Religionswissenschaft Star Wars: Wie viel echte Religion steckt im Jedi-Orden?

In den Star Wars-Filmen sind die Jedi sowas wie eine galaktische Friedensmission. Ein Kriegerorden, der auch viel Irdisches hat. Als Vorbild für diese religions-artige Gemeinschaft hat sich Drehbuchautor und Regisseur George Lucas aber nicht an einer Religion, sondern gleich an mehreren bedient. Welche das sind, erzählt uns der Religionswissenschaftler Christian Feichtinger im Interview.

Zwei Personen blicken sich an. Links Yoda mit typisch außerirdischem Aussehen, wulstiges Gesicht, spitze Ohren und rechts Obi-Wan Kenobi mit Aussehen eines jungen Mannes.
Jedi-Meister unter sich: Yoda und Obi-Wan Kenobi. Bildrechte: IMAGO / Allstar

Jedis sind mächtig und könnten theoretisch über ihre Galaxis herrschen. Oder eben darüber hinaus. Praktischerweise hindert sie ein strenger Friedenskodex daran, die ganze Macht an sich zu reißen. Stattdessen müssen sie mit ihr im Einklang leben und dürfen sie nur zur Verteidigung und zum Schutz anderer verwenden. Dazu gehört auch ein Leben ohne privaten Besitz und in Partner/-innenlosigkeit. Soweit die Fiktionstheorie um die Fiktionstheologie. Aber wie viel irdische Religion steckt in den Jedi? Besprechen wir das mit einem, der sich nicht nur mit Religion, sondern auch mit Star Wars auskennt, dem Religionswissenschaftler Dr. Christian Fechtinger von der Uni Graz. Jack Pop hat für das MDR WISSEN Youtube-Format Science vs. Fiction nachgefragt.

Diese Kombination von den Jedi aus Kodex, Enthaltsamkeit, Beschützertum klingt wie eine Mischung aus "Ritter trifft Mönch". Hat sich George Lucas das dort abgeschaut?

Christian Feichtinger: Auf jeden Fall. Zuerst denke ich an die Samurai, die in der Idealvorstellung dieses Image des ehrenvollen Kriegers haben. Die in ihrer Spiritualität und ihrem Ethos von japanischem Zen-Buddhismus geprägt sind. Wenn man sich die Jedi-Roben anschaut, erkennt man die Inspiration durch japanische Samurai-Filme. Und was für einen Jedi unverzichtbar ist, ist das Lichtschwert. Auch hier gibt es Parallelen zum Katana-Schwert der Samurai. Das war für sie ein Kultgegenstand und wurde auch als Seele der Samurai bezeichnet.

Wir sehen auch einige Parallelen zwischen den heiligen Stätten. Wir haben den Jedi-Tempel, wo es Bezüge zu japanischen Heiligtümern aus dem Shintoismus oder auch chinesischen heiligen Stätten gibt. Auch Elemente des Kirchenbaus sind da zu finden. Wir sehen auch die Ähnlichkeit des Rebellenstützpunktes mit Pyramiden. Von den Äußerlichkeiten funktioniert das gut.

Mann mit klein-kariertem Mantel, Drei-Tage-Bart und dickrandiger Brille in gestikulierender Erklärpose vor Hauswand mit Fenstern und Efeu
Dr. Christian Feichtinger Bildrechte: MDR WISSEN

Robe, Waffen, heilige Stätten. Wie sieht es mit der Philosophie der Jedi aus, wo kommt die her?

Auch da hat sich George Lucas stark bei asiatischen Traditionen bedient. Das merkt man beim Konzept der Macht. Die weist große Ähnlichkeiten mit der Idee des Chi aus dem chinesischen Daoismus auf. Eine Art Lebenskraft, Lebensenergie, die alles umfasst. Aus dem Daoimus stammt auch das bekannte Yin-Yang-Symbol, die Gegensätzlichkeit, das Weiße und das Schwarze. Die sind aber nicht komplett getrennt. Das eine enthält immer den Keim des anderen. So ist es auch mit der hellen und der dunklen Seite der Macht.

