125 Jahre Stromtrassen Auch Deutschlands erste Stromleitung war umstritten

Heute streiten die Deutschen über neue Stromtrassen, die Nord- und Süddeutschland besser verbinden sollen. Auch vor 125 Jahren, als die erste Überlandleitung gebaut wurde, gab es heftige Widerstände und viel Bürokratie.

von Karsten Möbius

Eine Stromleitung in Halle vor der untergehenden Sonne.
Bildrechte: MDR/Gerald Perschke

August 1891: In einer Zeit, in der noch keine Stromleitungen quer durch unsere Landschaft führten, kamen wahrscheinlich jede Menge Kabel aus städtischen Kellerfenstern. Dort standen Dampfmaschinen, die einen Höllenlärm machten und die Städte mit ihrem Rauch verdunkelten. Cafés, Restaurants und Handwerksbetriebe stellten ihren Strom selbst her, sagt Eva Ehrenfeld. Im schwäbischen Lauffen am Neckar hat sie eine Ausstellung über die erste Überlandleitung zusammengestellt. "Die ersten, die sich elektrischen Strom leisten konnten, waren reiche Bürger und eben die Kommunen, die vor allem ihre Stadtbeleuchtung auf Elektrizität umstellen wollten, weil die Gasbeleuchtung einfach riskant war“, erzählt sie.

Es wundert also nicht, dass sich vor allem große Städte eine zentrale Stromerzeugung wünschten, die möglichst außerhalb stattfinden sollte. Offenbar war der Wunsch in Frankfurt am Main schon sehr konkret.

Da man schon Straßenbahnoberleitungen sehr hässlich fand – da waren auch die Bürger an Protesten beteiligt – wollte man eigentlich, dass Stromerzeuger nicht überall in den Kellern stehen, sondern dass das am Stadtrand angesiedelt wird.

Eva Ehrenfeld

Und da war die Frage: Wie kriegen wir den Strom vom Rand ins Zentrum. Und deshalb war die Stadt Frankfurt sehr daran interessiert, sich über die neuesten Technologien zu informieren und hat eine elektrotechnische Ausstellung geplant. Teil der Ausstellung war eine Fernleitung, die einen künstlichen Wasserfall und 1000 Glühbirnen fehlerfrei über zweieinhalb Monate mit Strom versorgte. Das war bis zum Oktober 1891. Dann wurde die Leitung wieder abgebaut.

Die erste deutsche Stadt mit zentraler Stromversorgung war dann Heilbronn. Sie bekam ihren Strom aus einem Zementwerk in Lauffen am Neckar. Denn das Zementwerk stand einer günstigen Stelle an der der Fluss ziemlich schnell fließt, erzählt Ehrenfeld: "Das Zementwerk stellte fest, dass man den Strom nicht komplett braucht. Man hatte 60 Prozent Überschuss. Deshalb wollte man die Energie verkaufen. Also haben sie eben versucht jemanden zu finden, der ihnen eine Leitung nach Heilbronn legt.“

Strom aus der Zementfabrik

Das erste deutsche Kraftwerk war also eine Zementfabrik. AEG sponsorte übrigens unter anderem die erste deutsche Überlandleitung, die über Heilbronn schließlich bis Frankfurt am Main führte. Stolze 700.000 Mark hat sie gekostet. Wie viel das heute wäre, kann man vielleicht abschätzen, wenn man weiß, dass ein Arbeiter damals etwa vier Mark am Tag verdient hat. Die Länge der Leitung war 169,9 Kilometer. Sie bestand aus 3182 Masten, die acht Meter hoch waren. Und genauso wie heute, waren die Menschen vor 125 Jahren nicht begeistert vom Bau der Trasse. Sie hatten Angst, "dass von diesen Masten tödliche Stromstöße ausgehen könnten. Und man hat verlangt, sie mit Stacheldraht zu sichern. Schließlich wurde auf jedem Mast ein Totenkopf angebracht zur Warnung, dass keiner hochklettert“, sagt Ehrenfeld.

Das, was heute die Planfeststellungsverfahren, die Umweltverträglichkeitsprüfungen und Gerichtsverfahren an Zeit kosten, das besorgten damals die komplizierten politischen Strukturen. Die Trasse führte durch vier verschiedene Hoheitsgebiete: Württemberg, Baden, Hessen und Preußen. Und in jedem Land musste eine Genehmigung eingeholt werden. Bis zum Ende gab es einzelne Bürgermeister, die sich dagegen wehrten, dass die Leitung verbunden wird.

Energiewende macht neue Leitungen nötig

50 weitere Jahre dauerte es, bis das letzte Dorf in Deutschland einen Stromanschluss hatte. Heute ist das gesamte deutsche Stromnetz 1,8 Millionen Kilometer lang. Der Ausbau wäre beendet, gäbe es nicht die erneuerbaren Energien. Sie sind ein Grund, dass neue Gleichstromleitungen geplant werden. Sie transportieren Strom über längere Distanzen effektiver als Wechselstromleitungen, die derzeit die Energie in unsere Städte bringen.

Zuletzt aktualisiert: 11. September 2017, 16:08 Uhr