Das lange Experten-Gespräch Ulrich Hegerl: "Depression ist kein Fall für Schokolade"

Wer Depressionen hat, wird ungefragt mit wohlmeinenden Ratschlägen überhäuft: Mach mehr Sport! Geh spazieren, du brauchst Sonnenlicht! Kauf dir eine UV-Lampe! Schokolade hilft gegen den Winterblues! Aber Depression ist etwas anderes, als mal "traurig zu sein". MDR WISSEN hat mit Prof. Dr. Ulrich Hegerl gesprochen, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Der Grund: Die Stiftung hat in einer Studie die Deutschen befragt, was sie denn eigentlich über Depressionen wissen.

Prof. Dr. Ulrich Hegerl
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MDR WISSEN: Guten Tag, Herr Prof. Hegerl. Vielen Dank, dass wir dieses Gespräch führen können. Fangen wir von vorn an: Wie ist die Idee zu dieser Studie entstanden?

Prof. Dr. Ulrich Hegerl: Das war das Ergebnis von einem Gespräch mit Kollegen. Wir haben festgestellt, dass es sehr viele falsche Vorstellungen davon gibt, was eigentlich eine Depression ist. Jeder geht da ein bisschen von seinen eigenen Erlebnissen aus – wenn man mal einen schlechten Tag hat oder in einer Stresssituation steckt, überfordert ist oder nach einem Verlust trauert. Dann wird meistens rückgeschlossen, dass eine Depression genauso ist, was aber nicht zutrifft. 

Was wusste man vorher zum Meinungsbild Depression?

Es gab schon Umfragen und natürlich wusste man um das Problem der Stigmatisierung. Es gab Untersuchungen und auch Information darüber, dass es im Informationsstand in der breiten Bevölkerung ein Defizit gibt.

Was ist aus Ihrer Sicht das bemerkenswerteste Ergebnis bzw. der größte Irrtum, den es zur Depression immer noch gibt?

Das Hauptproblem ist eigentlich, dass die Menschen immer noch glauben, Depression ist sowas wie eine Befindlichkeitsstörung. Jeder hat ja schon mal mit den Bitternissen des Lebens zu tun gehabt - mit Trauer, mit Überforderung, mit Partnerschaftskonflikten, das kennen ja alle Menschen. Aber sie glauben dann, dass eine depressive Erkrankung so wäre, wie wenn man einen schlechten Tag hat. Aber das ist nicht richtig. Das sagen wir in unseren öffentlichen Kampagnen auch immer: Es ist eine Erkrankung. Und die kann jeden treffen, auch jemanden, der gar keine äußeren Gründe hat, depressiv zu sein. Es ist eine Erkrankung des Gehirns, aber das wird meist von der Allgemeinheit nicht so gesehen.

In der Umfrage wussten 63 Prozent um die erbliche Komponente von Depressionen und dass während der Depression der Stoffwechsel im Gehirn gestört ist. Ist das nicht schon eine beachtliche Zahl?

Der Wissensstand hat sich in den letzten Jahren schon verbessert. Wie wir an den Zahlen sehen können, haben die Betroffenen auch schon eine viel präzisere Vorstellung, was eine Depression ist, als die Allgemeinbevölkerung. Die wissen halt, dass es eine Erkrankung ist, die einen auch wie aus heiterem Himmel treffen kann, ohne dass es ausreichende äußere Erklärungen gibt.

Aber 96 Prozent glauben, dass Schicksalsschläge Depressionen auslösen. 94 Prozent sagen, es ist die Überlastung am Arbeitsplatz. War das ein überraschendes Ergebnis?

