Färöer-Inseln - Hütte am See Eidisvatn bei tiefhängende Wolken
Hütte am See Eidisvatn auf der Färöer-Insel Eysturoy. Bildrechte: imago/imagebroker

Sprungbrett im Nordatlantik Färöer lange vor Wikingern von Kelten besiedelt

18. Dezember 2021, 10:00 Uhr

Die Wikinger galten lange als die ersten Bewohner der Färöer. Doch die nordatlantische Inselgruppe war bereits 350 Jahre vorher bevölkert, wie nun eindeutig bewiesen wurde. Vermutlich waren es Kelten, die das Sprungbrett im Nordatlantik ab dem Jahr 500 n. Chr. besiedelten. Mit Massen von Schafen, die ihre DNA-Spuren in einem See hinterließen.

Einsam, zerklüftet und steil ragen die Färöer (übersetzt: "die Schafsinseln", deshalb ist "Färöer-Inseln" eigentlich doppelt gemoppelt) mehr als 300 Kilometer nordwestlich von Schottland aus dem Nordatlantik. Die kleine Inselgruppe gehört zum Königreich Dänemark, doch ihre 53.000 Bewohner sehen sich als Nachkommen norwegischer Wikinger.

Wikinger ab 850 n. Chr. auf Färöer

Karte der Färöer mit der Insel Eysturoy
Karte der Färöer mit der Insel Eysturoy. Bildrechte: PantherMedia / Peter Hermes Furi

Tatsächlich haben archäologische Ausgrabungen ergeben, dass wikingische Seefahrer die Färöer um 850 n. Chr. mit ihren hochseetüchtigen Langstreckenschiffen erreichten. Die Inselgruppe war danach ein Sprungbrett für die Besiedlung Islands um 874 und die Kolonisierung Grönlands um das Jahr 980. Von der größten Insel der Welt aus erreichten Wikinger schließlich Anfang des 11. Jahrhunderts als erste archäologisch nachgewiesene Europäer Nordamerika. Trotz einiger anderslautender mittelalterlicher Texte galten die nordischen Seefahrer somit über Jahrhunderte als die unumschränkten Entdecker und Besiedler der nordatlantischen Insel- und Küstenwelt.

Erste Färinger kamen 350 Jahre eher

Grasende Schafe vor den zwei grossen Steinsäulen, Risin und Kellingin (der Riese und das Trollweib), vor der Nordküste der Färöer-Insel Eysturoy
Schafe gab es auf Eysturoy lange vor den Wikingern. Bildrechte: IMAGO / blickwinkel

Doch neue Beweise vom Grund eines Sees auf der zu den Färöern gehörenden Insel Eysturoy legen nun nahe, dass bereits um das Jahr 500 - also sage und schreibe 350 Jahre vor den Wikingern - Menschen auf der nordatlantischen Inselgruppe siedelten. In den Schlammsedimenten des Sees Eidisvatn fand ein internationales Forscherteam unter Federführung des Lamont-Doherty-Instituts New York massenhaft Fragmente von Schaf-DNA sowie Lipide aus dem Verdauungssystem der Tiere. Die Wissenschaftler sehen darin einen Beleg dafür, dass bereits zwischen 492 und 512 n. Chr. eine große Zahl von Hausschafen auf Eysturoy auftauchte. Da die Färöer aber ursprünglich überhaupt keine Säugetier-Populationen besaßen, können die Schafe nur durch Menschen auf die Insel gebracht worden sein.

Für uns ist damit der Beweis erbracht, dass die Färöer schon vor den Wikingern besiedelt waren.

Lorelei Curtin, Lamont-Doherty-Institut New York EurekAlert

Verkohlte Gerstenkörner als erster Beleg

Die neuen Beweise erhärten den bislang ersten physischen Beleg für eine vor-wikingische Besiedlung der Färöer aus dem Jahr 2013. Damals fanden Archäologen unter dem Boden eines Wikinger-Langhauses auf der Insel Sandoy verkohlte Gerstenkörner, die sie auf eine Zeit zwischen 300 und 500 Jahren vor den Wikingern datierten. Da auch Gerste nicht auf der Inselgruppe heimisch ist, müssen auch diese Körner von Menschen dorthin gebracht worden sein.

Mittelalterliche Texte deuten auf Iren hin

Doch wer waren die Fremden, die mehrere Jahrhunderte vor den Wikingern die Färöer und damit das Sprungbrett in den Nordatlantik besiedelten? Einige mittelalterliche Texte und Karten legen nahe, dass irische Mönche die Inseln um 500 erreichten. So soll der Heilige Brendan, ein berühmter irischer Seefahrer, zwischen 512 und 530 mit seinen Kameraden den Atlantik überquert und dabei die "Insel der Seligen" gefunden haben. Spätere Spekulationen besagten, dass außer den Färöern auch die Azoren, Kanaren oder sogar Nordamerika gemeint gewesen sein könnten. Im Jahr 825 schrieb der irische Mönch Dicuil, er habe gehört, dass auf einigen unbekannten nördlichen Inseln seit mindestens 100 Jahren Einsiedler lebten. Beweise für all diese Berichte gab es aber nie.

Mysteriöse Insel von St. Brandan in Karte von Martin Behaim 1492
Die mysteriöse Insel des Heiligen Brendan in einer Karte von Martin Behaim, 1492. Bildrechte: IMAGO / Photo12

Belege für keltische Erstbevölkerung

Der Paläoklimatologe William D'Andrea, der die Sedimentuntersuchung auf Eysturoy geleitet hat, sowie die Studien-Erstautorin Lorelei Curtin, glauben dennoch, dass es Kelten waren, die die Färöer lange vor den Wikingern besiedelten. Tatsächlich leiten sich viele färöische Ortsnamen von keltischen Wörtern ab. Auch sind uralte - wenn auch undatierte - keltische Grabmarkierungen auf den Inseln zu finden. Das wichtigste Argument für eine keltische Erstbesiedlung der Färöer ist aber ein besonders hoher Anteil keltischen Erbguts unter den heutigen Färingern. Die Wissenschaftler sehen darin einen Beweis für eine keltische Bevölkerung, die bereits vor den Wikingern auf der Inselgruppe lebte. Dass von diesen Menschen bislang keine physischen Spuren nachgewiesen wurden, liegt ihrer Meinung nach daran, dass deren Siedlungsplätze später komplett von den Wikingern überbaut wurden.

Färöer, Island und noch weiter?

Die Paläoklimatologen William DAndrea und Gregory de Wet mit Sedimentproben
Die Paläoklimatologen William D'Andrea (links) und Gregory de Wet mit Sedimentproben aus dem See Eidisvatn. Bildrechte: Nicholas Balascio/the College of William & Mary

Nach Ansicht des schottischen Archäologen Kevin Edwards, der 2013 mit seinem Gerstenkörner-Fund auf der Insel Sandoy den ersten Beleg für eine vor-wikingische Besiedlung der Färöer erbrachte, liefert die neue Studie weitere "überzeugende und aufregende Beweise". Der Professor der Universität Aberdeen geht sogar noch weiter: "Sind ähnliche Beweise auch in Island zu finden, wo ähnliche Argumente für eine vor-norwegische Präsenz sprechen und für die ähnliche archäologische, pollenanalytische und menschliche DNA-Ergebnisse vorliegen?"

Doch wenn die Kelten vor den Wikingern nicht nur auf den Färöern, sondern vielleicht sogar auch auf Island waren, hätten sie dann nicht ebenso Grönland oder gar Nordamerika erreichen können? Bislang lässt sich darüber aber nur spekulieren - bislang!

(dn)

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