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Man sieht es: Der Junikäfer ist kein geschickter Flieger. Bildrechte: imago images/imagebroker

SommerinsektenFliegen, Fressen, Fortpflanzen: Warum wir den Junikäfern die "Partyzeit" gönnen sollten

11. Mai 2023, 11:34 Uhr

Ein kühles Bad im Bier oder Gebrumm im Haar: Warum ist der Junikäfer so ein schlechter Flieger? Und was fressen Junikäfer? Warum fliegt er auf Menschen? Zerstören seine Engerlinge den Rasen? Er klingt wie ein richtiger Lästling, ist aber wichtig in der Natur. Er wird nur wenige Wochen alt und konzentriert sich in der Zeit komplett aufs Fliegen, Fressen und Fortpflanzen.

von Liane Watzel

Kaum dämmert es, geht es los: Junikäfer steigen auf, brummen Menschen ins Gesicht oder verheddern sich in ihren Haaren. Kein Wunder, schließlich sind die Käfer dämmerungsaktiv und entsprechend hungrig, wenn sie abends ausschwärmen auf der Suche nach dem nächsthöchsten Baum. Meistens schlagen wir Menschen sie genervt in die Flucht. Dabei müssten wir ihnen eigentlich applaudieren, dass sie es geschafft haben.

Applaus für die Mühe

Ihr Lebensweg ist nämlich alles andere als ein Zuckerschlecken. Die längste Zeit lebt er unter der Erde, und das ist ein gefährliches Pflaster. Käferforscherin Dr. Marianna Simões vom Senckenberg-Institut in Müncheberg erklärt warum: "Da lauert der Maulwurf, für den die Engerlinge regelrechte Delikatessen sind." Auch Igel und Wildschweine, sowie Vögel, wie Stare, Krähen, Meisen, stehen auf die dicken, gekrümmten Würmer, weiß die Forscherin: "Der geschulte Blick der Vögel registriert auch winzigste Veränderungen an der Oberfläche am Boden und im Gras durch Bewegungen von Larven unter der Erde."

Das Erdreich ist keine Kuschelzone

Aber auch sonst hat der Junikäfer unter der Erde ganz schön zu tun. Damit er gut gedeiht, braucht er die richtigen Bodenverhältnisse, nicht zu nass und nicht zu trocken, gefroren darf es auch nicht sein. Die Weibchen der Junikäfer graben in den Sommermonaten für die Eiablage Löcher in den Boden. Zwischen 50 und 80 Eier legen sie ab. Nach acht Wochen entwickeln sie sich zur Larve, nach einjährigem Larvenstadium verpuppen sie sich, und erst im dritten Jahr klettern sie als adulte Käfer ans Tageslicht.

Theoretisch. Aber praktisch? Ob es ein Ei wirklich bis zum Käferstadium schafft, hängt von vielen Faktoren ab: Wie ist der Boden beschaffen? Lauern hier Maulwürfe? Auch Pilze, Bakterien, Nematoden und Viren leben im Boden und alle können das Ende für die Larven bedeuten. Forscherin Simões sagt:

Käferexpertin Dr. Marianna Simões mit einem Skarabäus. Bildrechte: privat

Bodentemperatur und Bodenfeuchtigkeit beeinflussen bodenbewohnende Insekten, deren anfälligste Stadien typischerweise Eier und junge Larven sind. Man weiß zum Beispiel, dass extreme Bodenfeuchtigkeit das Überleben von Eiern und Larven dieser Arten beeinträchtigt.

Dr. Marianna Simões

Und was, wenn der Regen ausfällt und Hitze die Erde austrocknet?

Hitzesommer lassen Larven kalt

Haben wir also durch die extrem trockenen Sommer der vergangenen Jahre in Zukunft mehr Junikäfer zu erwarten, die uns in lauen Nächten um die Ohren fliegen? Spannende Fragen, meint Dr. Simões, Untersuchungen dazu fehlen noch. Schon jetzt weiß man, dass sich die Larven bei Trockenperioden bis drei Meter tief in den Boden eingraben. Bei normalen Bedingungen, also bei lockerer, normal durchfeuchteter Erde leben sie etwa in 50 Zentimeter Tiefe, bei starken Regenfällen verziehen sie sich bis auf 1,50 Meter. Kalte oder warme Winter beeinflussen den Lebenszyklus der Junikäfer weniger, der wichtigste Einflussfaktor fürs Überleben ist das Nahrungsangebot zum Zeitpunkt des Junikäfer-Flugs, erklärt Entymologin Marianna Simões.

Wie viel Nahrung die Käfer finden, hängt also davon ab, wie Sträucher, Bäume, Gräser gedeihen. Würden Engerlinge massenweise Strauch und Gräserwurzeln zerfressen, so dass oberirdisch alles zugrunde ginge, würden sie sich über kurz oder lang quasi selbst ins Bein schneiden. Also ihr eigenes Futterangebot zerstören für die kurze Zeit als "Partykäfer", wenn die geflügelten Sechsbeiner wochenlang nichts anderes im Kopf haben als Fressen, Fliegen und Fortpflanzen, wie dieses kurze Video aus einem Garten im Saalekreis (Sachsen-Anhalt) zeigt.

Wie kann man den Garten vor Junikäfern schützen?

Aus Sicht des Käfers klingt das alles ganz schön. Aus Sicht von Menschen, die ihren Rasen oder den Garten mühevoll pflegen, dagegen gar nicht. Zum einen knabbern die Larven der Junikäfer unterirdisch allerlei Wurzeln an und lassen Rasen oder andere Pflanzen alt aussehen. Zum anderen machen sich ausgewachsene Käfer über die Blätter von Laub- oder Obstbäumen her.

Käferlarven. Vögel, Igel und Maulwürfe schätzen sie als saftige Leckerbissen. Bildrechte: imago/Michael Schöne

Ein Kraut ist nicht gegen sie gewachsen, aber man kann gegensteuern. Zum Beispiel, indem man den Weibchen die Eiablage erschwert, wenn die Grasnarbe gut verschlossen ist und die Grünfläche erst nach der Eiablagezeit gemäht wird.

Auch wer offene Bodenflächen hat, die für Junikäfer-Weibchen wie offene Scheunentore sind zur Eiablagezeit, muss nicht verzweifeln: Wird der Boden in der Zeit vom Larvenschlupf bis Ende September bearbeitet, gräbt man mit dem Boden oft auch Engerlinge aus den oberen Erdschichten ans Tageslicht. Und denen machen dann entweder Sonnenlicht oder Vögel den Garaus. Wer beim Komposthaufen umsetzen auf Larven trifft, hat keine Junikäferlarven vor sich, sondern Rosenkäferlarven. Sie erkennt man daran, dass sie sich auf dem Rücken liegend vorwärtsbewegen, Junikäfer dagegen auf dem Bauch.

Der Wiedehopf frisst Junikäfer. Bildrechte: imago images/imagebroker

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | MDR Garten | 07. Mai 2023 | 08:30 Uhr

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