IQ & Co. Forschung auf der Suche nach der Intelligenz

Ist Intelligenz messbar und gibt es eine oder vielleicht viele? Sind die messbar wie der Druck in Autoreifen und sind unverrückbar allgemeingültig? Und was sagt das aus: Werden wir immer intelligenter?

Wissen

Logo MDR 7 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Di 26.03.2019 12:58Uhr 06:38 min

https://www.mdr.de/wissen/videos/intelligenztest100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Eins gleich vorweg: Eine einheitliche Definition von Intelligenz gibt es nicht. Das Wort stammt aus dem Lateinischen, vom Verb "intellegere" - "kennen, begreifen, verstehen". Unter Intelligenz wird im allgemeinen das geistige Potenzial eines Menschen verstanden, seine Fähigkeiten zur effektiven Problemlösung und diese Erkenntnisse auf andere Aufgaben zu übertragen. Der so genannte Intelligenzquotient benennt die kognitive Leistungsfähigkeit eines Menschen und dessen Abweichung vom Mittelwert in seiner Vergleichsgruppe.

Seit wann wird Intelligenz erforscht und gemessen?

Alfred Binet
Bildrechte: imago/United Archives International

Die ersten Tests stammen aus dem Jahr 1904. Der Pariser Psychologe Alfred Binet entwickelte Einstufungstests für Kinder von drei bis 15 Jahren, um Lernschwächen zu erkennen. Hintergrund: Durch die neue Schulpflicht wurden in Frankreich erstmals alle Kinder intellektuell gebildet - aber nicht alle kamen gleich gut im Unterricht mit. Konnte ein Kind alle Aufgaben seiner Altersklasse lösen, entsprach das nach Binet seinem "Intelligenzalter", konnte das Kind Aufgaben höherer Alterklassen lösen, galt es als begabt.

Wer prägte den Begriff des Intelligenzquotienten?

Radierung zeigt eine SChukklasse um 1900
Bildrechte: imago/Leemage

Der Begriff des IQ geht auf den deutschen Psychologen Ludwig Wilhelm Stern zurück. Ihm reicht Binets Einteilung in "Intelligenzalter" nicht aus. Stern erfindet die Formel zur Berechnung des IQ: Intelligenzalter geteilt durch Anzahl der Lebensjahre. Spätere Forscher multiplizieren das Ergebnis mit 100 um auf ganze Zahlen zu kommen. Da das aber nach einem gewissen Alter sinnlos wird, wurde als Höchstalter für den Binet-Test 16 Jahre festgelegt. Entspricht das geistige Alter dem Lebensalter, hat er einen IQ von 100.

Binets Idee und Sterns Formel verbreiten sich, in den USA werden sie vom Psychologen Lewis Terman überarbeitet und unter anderem dazu genutzt, den IQ von Einwanderern und Soldaten zu erfassen. In einer Langzeitstudie begleitet Terman 1.500 Jugendliche, die als besonders begabt gelten. Als Gemeinsamkeit stellt er bei denen mit einem IQ über 130 allerdings nur fest, dass sie alle sehr vielseitig begabt sind. Die tatsächlichen Genies hat er nicht heraus gefiltert - nämlich zwei spätere Nobelpreisträger für Physik.

Vom Binet-IQ zu Wechslers Abweichungs-IQ

Der US-Psychologe David Wechsler prägt Anfang der 1930er-Jahre den Begriff des Abweichungs-IQ. Seine Tests ermitteln diesen IQ in einem Verbal- und einem Handlungsteil. Er untergliedert sie in drei Altersstufen und entwickelt bis Ende der 1960er-Jahre seine Tests, die auch in Deutschland benutzt werden. In Wechslers Verbaltests werden u.a. allgemeines Wissen und Verständnis, rechnerisches Denken, Gemeinsamkeiten finden und Wortschatz getestet. Im Handlungstest dagegen finden sich Zahlen-Symbol-Tests, müssen Bilder geordnet oder ergänzt oder Figuren gelegt werden.