Interessant ist die sehr enge Verbindung von Spiritualität und Meditation einerseits und Kampfbereitschaft andererseits. Die finden wir auch im Buddhismus bei den Shaolin-Mönchen. Die haben in ihrer spirituellen Praxis Bewegungsmeditation und geistige Übungen. Die sind verbunden mit körperlichem Training und dem Erlernen von Kampfkünsten – um sich selbst, ihren Orden und ihre Heimat verteidigen zu können.

Science vs. Fiction: Die Jedi im echten Leben

Wir haben viel über asiatische Religion gesprochen. Aber George Lucas wuchs in einer christlichen Methodistenkirche auf, einer speziellen Form der Evangelischen Kirche. Da wird es sicher auch Einflüsse gegeben haben?

Wenn man in die christliche Geschichte zurückblickt, von Spiritualität und Kampfkraft. Nämlich bei den Tempelrittern. Viel offensichtlicher ist der bekannte Jedi-Gruß: Möge die Macht mit dir sein. Was sich direkt ableitet vom christlichen Segensspruch: Möge Gott mit dir sein.

Im Christentum haben wir, wie auch bei den Jedi, Lebensprinzipien. Eine Art Regelwerk, an dem man sein Leben ausrichten soll. Allerdings, und das ist ein wichtiger Unterschied: Im Christentum werden die Prinzipien von einem persönlichen Gott vorgegeben. Bei den Jedi haben wir keine Vorstellung von einem Gott. Deswegen sind die zehn Gebote viel genauer und direktiver. Während der Jedi-Kodex viel mehr Interpretations-Spielraum zulässt.

Klar, bei den 10 Geboten ist es sehr zielgerichtet: Du sollst nicht töten. Im Jedi-Kodex steht nur: Es gibt keinen Tod, es gibt nur die Macht.

Genau, solche Regelwerke und Gruß- und Segensformen haben wir auch in allen anderen Religionen. Aber wenn man sich so Themen anschaut wie Versuchung, Schuld, Reue, Vergebung, Erlösung: Da merkt man klar den christlichen Einfluss auf "Star Wars". Natürlich auch bei moralischen Idealen wie Selbstlosigkeit, Bescheidenheit oder Gerechtigkeit. Aber auch das finden wir ähnlich in verschiedenen Religionen. Weil die Religionen, und auch "Star Wars", vor den Versuchungen warnen, die für den Menschen gefährlich sind. Also Egoismus, Neid, Zorn, Machtmissbrauch oder Gier.

Darth Vader war wirklich kein Heiliger. Im Unterschied zu Jesus hat er der Versuchung durch das Böse nicht widerstanden. Aber sowohl am Anfang als auch am Ende ihres Lebens gibt es Parallelen.

Dr. Christian Feichtinger

Darth Vader mit Luke Skywalker
Vater und Sohn: Darth Vader und Luke Skywalker Bildrechte: imago images/Mary Evans

Also genau den Dingen, denen Anakin Skywalker verfällt und die ihn vom Jedi zum Sith-Lord werden lassen.

Wo wir grad bei Anakin Skywalker sind: Auch hier sehen wir ein wichtiges religiöses Motiv, die Hoffnung auf einen Messias. Denn auch die Jedi haben eine Prophezeiung, dass ein Erlöser kommen wird, der das Gleichgewicht der Macht wiederherstellen wird. Und in "Star Wars" ist das Anakin Skywalker oder Darth Vader. Während im Christentum die Erlöserfigur Jesus Christus ist.

Okay, das ist schon ein heftiger Vergleich. Darth Vader ist gleich Jesus Christus. Wenn man sich das Leben von Jesus anguckt: Er kommt in der Bibel deutlich netter und besser weg als Darth Vader im Film.