Ich habe ja permanent mit Menschen zu tun, die an Depressionen erkrankt sind. Und auf diese Sicht treffe ich andauernd. Die Menschen glauben, dass dieser oder jener äußere Faktor der Hauptgrund dafür sei, dass sie depressiv geworden sind. Und in meiner täglichen Arbeit erkläre ich immer wieder, dass die Überlastung am Arbeitsplatz ein Trigger, ein Auslöser sein kann. Viel wichtiger aber: Diese Menschen haben leider das Pech, dass sie eine Veranlagung für Depressionen haben. Und da genügt dann manchmal schon ein ganz kleiner Auslöser oder sogar auch eine positive Veränderung wie Urlaub oder eine bestandene Prüfung, dass man in diesen ganz speziellen Zustand Depression hineinrutscht. Das zu verstehen, das ist sehr schwer für Menschen, die es nicht permanent mit der Erkrankung Depression zu tun haben.

Aber die Zahlen aus der Umfrage haben Sie nicht wirklich überrascht.

Die Zahlen bestätigen halt, wie groß das Problem mit den Missverständnissen ist. Nehmen wir das Beispiel Jobcenter: Wenn man dort eine Depression nur als Folge der Arbeitslosigkeit ansieht, dann sieht man sie nicht als Problem, das man beseitigen muss. Hier wird die Depression oder eine andere psychische Erkrankung nicht als beseitigbares Vermittlungshemmnis wahrgenommen, sondern nur sekundär als Folge der Arbeitslosigkeit. Aber meistens ist die Depression die Ursache der Arbeitslosigkeit. Das führt dann dazu, dass die Menschen keine konsequente Behandlung kriegen.

Jeder Fünfte glaubt ja auch, dass Schokolade essen oder "sich zusammenreißen“ geeignete Mittel  gegen Depressionen sind.

Menschen mit Depressionen glauben in der Regel zu wissen, warum sie eine Depression haben. Oft geht damit ein verstärktes Schuldgefühl einher, nach dem Motto, sie seien Versager. Das ist ein Anzeichen einer Depression. Wichtig ist dann zu sagen: Depression ist eben auch eine Erkrankung des Gehirns und die Menschen können nichts dafür. Es ist nicht ihre Schuld. Das zu erklären, kostet am Anfang oft sehr viel Zeit.

Auch 78 Prozent der Befragten glauben, Antidepressiva würden süchtig machen und 72 Prozent denken, dass sie den Charakter verändern. Was sagte der Experte dazu?

Das ist tatsächlich eine große Sorge. Das kommt daher, dass Antidepressiva mit Schlafmitteln oder Beruhigungsmitteln verwechselt werden. Die können tatsächlich abhängig machen. Aber: Bei Antidepressiva gibt es keine Neigung die Dosis zu steigern. Man wird auch nicht high davon. Es gibt auch keinen Drogenschwarzmarkt. Was es gibt, sind manchmal Absetzeffekte, aber das heißt nicht, dass man davon süchtig wird. Wir setzen permanent völlig problemlos Antidepressiva bei unseren Patienten auch ab, ohne dass es irgendein Problem darstellt. Man muss es halt etwas langsamer machen.

Was ist mit der Charakterveränderung? Diese Vorstellung läuft einem ja auch permanent über den Weg, wenn man mit Leuten redet.

Meine Patienten sagen: Was mich verändert, das ist die Depression. So habe ich mich eigentlich nie erlebt, so kenne ich mich gar nicht. Auch meine Angehörigen kennen mich nicht so. Und durch die Behandlung bin ich jetzt wieder so, wie ich mich kenne. Das ist eigentlich die Regel. Antidepressiva verändern nicht den Charakter und man ist so, wie man sich kennt, wenn man wieder aus der Depression draußen ist.

Woher stammen dann diese Vorurteile über die Medikamenten? Gab es früher andere, süchtigmachende Tabletten?

Die Antidepressiva haben noch nie abhängig gemacht. Auch die älteren, die sogenannten trizyklischen Antidepressiva, haben nicht abhängig gemacht. Das ist einfach eine Verwechslung mit den Schlafmitteln und den Beruhigungsmitteln. Insgesamt ist das Verständnis, was Antidepressiva angeht, schon besser geworden. Es gibt auch immer wieder Leute, die hier Ängste schüren, gerade in Deutschland. Das ist in anderen Ländern nicht so. Da wird viel sachlicher umgegangen mit Antidepressiva. Vielleicht hat es etwas mit der Romantik in Deutschland zu tun, diesem Gefühl, dass die Natur gut ist und die Chemie böse. Denn beim Johanniskraut bestehen diese Bedenken nicht. Das wird oft sorglos eingenommen, obwohl es hier zu Medikamentenwechselwirkungen kommen kann.