Bild zum IQ-Quiz
Bildrechte: MDR / Robert Rönsch
Bild zum IQ-Quiz
Bildrechte: MDR / Robert Rönsch
Bild zum IQ-Quiz
Bildrechte: MDR / Robert Rönsch
Alle (2) Bilder anzeigen

Das Neue an Wechslers Ansatz ist, dass er versucht, Intelligenz umfassender zu ermitteln, über die Messung mechanischer Fähigkeiten hinaus. Wechslers Tests werden bis heute genutzt und etwa alle zehn Jahre überarbeitet. Sie geben neben dem IQ auch Auskunft über das sprachliche Verständnis, Wahrnehmungsdenken, Arbeitsgedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit.

Was steckt hinter fluider und kristalliner Intelligenz?

Raymond Bernard Cattell, ein britisch-US-amerikanischer Persönlichkeitspsychologe, beschreibt 1967 zwei voneinander unabhängige Intelligenz-Faktoren: fluide und kristalline.

Die Beinchen von drei Säuglingen
Wem wird was mit in die Wiege gelegt? Bildrechte: dpa

Die fluide Intelligenz beschreibt die Fähigkeit, mit neuen Situationen und Problemen umzugehen, ohne dass erlerntes Wissen eine Rolle spielt. Sie ist genetisch angelegt und hat nichts mit kulturellen Einflüssen zu tun. Die kristalline Intelligenz dagegen schöpft aus Erlerntem und Faktenwissen, oder wie der Leipziger Psychologe Siegfried Rudolph im Gespräch mit MDR Wissen ausführt, aus soziokulturell eingefärbten Intelligenzanteilen. Während die kristalline bis ins hohe Alter zunimmt, erreicht die fluide Intelligenz schon im jungen Erwachsenenalter ihren Zenit und nimmt dann ab.

Und was sind multiple Intelligenzen?

Dem US-Psychologen Howard Gardener ist dieses Spektrum immer noch zu eng, er bemängelt, dass sich der IQ Test lediglich auf eine Art von Intelligenz fokussiert, trotz der Komplexität der Individuen.

Er entwickelt die Theorie der multiplen Intelligenzen: Sprachliche, musikalische, logisch-mathematische, räumliche, körperlich-kinästhetische, intrapersonale, interpersonale, naturalistische und existenzielle Intelligenz. Er definiert Intelligenz als die Fähigkeit, ein Problem zu lösen oder ein Produkt zu ersinnen, das in mindestens einer Kultur oder Gemeinschaft geschätzt wird. Gardeners Theorien sind unter Wissenschaftlern umstritten, wegen fehlender Studienzahlen und fehlendem Instrumentarium für die Messbarkeit seiner Thesen. Auf die Pädagogik und den Blick auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen hat Gardener dennoch starken Einfluss. Eine Intelligenz fehlt Gardener zufolge auch in seiner Theorie - die Malerei.

Und was ist mit der emotionalen Intelligenz?

Kinder spielen auf einer Wiese.
Umgang mit Niederlagen und Erfolgen oder fremden Emotionen: Schlecht messbar Bildrechte: KIT

Den Begriff der emotionalen Intelligenz gibt es schon seit 1920, geprägt hat ihn Edward Thorndike, der ihn für die Fähigkeit benutzt, andere einzuschätzen und anleiten zu können. Jahrzehnte später differenziert der Psychologe David Goleman ihn in vier Teilaspekte: Selbstwahrnehmung, Selbstmanagement, Einfühlungsvermögen, Beziehungsmanagement. Ähnliches Problem wie bei Gardeners Konzept der inter- und intrapersonalen Intelligenz: Sie lässt sich in Tests schlecht messen.  

Gehen IQ und Erfolg Hand in Hand?

