Pflanzenforschung Kamille: Käfer, Pilze und Witterung setzen ihr zu

Bislang brauchte der Mensch die Kamille als Heilpflanze. Jetzt braucht die Kamille den Menschen: Pilze und ein winziger Käfer setzen dem Heilkraut zu. Die Forschung hat jetzt einen Schad-Pilz identifiziert, der mit dafür sorgt, dass nur ein-, statt bisher dreimal im Jahr geerntet werden kann.

Kamillen-Pflücke
Hier fliegen die gepflückten Kamillen-Köpfchen in den Sammelbehälter Bildrechte: Matthias Schnelle

Kamillentee im Supermarktregal ist für uns so selbstverständlich wie das Wasser aus dem Hahn. Die Meldung des Julius Kühn-Instituts lässt uns deshalb den Kamillentee ganz anders betrachten, denn der robusten Pflanze machen seit etwa zwei Jahrzehnten vermehrt Schädlinge zu schaffen. Einer davon wurde jetzt vom Julius Kühn-Institut identifiziert, ein Pilz der Gattung Rhexocercosporidium, "getauft" auf den Namen Rhexocercosporidium species nova.

Wissen, mit wem man es zu tun hat, ist das eine. Aber wie man damit umgeht, ist dann der nächste Schritt. Und vor dem steht die Forschung noch. Zwei Wege sind dabei denkbar – sind der Pilz und seine Eigenarten genau erforscht, sieht man, welches Pflanzenschutzmittel sich eignet. Oder man züchtet eine Kamille, die resistent ist gegen den Pilz.

Kamille - gegen was die Heilpflanze sonst noch kämpft

Eine Pflanze die teilweise verdörrt ist
Die Heilwirkung der Kamille leidet unter dem Pilzbefall. Und die Pflanze treibt nach dem Köpfen keine neue Blüte. Bildrechte: Katja Sommerfeld

Aber nicht nur Rhexocercosporidium species nova schadet der Kamille. Auch ein 0,2 Millimeter großer Käfer, Microplontus rugulosus, der runzlige Kamillekleinrüssler und die Schadpilze Echter und Falscher Mehltau sowie Septoria matricariae machen den Kamillenpflanzen zu schaffen. Der Kamillekleinrüssler ist sehr früh, nach der Schneeschmelze aktiv. Er siedelt sich schon im Herbst des Vorjahres in die Herbstkamille ein, wodurch also die erste Kamille im Frühjahr besonders gefährdet scheint. Und wer sich mit Heilkräutern auskennt weiß: Thüringen ist sozusagen Deutschlands größter Heilkräutergarten, allein 90 Prozent der Arznei-Kamille wird hier angebaut.

Was machen die Schädlinge mit der Kamille?

Kamillepflanzen mit Pilzbefall blühen seltener. Ihre Blätter zeigen sogenannte Verbräunungen, die Auswinterungsschäden ähneln. Dem Forschungsinstitut zufolge fallen dann die zweite und dritte Pflücke aus. Pflücke ist der Fachbegriff für den Ernteprozess der Kamille, erklärt Diplom-Agraringenieur Matthias Schnelle, der seit 1989 in der Thüringer Agrargenossenschaft Nöbdenitz arbeitet.

Tatsächlich wird die Kamille in Thüringen gepflückt – und zwar maschinell. "Die Maschinen dafür sind in einem kleinen Betrieb in Linz bei Dresden 1974 entwickelt worden. Das Patent dafür, die Pflücktechnik, bei der die Pflanzen wie über eine Art Kamm geschoren und abgepflückt werden, ist seither unverändert", erzählt Schnelle: "Weltweit sind diese Maschinen einmalig." Sie arbeiten nicht wie der Mähdrescher mit einem Schneidwerk, sagt der Agraringenieur. "Am Vorsatz der Maschine sind rotierende Pflückkämme, die reißen der Kamille das Köpfchen ab." Und ohne sie ließe sich die Kamillenernte in diesem Umfang kaum betreiben, denn "der deutsche Anbau zielt auf Köpfchenware", erklärt Matthias Schnelle. Allein der Agrarbetrieb in Nöbdenitz beackert 350 Hektar Land – nur mit Kamile.

Die Schäden durch den winzigen Kamillekleinrüssler finden sich im Pflanzeninneren. Äußerlich schadet der Käfer der Pflanze da, wo die Larve sie verlässt. Aber auch durch die Fraßtätigkeit der Larven wird der Stängel instabil und die Pflanze kann umknicken. Durch solche Schäden entstehen Einfallstore für Pilze.

