern.

Wenn wir einen Mythos speichern, bilden wir so eine Art mentales Modell, das wir wie ein Puzzle zusammensetzen. Wenn wir aus dem Puzzle ein Stück rausnehmen, ärgert einen das. Es fühlt sich nicht gut an! Wir sind eher bereit, ein falsches, dafür aber komplettes Puzzle zu akzeptieren, als eines, bei dem ein Puzzleteil fehlt.

Cornelia Betsch, Universität Erfurt

Das menschliche Gehirn ist eben keine Festplatte, auf der sich Daten einfach so löschen lassen. Es arbeitet viel komplexer. Genau wie unsere Wahrnehmung. Zwei Wissenschaftler aus Australien haben ein regelrechtes Standardwerk zu Gerüchten verfasst. Auf Deutsch "Widerlegen, aber richtig!". Sie schreiben: "Um Wissen zu vermitteln, müssen Redner verstehen, wie Menschen Informationen verarbeiten. Wie sie ihr […] Wissen aktualisieren und wie ihre Weltanschauung ihre Fähigkeit beeinflusst, rational zu denken. Es spielt nicht nur eine Rolle, was Menschen denken, sondern auch, wie sie denken."

Jetzt im Herbst rufen Ärzte und Gesundheitspolitiker wie jedes Jahr zu Schutzimpfungen gegen Grippe auf. Weil ältere Menschen besonders betroffen sind, hat Cornelia Betsch für Thüringen die Kampagne impfen60+ entworfen. Dabei stellte die Wissenschaftlerin fest, der Wille zur Impfung ist prinzipiell groß. "Man muss nicht immer davon ausgehen, dass die Menschen nicht impfen wollen. Oft können sie es nicht, weil sie zum Beispiel auf dem Land leben und es anstrengend ist. Aber manchmal fehlt es auch an der Risikowahrnehmung."

Was nach ihrer Erfahrung auch hilft: Den Menschen sagen, dass sie auch andere schützen können, wenn sie sich selbst impfen lassen. Das ist gerade dieser Altersgruppe wichtig.

Über dieses Thema berichtet MDR ... auch im ... : MDR | 01.01.2017 | 00:01 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Oktober 2017, 14:13 Uhr