Ernährung In-Vitro: Für dieses Fleisch müssen keine Tiere sterben

Richtig gute Steaks, ohne dass dafür Tiere sterben müssen. Klingt nach Science-Fiction, ist aber aktuell in der Forschung: In-Vitro-Fleisch, Fleisch aus dem Labor, soll unseren Konsum revolutionieren.

Im Reagenzglas gezüchtetes Fleisch in Tropfenform an einer Pipette 5 min
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"Die Geschichte der menschlichen Evolution ist eng mit dem Fleisch verbunden", sagt der Anthropologe Richard Wrangham von der Harvard University. "Seit wir begonnen haben, Fleisch zu kochen, können wir eine Menge Energie haben, die uns ermöglicht, große Gehirne zu haben und physisch und anatomisch menschlich zu werden." 

Ein Hamburger verbraucht viel Wasser und Energie

Diese enge Beziehung hat sich verändert. War Fleisch früher erst hart erarbeitet und später Luxusgut, bekommen wir es heute zu Tiefstpreisen im Supermarkt. Gut 60 Kilogramm nehmen Deutsche im Jahr durchschnittlich zu sich. Auch wenn der Marktanteil von vegetarischen und veganen Produkten wächst - global steigt vor allem der Fleischkonsum, sogar so stark, dass Experten davon ausgehen, dass er sich bis 2050 verdoppelt.

Das geht mit großen Problemen einher, sagt Mark Post von der Universität Maastricht. "Wenn Sie an ein 250 Gramm Hamburger denken, dann stecken darin sieben Pfund Getreide, fast 200 Liter Wasser, 70 Quadratmeter Land und etwa 1.000 Btu Energie (Btu bedeutet Britische thermische Einheit nach ISO, Anm.d.Red). Das sind eine Menge Ressourcen, die in einen einfachen Hamburger fließen."

Muskelfleisch soll aus Stammzellen gezüchtet werden

Dazu kommt die Umweltbelastung durch die Rinder selbst. 1,5 Milliarden davon gibt es zur Zeit auf der Erde, die rülpsen und pupsen alle 40 Sekunden und jede Kuh stößt dabei täglich 500 Liter Methangas aus. Damit sind die Tiere für 15 Prozent der globalen Treibhausgase zuständig.

Mark Post und seine Kollegen wollen das ändern: Die Idee - Fleischproduktion im Labor - mit Stammzellen. "Man entnimmt einer Kuh per Biopsie ein kleines Stück Muskel, das bereits einige hundert dieser Stammzellen enthält. Sie können sich so weit replizieren, dass wir aus dem einen Muskelstück zehn Tonnen herstellen können", sagt er optimistisch.

Reagenzglasfleisch wird kostengünstiger

Ganz so einfach ist es natürlich nicht, denn die Stammzellen wachsen nur unter bestimmten Bedingungen in einer Nährlösung, im Bioreaktor. Das ist aufwendig und teuer. Als Mark Post 2013 den ersten In-Vitro-Burger vorstellte, kostete der deshalb schlappe 250.000 Euro und schmeckte noch dazu ziemlich trocken.

Gebraten wird der Laborburger jeder andere Burger auch. Kosten 250.000 Euro.
Der erste Burger aus dem Labor. Aus einem kleinen Stückchen Fleischfaser belgischer Rinder. 20.000 Muskelfasern sind nötig für einen Burger. Bildrechte: David Parry / PA Wire

Doch die Wissenschaftler hatten bewiesen, dass es geht. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe Biotechnologieunternehmen in Nordamerika, Israel und den Niederlanden, die daran arbeiten. Auch Mark Post hat eine Firma gegründet: Mosa Meat. Dort ist man optimistisch, dass man bald mit den Preisen für konventionelles Fleisch mithalten kann, sagt Unternehmenssprecherin Hannah Tait: "Wir sind in der Lage, die Zellen in einem viel größeren Bioreaktor zu füttern. Das treibt den Preis massiv nach unten."

Zukunftsvision: Tierfreies Fleisch aus dem Supermarkt

Mark Post geht davon aus, dass sein Burger für nur 9 Euro auf den Markt kommen wird und das spätestens in zwei Jahren. Dafür sorgen auch große Investoren wie Google Gründer Sergey Brin, Bill Gates, oder der deutsche Fleischkonzern PHW - bekannter unter der Marke Wiesenhof. Das Produktversprechen ist groß: Fleisch mit chemisch genau der gleichen Zusammensetzung wie das Fleisch aus der Kuh, nur tierfreundlich, umweltschonend und qualitativ besser kontrollierbar.

Wenn Sie sich vorstellen, dass Sie, sagen wir in zehn Jahren, in einen Supermarkt gehen und diese beiden Produkte haben, die im Wesentlichen gleich sind. Dann steht dort: Für dieses Produkt ist ein Tier verwendet worden, und das andere ist tierfrei. Entweder wird die Wahl wirklich schwer oder sehr leicht.

Marc Post, Mosa Meat
Professor Mark J Post mit seinem Labor-Burger. In fünf Jahren, verspricht er, kann den sich jeder leisten.
Bildrechte: David Parry / PA Wire

Macht In-Vitro-Fleisch die landwirtschaftliche Tierzucht überflüssig?

Doch was passiert dann mit unserer Landwirtschaft? Halten wir dann nur noch ein paar Kühe für die Muskelbiopsien und schaffen den Rest ab? Müssten wir dann nicht auch die Milchprodukte im Labor herstellen? Was ist mit den Landwirten, die bisher von der Tierhaltung gelebt haben und was machen die Metzger, die nun sicherlich nicht alle Biotechnologie studieren? Viele Fragen sind noch offen.

Unwahrscheinlich ist, dass In-Vitro-Fleisch von heute auf morgen konventionelles Fleisch komplett ersetzt. Vielleicht wird es nur ein Puzzleteil sein bei der Frage, wie wir in Zukunft mit unserem Fleischkonsum umgehen. Doch es ist eine Chance, auch für ganz neue Technologien, sagt Sylvia Woll vom Karlsruher Institut für Technologie: "Ich denke, es ist durchaus möglich, dass man abends heimkommt und sich nicht mehr sein Fertiggericht in die Mikrowelle schiebt, sondern den Bioreaktor öffnet, wo über die letzte Woche das persönliche Schnitzel entstanden ist."

Herausforderung: Die richtige Textur für Laborfleisch

Wobei - und das nur noch Rande - ein In-Vitro-Schnitzel viel schwieriger zu produzieren ist als ein Burger-Patty. Denn dafür kann man Muskel- und Fettgewebe einfach durch einen Fleischwolf drehen. Für ein Schnitzel, Filet oder Steak brauchen die Zellen beim Wachsen eine Art Gerüst, das natürlich auch noch essbar sein muss. Israelische Forscher experimentieren da zum Beispiel mit Fasern, die bei der Herstellung von Sojaöl entstehen. Vielleicht lassen sich die Stammzellen aber auch irgendwann mit einem 3D-Drucker in Schnitzelform "klopfen". In diesem Moment arbeiten viele kluge Köpfe daran. Allen voran: Mark Post: "Das ist meine Vision und ich selbst glaube, dass sie Wirklichkeit wird."

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