Woran die Forschung arbeitet

Kamillenernte mit Kämm-Maschinen
Man ahnt den Duft der Kamillen, der über den Feldern liegt, wenn die Kräuter blühen. Bildrechte: Matthias Schnelle

Die Identifikation des neu identifizierten Schadpilzes ist ein erster Schritt um der Kamille zu helfen. Viele Fragen sind noch offen: Wie hängen die verschiedenen Schädlinge miteinander zusammen? Aus jahrzehntelanger Praxis weiß Matthias Schnelle, dass zum Beispiel der falsche Mehltau, der sich binnen Stunden ausbreitet, in zwei, drei Tagen eine komplette Ernte zunichte machen kann. "Die Blüten verkümmern, die sonst so strahlendweißen Blätter werden grau, die Wirksamkeit der Kamille leidet, die Pflanze schließt ab." Und das ist fatal – die Pflanze altert und vertrocknet und blüht dann kein zweites oder drittes Mal. Wird die Kamille gepflückt, wird sie dagegen zu neuer Blütenbildung angeregt, daher kämmt die Erntemaschine auch nur die Köpfe der Kamille ab.

Ein Käfer
Microplontus rugulosus, winzig klein, schafft Eintrittstore für andere Schädlinge Bildrechte: Julius Kühn-Institut

Aber nicht allein Pilze, wie der echte und falsche Mehltau, der neu gefundene Pilz, oder der winzig kleine Rüsselkäfer, machen den Kamille-Bauern zu schaffen. Es sind vor allem die unberechenbaren Witterungseinflüsse. Besonders gefürchtet bei den Kräuter-Genossenschaften ist der Mai, die Zeit um Himmelfahrt: Das ist der Zeitraum, in dem die Kamille am besten im Saft steht, kurz vor der Pflücke. Maigewitter können dann ganze Ernten dahinraffen, die Pflanzen umknicken lassen, 2017 war so ein Jahr. Der Agraringenieur erinnert sich: "Auf 90 Prozent der Fläche war die Kamille hin, das war noch schlimmer als das Dürrejahr 2018."

Während die Kräuterbauer die Witterungseinflüsse beobachten, sucht die Forschung nach Antworten auf andere Fragen: Wann gedeiht der neu identifizierte Pilz am besten, bzw. am schlechtesten, was beeinflusst den Prozess der Sporenbildung, welche Rolle spielen Hitze, Trockenheit, Niederschläge. Momentan weiß man nur, wann die Sporenlager aus der Pflanze hervorbrechen. Wichtig wäre aber, den Pilz unabhängig von Witterungseinflüssen und in der Pflanze in frühen Entwicklungsstadien zu finden. Dafür fehlen noch entsprechende Diagnose-Verfahren.

Kamille: Anbau und Lebenszyklen

Kamille kann zweimal im Jahr ausgesät werden, einmal im Herbst, einmal im Frühjahr. Die Frühjahrsaussaat ist weniger ertragreich als die im Herbst. Allerdings zeigten Versuchsfelder im Frühjahr 25 Prozent weniger Käfer-Befall als in der Herbstkamille. Offenbar ist die Vermehrungsrate der Käfer in der Frühjahrskamille niedriger. Die Forschung vermutet deshalb, dass eine Umstellung auf mehr Frühjahrskamille für weniger Käferbefall sorgen könnte. Von einer kompletten Umstellung rät das Forschungsteam aber ab, da sich dann schlimmstenfalls die komplette Eiablage der Käfer auf die Frühjahrskamille konzentrieren könnte.

Kamillenernte mit Kämm-Maschinen
Stängel und Blätter, die nach der letzten Pflücke übrigbleiben, werden getrocknet, gepresst und gemahlen und in Nahrungs-Pellets für die Pferdehaltung verarbeitet. Bildrechte: Matthias Schnelle
Im Kräutergarten von Marion Heidenreich 6 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Apothekerin Marion Heidenreich baut in ihrem Garten bei Jena geläufige und seltene Heilpflanzen an, um sie in eigenen Tropfen und Salben zu verwenden. Nur gegen Männerschnupfen hat sie noch kein Kraut gefunden.

MDR FERNSEHEN So 01.12.2019 08:30Uhr 05:35 min

https://www.mdr.de/mdr-garten/geniessen/video-heilpflanzen-aus-dem-garten-100.html

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Video
Zwei Gläser auf einem Tisch. In einem Glas befindet sich ein Saft, in dem anderen Blätter und Zucker.   2 min
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