Internationaler Tag zur Abschaffung der Tierversuche Pro & Contra Tierversuche

In der Kosmetikindustrie ist in der Europäischen Union schon lange Schluss mit Tierversuchen: Seit 2013 dürfen keine Kosmetika verkauft werden, die an Tieren getestet wurden. In der Wissenschaft wird das schon schwieriger: Zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse ergeben sich aus der Forschung an und mit Tieren. Doch ist das heutzutage wirklich noch notwendig? Es gibt schlüssige Argumente für beide Sichtweisen.

In Deutschland wurden dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft zufolge im Jahr 2015 insgesamt 2.044.964 Tiere zu Versuchstieren, weitere 754.997 Tiere sind für wissenschaftliche Zwecke getötet worden, ohne dass an ihnen zuvor Eingriffe oder Behandlungen vorgenommen wurden. Doch ist der Tierversuch heutzutage wirklich unvermeidbar?

CONTRA: Argumente gegen Tierversuche

  • Viele Wissenschaftler sind sich darin einig, dass die allermeisten Wirbeltiere leidensfährige Wesen sind und Schmerz empfinden können. Daraus ergibt sich der ethische Ansatz, dass der Mensch eine Verantwortung für diese Tiere hat, die sich mit Tierversuchen nicht vereinbaren lässt. Tierversuche ohne Tierleid halten die Tierversuchsgegner nicht für möglich.
  • Eines der größten Probleme ist das der Übertragbarkeit, sagt Diplom-Biologin Silke Strittmatter vom Verein "Ärzte gegen Tierversuche". Selbst die Ergebnisse aus Versuchen mit Mäusen sind nicht immer auf den Menschen übertragbar, da einige Stoffwechselvorgänge und das Immunsystem von Mensch und Maus sich unterscheiden. Das kann schlimme Konsequenzen haben, so wie etwa im Fall des Medikaments Contergan: Während es im Tierversuch unbedenklich war, sorgte es beim Menschen für Missbildungen.

Ergebnisse aus Tierversuchen sind nicht auf den Menschen übertragbar. Es gibt eine ganz Bandbreite an modernen, tierversuchsfreien Testmethoden.

Silke Strittmatter, Ärzte gegen Tierversuche

  • Auf der anderen Seite argumentieren Tierversuchsgegner, dass Medikamente, die sich beim Tier als schädlich oder untauglich erweisen, beim Menschen sehr wohl funktionieren könnten, so dass durch den Tierversuch auch neue Therapeutika verloren gehen könnten.
  • Einige Krankheitsmodelle lassen sich bei Tieren wie etwa Nagetieren - der größten Gruppe unter den Versuchstieren - gar nicht herstellen. Grund sei deren Entstehung durch jahrelange Umwelteinflüsse. Dasselbe gilt für die Erforschung von psychiatrischen Krankheiten am Tier: Das Verhalten einer Maus lässt keine Rückschlüsse auf die menschliche Psyche zu, so das Argument der Tierversuchsgegner.
  • Die meisten Tierversuche finden in der Grundlagenforschung statt. Dabei ist gerade hier die medizinische Relevanz manchmal nicht gegeben, weil kein klares Forschungsziel definiert ist, sagt Diplom-Biologin Silke Strittmatter vom Verein "Ärzte gegen Tierversuche". Deshalb würden in diesem Bereich oft unnötige Versuche vorgenommen.
  • Es gibt Alternativen: Moderne Computersimulationen können Auswirkungen von Therapien auf den menschlichen Organismus berechnen und sogar das Züchten künstlicher Organe zu Forschungszwecken im Labor ist heute möglich.

Wir Verbraucher hören immer wieder: Ja man braucht Tierversuche, um unsere Krankheiten zu verstehen und heilen zu können. Tatsächlich aber sind Tierversuche ein unglaublich lukratives Geschäft. Ganze Industriezweige verdienen Unsummen am Tierversuch. Man kann sich das so vorstellen, wie einen Kreislauf – ein sich selbst erhaltendes System, das auf dem Leid der Tiere aufbaut und kranken Menschen überhaupt nicht weiterhilft.

Silke Strittmatter, Ärzte gegen Tierversuche

Der Verein Ärzte gegen Tierversuche fordert die Abkehr von Tierversuchen. Seiner Ansicht nach handelt es sich um ein "fehlgeleitetes tierexperimentelles System, bei dem allein in Deutschland jedes Jahr rund drei Millionen Tiere wie Messinstrumente gebraucht und entsorgt werden". Er wirbt auf seiner Internetseite und mit öffentlichen Aktionen wie Demonstrationen oder Informationsveranstaltungen für seine Position.