In einer Düsseldorfer Langzeitstudie im Zeitraum 1969 bis 1997 wurde untersucht, ob sich zwischen IQ von Jugendlichen und ihrem späteren Berufserfolgen ein Zusammenhang herstellen ließ. Das war nicht der Fall. Auch Dr. Heike Petereit von der Beratungsstelle zur Begabtenförderung in Sachsen bestätigt das. "Ein hohes Intelligenzpotential", sagt sie, "begünstigt schulischen Erfolg. Aber einen zwingenden Zusammenhang zwischen dem Begabungspotential und den Schulnoten gibt es nicht."

Wird die Menschheit immer intelligenter oder ist der Intelligenz-Zenit überschritten?

Schaut man sich die Entwicklung der Menschen allein in den letzten 100 Jahren an, könnte man meinen, wir würden immer intelligenter. US-Sozialwissenschaftler James Flynn hatte in den 1980er-Jahren IQ-Testergebnisse aus den 1950er- und 1980er-Jahren verglichen und anschließend Daten aus mehr als 30 Ländern. Er belegte, dass der IQ pro Dekade einen Prozentpunkt gestiegen war. Die Veröffentlichung sorgte für Aufsehen und wurde nach dem Entdecker Flynn-Effekt genannt. Andere erforschten das Phänomen ebenfalls und wiesen ähnliche IQ-Steigungsraten nach.

Aufgabe aus IQ-Test

Bild zum IQ-Quiz
Bildrechte: MDR / Robert Rönsch
Bild zum IQ-Quiz
Bildrechte: MDR / Robert Rönsch
Bild zum IQ-Quiz
Bildrechte: MDR / Robert Rönsch
Alle (2) Bilder anzeigen

Aber auch der gegenteilige Effekt wurde gefunden, nämlich, dass wir dümmer werden. Der norwegische Psychologe Jon Martin Sundet untersuchte die IQ-Werte zwischen 1950 und 2002 und fand: Seit Mitte der 1990er-Jahre fallen die IQ-Werte wieder. Eine Studie mit ähnlichen Ergebnissen gibt es aus Dänemark. James Flynn glaubt anhand neuer Studien, dass die IQ-Stagnation einen einfachen Grund hat - die Verschiebungen bei den IQ-Tests gibt es an anderer Stelle: An den extremen Rändern. Flynn glaubt, dass es mehr Menschen gibt, die von besserer Bildung profitieren, Kinder, die früher Fremdsprachen lernen, mit anderen pädagogischen Konzepten...

Wo werden IQ-Tests heute eingesetzt?

IQ-Tests werden in vielen Feldern eingesetzt. Mit ihnen lässt sich das Lernpotential für jemandem in einem neuen Gebiet vorhersagen. Genutzt werden sie zum Beispiel in der Pädagogik, wenn es um die Schuleignung geht, aber auch um die Berufswahl oder Jobbewerber. Unter Zeitdruck werden Fähigkeiten getestet – sprachliche und mathematische Intelligenz, Logik, Gedächtnisleistungen und räumliches Denken, Symbolfolgen oder Zahlenreihen müssen ergänzt werden. Kreativität, emotionale Intelligenz, andere Fähigkeiten werden in diesen Tests nicht erfasst.

Einschulungsuntersuchung
Bildrechte: imago/JOKER

Wie aussagekräftig und sinnvoll sind Intelligenztests?

Die Hauptkritik an Intelligenztests bezieht sich darauf, dass Intelligenz kein Faktor ist, der eindeutig messbar ist wie Gewicht oder Größe. Zudem erfassen Tests nie alle Fähigkeiten und Seiten einer Persönlichkeit, dazu kommen Schwankungen in der persönlichen Tagesform. Sinnvoll sind Tests zum Beispiel dann, wenn der Verdacht auf eine Hochbegabung besteht. Solche Tests sollte man nicht auf eigene Faust im Internet machen, denn nur Experten können die Ergebnisse erläutern und einordnen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um zwei | 02. April 2019 | 14:20 Uhr