Nun gibt es auch Angebote im Netz – die onlinebasierten Hilfsangebote. Warum ist Ihnen dieses Thema so wichtig?

Das ist ein sich abzeichnender Weg, um die großen Versorgungsdefizite in der Psychotherapie etwas zu lindern. Auch wenn es kein direkter Ersatz für eine ganz normale Face-to-face-Psychotherapie ist, kann man vielen Menschen doch auch helfen, mit Erkrankungen besser umzugehen. Ein onlinebasiertes Selbstmanagement-Programm - das ist ein etwas unangenehmes Wort. Es klingt so technokratisch, aber man könnte es auch Selbsthilfe nennen. Diese Programme erlauben dem Betroffenen zu lernen, was man selber tun kann, um mit der Erkrankung umzugehen. Die sind analog aufgebaut wie die ganz normale Psychotherapie - speziell wie eine kognitive Verhaltenstherapie. Es geht um einen ausgewogenen Tagesrhythmus, um Angenehmes und Erholsames zwischendurch und dass man sich nicht selbst überfordert. Wichtig ist auch der Schlaf: Nicht zu lange im Bett bleiben, das kann depressionsfördernd sein kann. Solche Bausteine enthalten diese Programme.

60 Prozent der Patienten, der Betroffenen sehen diese Ergänzung als hilfreich an. Das heißt aber immer noch 40 Prozent sehen das nicht positiv.

Die Zahlen sind schon sehr ermutigend. Ob das Online-Angebot tatsächlich als gut oder nicht gut angesehen wird, kann sich erst zeigen, wenn die Menschen es verwendet haben. Wenn sie dann merken, dass es etwas bringt und dass sie lernen, mit einer Depression umzugehen, dann werden das mehr als Chance wahrnehmen. Es wird aber auch immer Menschen geben, die sagen, dass ihnen dieses Digitale nicht liegt. Das muss man natürlich akzeptieren. Es ist nicht etwas für jeden, aber für viele ist es ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Viele haben Bedenken, was den Datenschutz betrifft. Was sagen Sie als jemand, der diese Portale kennt und auch mitentwickelt hat – wie begründet ist diese Angst?

In unserer digitalen Welt gibt es keine absolute Sicherheit. Aber weil es medizinische Daten sind, werden hier sehr hohe Standards angelegt. Die Informationen, die man hier eingibt, sind natürlich sehr persönlich. Insgesamt halte ich das Risiko aber für vertretbar im Vergleich zu den Risiken zum Beispiel beim Online-Banking.

Und welche Konsequenzen für Sie hat jetzt dieses Ergebnis, das Sie erfragt haben?

Wir machen ja auch sehr viel Öffentlichkeitsarbeit in der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Wenn wir hier Veränderungen sehen oder Felder, wo wir glauben, dass die Lücken besonders groß sind, können wir unsere Botschaften auch darauf abstimmen.

Wo sind aus Ihrer Sicht nach dieser Umfrage die Lücken besonders groß?

Man muss diese schwierige Botschaft rüberbringen, dass eine Depression mehr ist als eine Reaktion auf bittere Lebensumstände. Und dass es eine Gehirnerkrankung ist, eine Erkrankung wie andere Erkrankungen auch. Dass da noch Nachholbedarf besteht, ist noch mal deutlich geworden, auch wenn es nicht völlig überraschend ist.

Vielen Dank, Herr Prof. Hegerl für das Gespräch.

Danke Ihnen.

Dieses Thema im Programm: MDR aktuell | 27. November 2017 | 06:00 Uhr