Deutliches Ost-West-Gefälle Jeder Zehnte hat Diabetes

Die chronische Stoffwechselerkrankung Diabetes mellitus ist in Deutschland eine echte Volkskrankheit: Einer Studie zufolge leidet inzwischen jeder zehnte Bundesbürger mit einer gesetzlichen Krankenversicherung daran. Danach ist der Anteil der Diabetiker zwischen 2009 und 2015 von 8,9 auf 9,8 Prozent gestiegen - und liegt damit höher als bisher angenommen. Besonders auffällig ist ein deutliches Gefälle zwischen den alten und neuen Bundesländern.

Ein Blutstropfen aus einem Finger auf einem Teststreifen.
Der Test zeigt, ob zu viel Zucker im Blutkreislauf ist. Bildrechte: Imago/Science Photo Library

Diabetes war vor vielen Jahren einmal eine Krankheit der Reichen. Nur wer sich teuren Zucker in großen Mengen leisten konnte und körperlich nicht schwer arbeiten musste, erkrankte daran. Das hat sich geändert: Heute gelten sozial Schwächere als Risikogruppe. Und es gibt mehr Zuckerkranke als lange angenommen - vor allem im Osten Deutschlands.

Das geht aus einer Datenanalyse für den Versorgungsatlas des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland hervor. Dafür wurden anonymisierte Diagnosen von 70 Millionen Kassenpatienten ausgewertet. Schätzungen gingen nach Angaben der Studienautoren von sieben bis neun Prozent Diabetikern in der Deutschen Gesamtbevölkerung aus. Tatsächlich liegt die Zahl bei 9,8 Prozent.

Volkskrankheit Diabetes Diabetes mellitus ist eine chronische Stoffwechselerkrankung. Es gibt zwei häufige Formen:

Typ-1-Diabetes beginnt meist schon im Kindes- oder Jugendalter. Durch eine Fehlreaktion des Immunsystems tritt ein Mangel am körpereigenen Hormon Insulin auf. In der Folge steigt der Blutzuckerspiegel und die Patienten müssen Insulin spritzen. Von dieser Variante sind nur bis zu etwa 0,3 Prozent der Bevölkerung betroffen.

Typ-2-Diabetes betrifft fast zehn Prozent der Bevölkerung. Ungesunde Ernährung, Übergewicht und mangelnde Bewegung erhöhen das Risiko und können dazu führen, dass sich zu viel Glukose im Blut befindet. Neben Sport und gesunder Ernährung helfen Medikamente, den Blutzucker in den Griff zu bekommen. Manchmal sind auch hier Insulinspritzen notwendig.

Zu viel Zucker und zu wenig Bewegung

Die Ursachen für die Diabetes-Erkrankungen sind hinlänglich bekannt: Viele Menschen essen zu viel Zucker und Fett. Zusätzlich fehle es an Bewegung, sagt Studienautor Benjamin Goffrier.

Neben einem altersbedingten Effekt geht der Zuwachs wahrscheinlich auch auf die Lebensweise zurück.

Benjamin Goffrier, Studienautor

Neben dem Übergewicht spielen bei der Zuckerkrankheit aber die Gene eine Rolle. Menschen mit bestimmten erblichen Anlagen neigen eher dazu, dass der Diabetes wirklich ausbricht.

Eine halbe Million Neuerkrankungen pro Jahr

Jedes Jahr bekommt rund eine halbe Million Menschen in Deutschland zum ersten Mal die Diagnose Diabetes mellitus Typ 2. Dabei sind Männer in fast allen Altersgruppen stärker betroffen als Frauen.

Zuwächse gab es nicht mehr allein ab 65 Jahren, was bei Diabetes als Altersleiden in einer alternden Bevölkerung nicht sehr überraschend wäre. Einen überproportionalen Anstieg beobachten die Forscher seit 2009 auch bei jüngeren Erwachsenen und das ist ein Alarmsignal. Denn Typ 2-Diabetes tritt in der Regel erst nach dem 40. Lebensjahr auf. Anders als Typ 1, der in der Jugend beginnt, hat Diabetes im mittleren und höheren Alter vor allem mit dem Lebensstil zu tun.

Schwerpunkt Ostdeutschland

Besonders auffällig an der Analyse ist der Unterschied zwischen den alten und den neuen Bundesländern. Während im Osten 11,8 Prozent der Brüger an Diabetes leiden, sind es im Westen 9,2 Prozent. Die wenigsten Zuckerkranken gibt es in Schleswig-Holstein (8,3 Prozent), Baden-Württemberg (8,53) Prozent) und Hamburg (8,54 Prozent). An der Spitze liegen dagegen Sachsen-Anhalt (12,38 Prozent), Sachsen (12,02 Prozent) und Brandenburg (12,02 Prozent). Thüringen liegt mit 11,65 Prozent auf Rang fünf.

Oft tritt die Zuckerkrankheit bei den Menschen im Osten Deutschlands auch früher auf. Eine mögliche Erklärung dafür sei, dass die Einkommen im Mittel niedriger und die Arbeitslosigkeit höher seien, sagte Goffrier. Bei einem schlechteren sozialen Status sei oft auch die Gesundheitsbildung nicht so hoch.

Es kann aber auch sein, dass Menschen dort drei Jobs haben - und einfach keine Zeit, sich gesund zu ernähren und ausreichend zu bewegen.

Benjamin Goffrier, Studienautor

Außerdem sei Ostdeutschland stärker ländlich geprägt. Das könne eine andere Ernährungstradition bedeuten - zum Beispiel mehr Fleisch oder je nach Region auch mehr frittierte Gerichte. Zusätzlich spielt auch die demographische Situation eine Rolle: Wo mehr alte Menschen leben, gibt es auch mehr Diabetespatienten. Aufgrund der demographischen Entwicklung rechnen die Studienautoren mit einem weiteren Wachstum bei Diabetes-Erkrankungen.

Den Studienautoren zufolge hat es in den Industrienationen in den vergangenen Jahren aber vor allem einen Wandel der Lebensgewohnheiten gegeben: Vor allem Menschen mit gutem Einkommen und Bildung achteten oft besonders stark auf eine gesunde Ernährung. Die sozial Schwächeren griffen im Supermarkt eher zu ungesünderen Fertigprodukten und Fast Food.

Dieser Effekt zeigt sich auch auf Kreisebene. Im Kreis Starnberg bei München, einer der wohlhabendsten Gegenden der Republik, leben mit 6,5 Prozent die wenigsten Diabetiker. In der strukturschwachen brandenburgischen Prignitz dagegen gibt es die meisten - mit 14,2 Prozent sogar mehr als doppelt so viele. Neben Ostdeutschland ließen sich Unterschiede auch an den überdurchschnittlich hohen Zahlen für das Saarland (10,8 Prozent) ablesen, sagte Studienautor Goffrier. Diese Unterschiede sollten bei der Entwicklung von Präventionsprogrammen und Versorgungsstrukturen beachtet werden, ergänzt der Leiter des Versorgungsatlas Dr. Jörg Bätzing-Feigenbaum.

Über dieses Thema berichtet MDR Aktuell auch im Radio: MDR Aktuell | 16.03.2017 | 00:00 Uhr