Dreharbeiten von Lexi-TV im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, anlässlich 15 Jahre Erforschung der Himmelsscheibe von Nebra.
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Archäologie Wie die Himmelsscheibe die Geschichtsschreibung veränderte

Sie hat unseren Blick auf die Vergangenheit völlig verändert: Vor 15 Jahren wurde die Himmelsscheibe von Nebra geborgen. Das heute in Halle ausgestellte Artefakt hat unser Wissen über die Bronzezeit umgekrempelt.

von Karsten Möbius

Dreharbeiten von Lexi-TV im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, anlässlich 15 Jahre Erforschung der Himmelsscheibe von Nebra.
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Am 23. Februar 2002 betritt Harald Meller, der Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, das Hotel Hilton in Basel. In Absprache mit der Polizei gibt er vor, zwei Grabräubern für 700.000 Mark ein wertvolles Artefakt aus Sachsen-Anhalt abkaufen zu wollen. Die Dealer werden geschnappt, das Artefakt beschlagnahmt und die Himmelsscheibe von Nebra betritt die Bühne der Neuzeit.

Heute ist sie im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zu sehen. Untersuchungen und Forschungen, die sich seitdem mit der Himmelsscheibe beschäftigen, verursachen bei Archäologen und Historikern die sprichwörtlich feuchten Augen. Denn die Himmelscheibe erlaubt einen Blick in die Geschichte, der alle bisherigen Vorstellungen über den Haufen wirft.

Wer? Unschätzbar!

32 Zentimeter ist ihr Durchmesser, sie ist 4,5 Millimeter dick und etwa 2,5 Kilogramm schwer. Ihr Wert allerdings ist unschätzbar. Über die Versicherungssumme herrscht eisernes Schweigen. "Die Himmelsscheibe hat einen Versicherungswert, der höher ist also so mancher Picasso. Und das sagt doch einiges", erklärt Harald Meller.

Die Scheibe gilt als eine der wichtigsten archäologischen Entdeckungen der Menschheit, mindestens zu den Top 20 der Funde, die je gemacht wurden, meint Meller. Präsentiert wird sie in Halle im Landesmuseum für Vorgeschichte unter den höchsten Sicherheitsstandards, die derzeit möglich sind. Daran würden sich sogar die Olsenbande oder 007 die Zähne ausbeißen, versichert der Landesarchäologe und Museumsdirektor.

Mindestens eine halbe Milliarde Menschen wissen durch die hohe Medienpräsenz, dass es die Himmelsscheibe gibt. Zu Hause in Halle, auf Ihrer Tour durch Europa und Japan ist sie von über einer Millionen Menschen besucht worden. Aber was macht die mit Grünspan besetzte Scheibe so besonders? Warum dieser Hype seit 15 Jahren? Sie ist nicht mal die älteste Himmelsdarstellung, die wir aus der Epoche kennen, sondern nur die zweitälteste.

Zum einen sei es die Art der Darstellung, erklärt Meller. Sie zeige den Himmel ohne Schnickschnack, völlig untypisch, ohne mystische Verklärung mit Krokodilen oder Sternzeichen.

Dreharbeiten von Lexi-TV im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, anlässlich 15 Jahre Erforschung der Himmelsscheibe von Nebra.
Archäologe und Museumsdirektor Harald Meller mit Lexi-TV-Moderatorin Victoria Herrmann. Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Sie zeigt in gnadenloser Nüchternheit den Sternenhimmel. Etwas, das sich die Menschen der Antike bis ins Mittelalter nicht trauten so zu zeigen. Da brauchte es erst Galilei, bis man zu diesem rationalen Verhältnis zum Himmel kam.

Harald Meller, Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt

Aber auch das erklärt ihren wissenschaftlichen und archäologischen Wert nicht wirklich. Die Himmelsscheibe – und das macht sie so einzigartig – verändert unser Verständnis für die Bronzezeit vor etwa 3.800 Jahren völlig.

Roberto Risch, Leiter der Abteilung Vorgeschichte an der Universität von Barcelona, sagt, die Himmelsscheibe kam für uns wie ein Blitz. Sie zeigte uns plötzlich die Bronzezeit hier in Mitteldeutschland in einem völlig neuen Licht. Bisher dachten wir, dass Stammesfürsten über eher einfach strukturierte Gemeinschaften von Jägern und Viehzüchtern herrschten. Und plötzlich wird eine Himmelsdarstellung gefunden, eine Art universeller Kalender, der ein Wissen über die Zeitmessung offenbart, das wir den Menschen von damals nie zugetraut hätten.

Die Himmelsscheibe zeigt ja eine Schaltregel, die es erlaubt Jahre zu zählen. In Gesellschaften – also den Ackerbauern- und Viehzüchtergesellschaften – ist es wichtig zu wissen, in welcher Jahreszeit du lebst, wann du säen musst und wann du ernten musst. Aber es ist nicht wichtig in welchem Jahr du bist.

Robert Risch, Universität von Barcelona
Dreharbeiten von Lexi-TV im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, anlässlich 15 Jahre Erforschung der Himmelsscheibe von Nebra.
Roberto Risch, Leiter der Abteilung Vorgeschichte an der Universität von Barcelona Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Die Schlussfolgerungen, die Archäologen daraus zogen, waren bahnbrechend. Plötzlich ahnte man, warum die Mächtigen dieser Zeit so reich waren, so üppige Grabbeigaben hatten. Reichtum war kein zufälliger Erfolg von Raubzügen mehr, sondern Ergebnis komplexer gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Strukturen, die erst mit regelmäßigen Abgaben möglich waren. Die Himmelsscheibe zeigt, dass es Vorläufer moderner Staatengebilde nicht nur in Mesopotamien gab. "Du musst wissen, wann sind Steuern eingekommen, welches Jahr, wieviel produziert worden ist. Du musst also aufschreiben und aufzeichnen, was für Erträge du hast und wieviel Steuern. Und dadurch ist ein Kalender sehr, sehr wichtig", sagt Risch.

Und als wäre das noch nicht genug, gibt die Himmelsscheibe über die Zeit, die wir heute die Bronzezeit nennen, noch mehr preis – nämlich durch die verwendeten Materialien. Sie zeigt, dass schon damals über ganz Europa hinweg Fernhandel betrieben wurde. "Jemand hat vor 3.800 Jahren hier in Mitteldeutschland Zinn und Gold aus England, mit Kupfer aus den Alpen, mit Wissen aus Mesopotamien verbunden. Auch das gibt die Himmelsscheibe wieder", sagt der Forscher aus Barcelona begeistert.

Das alles macht den Fund von Nebra so einmalig und wertvoll. Kein Schwert aus der Bronzezeit, kein anderes Schmuckstück kann ihr damit das Wasser reichen. Seit 2013 gehört sie deshalb zum Weltdokumentenerbe der UNESCO.

Zuletzt aktualisiert: 05. November 2019, 12:25 Uhr