Darth Vader war wirklich kein Heiliger. Im Unterschied zu Jesus hat er der Versuchung durch das Böse nicht widerstanden. Aber sowohl am Anfang als auch am Ende ihres Lebens gibt es Parallelen. Beide werden jungfräulich empfangen, was auf ihren Sonderstatus hinweist. Am Ende vollbringen beide ihr Erlösungswerk dadurch, dass sie sich selbst opfern. Jesus für die Menschheit und Anakin für seinen Sohn Luke.

Jesus stirbt, dann kommt die Auferstehung, dann fährt er auf in den Himmel. Christen haben eine klare Vorstellung vom Himmel und von der Hölle. Das haben wir bei den Jedi nicht. Wie läuft es bei denen?

Da kommen wir mehr zu den asiatischen Einflüssen bei George Lucas. Die Jedi werden nach dem Tod verbrannt und kehren in die Macht zurück oder gehen in der Macht auf. Aber sie lernen später, in der Macht ihre Individualität beizubehalten und als Geistwesen weiter zu existieren. Und als Geistwesen in der Welt weiter zu wirken. Das ist vergleichbar mit den "Bodhisattvas", mit den Erleuchtungswesen in einer bestimmten Form des Buddhismus.

Worum es George Lucas eigentlich ging, ist, darauf hinzuweisen, dass es etwas Höheres gibt, ein Mehr gibt im Leben.

Dr. Christian Feichtinger

Wir haben Ähnliches auch im japanischen Shintoismus. Da finden wir die Kami, Gottheiten oder Geistwesen, die auf die Menschen Einfluss nehmen können. Die auch als Botschafter des Überirdischen fungieren. Ähnlich agieren auch die Jedi als Geistwesen in "Stars Wars" und nehmen Einfluss auf die Lebenden –z.B. bei Rey im letzten "Stars Wars"-Film.

Fassen wir zusammen: George Lucas wuchs in der christlichen Methodistenkirche auf. Den christlichen Einfluss sehen wir in den "Star Wars"-Filmen. Genauso wichtig ist die asiatische Spiritualität. Bestimmte Formen wie z.B. Buddhismus, Shintoismus und Daoismus.

Genau. Eine Sache fehlt noch, die kaum bekannt ist: In den 1970er-Jahren gibt es einen Mann namens Carlos Castaneda. Er schreibt eine ganze Reihe Bücher. Der Held seiner Bücher ist Don Juan Matus, ein alter Weiser, der seine Energie aus der geheimnisvollen Kraft bezieht und der dort den Protagonisten in die Geheimnisse der Kraft einweiht. Das Ganze stammt aus der damaligen Esoterik, aus der New Age-Literatur. Hier nimmt Lucas starke Anleihen. Sowohl in seinem Verständnis der Macht als auch in seiner Gestaltung der Figur des Yoda, der diesem Don Juan Matus nachempfunden ist.

Das ist ein wilder Mix von vielen religiösen Motiven und Strömungen. Ist es beabsichtigt, dass George Lucas das alles zusammengehauen hat?

Ja, wobei es ihm nicht darum ging, das irgendwie wild zu mischen. Seine eigentliche Motivation stammt aus der Überzeugung, dass seiner Ansicht nach alle Religionen einen gemeinsamen Kern haben. Eine gemeinsame Grundspiritualität, die sie miteinander verbindet. Deswegen war es für ihn kein Problem, diese verschiedenen Religionen zu mischen. Worum es ihm eigentlich ging, ist, darauf hinzuweisen, dass es etwas Höheres gibt, ein Mehr gibt im Leben. Und dass es für den Menschen nicht egal ist, dass es dieses Mehr, dieses Höhere gibt, sondern dass er sich damit befassen muss.

Das sieht man gerade bei den Jedi. Die leben in einer hochtechnologischen Welt. Die sind verstrickt in politische und gesellschaftliche Konflikte. Aber ihr Schicksal hängt davon ab, wie sehr es ihnen gelingt, mit diesem Höheren in Verbindung zu bleiben. Das war die zentrale Message von George Lucas.

Dirigent Frank Strobel 30 min
Bildrechte: Kai Bienert