PRO: Argumente für Tierversuche

  • Tierversuche können Menschenleben retten. Zahlreiche Krankheiten können heute nur dank Versuchen an Tieren geheilt oder behandelt werden. Dazu zählen unter anderem Krebs oder bakterielle Erkrankungen wie Tuberkulose. Auch Insulin für Diabetiker wurde zum Beispiel mit Hilfe von Schweinen entwickelt.
  • Vor allem in der Grundlagenforschung werden in Deutschland Tierversuche gemacht. Die sei zwar nicht zielgerichtet, aber zwingend notwendig, um in der medizinischen Forschung ganz generelle Fortschritte zu erzielen, sagt Biologin Dr. Christina Beck von der Intitiative "Tierversuche verstehen". Dafür seien Tierversuche unabdingbar.

Im Grunde sämtliche Zielstrukturen im Körper, von denen wir noch keine Kenntnis haben, die sie ja erstmal entdecken müssen, sind immer Ergebnis einer Grundlagenforschung, die per se nicht nach einem Medikament forscht, sondern zunächst mal nur versucht, die Zusammenhänge aufzudröseln, die sich im Körper abspielen.

Dr. Christina Beck, Max-Planck-Gesellschaft

  • Die Ersatzmethoden sind in den Augen einiger Wissenschaftler unzureichend: So reiche es Beck zufolge nicht aus, Versuche an einzelnen, künstliche erzeugten Organen zu machen, um Auswirkungen auf Organismen als Ganzes - also im Zuammenspiel der verschiedenen Organe - zu verstehen. Auch Computersimulationen seien keine ausreichende Alternative, da für deren Programmierung bereits Kenntnisse vorhanden sein müssten, die noch gar nicht entdeckt sind, so Dr. Christina Beck.

  • Der Tierschutz in Deutschland ist streng geregelt: Forscher müssen Tierversuche mit Bedacht durchführen und prüfen, ob wirklich keine alternative Methode zur Verfügung steht. Tierversuche sollen also möglichst ersetzt und dadurch ganz vermieden werden. Wenn sie unbedingt notwendig sind und genehmigt werden, soll die Methodik so verbessert werden, dass möglichst wenig Leid für die Tiere entsteht.
  • Auch die Wissenschaftler selbst haben ein Interesse daran, dass es ihren Versuchstieren gut geht. Tierpsychologe Prof. Gerhard Heldmaier von der Deutschen Forschungsgemeinschaft begründet das so: "Um haltbare Forschungsergebnisse durch Tierversuche zu bekommen, ist es wichtig, dass sich die Tiere wohlfühlen und ihr normales Verhalten zeigen. Tierexperimentelle Forschung und das Wohlergehen der Tiere bedingen sich gegenseitig." Die Ausschüttung von Stresshormonen zum Beispiel kann Messergebnisse ebenfalls erheblich beeinflussen.
  • Rund drei Millionen Versuchstiere klingen zunächst nach einer sehr großen Zahl. Tatsächlich zählt das Bundeslandwirtschaftsministerium aber auch rund 750 Millionen Tiere, die als Nutztiere geschlachtet werden. Dazu ins Verhältnis gesetzt ist die Zahl der Versuchstiere also relativ gering.

Die Initiative "Tierversuche verstehen" präsentiert auf ihrer Internetplattform unter anderem Zahlen und Fakten zum Thema Tierversuche. Sie ist ein Zusammenschluss verschiedener großer Forschungsorganisationen. Unter anderem die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Fraunhofer-Gesellschaft, die Max-Planck-Gesellschaft und die Leopoldina gehören dazu. Ziel der Initiative ist es unter anderem mehr Transparenz zu schaffen und für Verständnis zu werben.

Bei allem Verständnis dafür, dass wir uns sehr wohl überlegen müssen, wie wir mit Tieren umgehen und dass wir auch ganz sicher einen Respekt vor dem Leben der Tiere haben müssen, müssen wir uns schon genau überlegen, welches Leiden wir auf der Welt akzeptieren und hinnehmen wollen und ob wir eigentlich nachkommenden Generationen in dieser Art und Weise medizinischen Fortschritt versagen wollen.

Dr. Christina Beck, Max-Planck-Gesellschaft

Zahl der Versuchstiere in Mitteldeutschland

Die mitteldeutschen Bundesländer haben nur einen relativ geringen Anteil am bundesweiten Versuchstier-Verbrauch. Auf der Negativ-Rangliste der "Ärzte gegen Tierversuche" lag Sachsen zuletzt auf Platz neun, Sachsen-Anhalt auf Platz elf und Thüringen auf Platz zwölf.

Versuchstiere in Mitteldeutschland (Quelle: Ärzte gegen Tierversuche e. V.)
Bundesland Tierzahl 2012 Tierzahl 2013 Tierzahl 2014 Tierzahl 2015
Sachsen 73.090 75.117 85.523 89.977
Sachsen-Anhalt 85.045 70.264 57.117 60.749
Thüringen 45.572 49.583 33.278 32.274

Über dieses Thema berichtet MDR Jump auch im Radio: MDR JUMP am Abend | 24.04.2017 | 19:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. September 2017, 12:27 Uhr