Ein Kleinkind schaut auf ein Handy.
Kinder unter 3 Jahren sollten kein Handy nutzen. Bildrechte: Colourbox.de

Elektronische Medien Smartphone-Nutzung durch Kinder: Welche Folgen hat Bildschirmzeit?

21. März 2024, 11:11 Uhr

Papa, darf ich dein Handy haben? Diese Frage hören viele Eltern mehrmals täglich. Und die Antwort "Ja!“ sorgt zunächst für Ruhe und Frieden, aber langfristig zu Problemen. Dabei kommt es nicht nur darauf an, wie lange die Jüngsten der Familie an Smartphone und Co. sitzen, sondern auch, was sie darauf anschauen.

Bekommen Kinder ein Smartphone oder ein Tablet in die Hand gedrückt, wird ihre oft unbändige Energie erst einmal vom Bildschirm gefesselt. Doch wie wirkt sich diese elektronische Aufmerksamkeitsfessel langfristig aus? Dass elektronische Medien nicht unbedingt gesund sind, mindestens die Konzentrationsfähigkeit leidet, weiß man allgemein, wenn man Handy spielende Kinder beobachtet.

Haiwa Wang, ihr Kollege Jin Zhao und das Team der Shanghai Jiao Tong University in China haben sich nun aber eine deutlich umfangreichere Untersuchung vorgenommen. Sie rekonstruierten die Wirkung der Bildschirmzeit auf über 10.000 Kinder im Verlauf mehrerer Jahre. Eines vorab: Nicht jede Handynutzung schneidet gleich schlecht ab.

Kinder und Handys: Forscher untersuchten Bildschirmzeiten und Inhalte

Das Team wertete Daten von 15.965 Kindergartenkindern im Alter von drei bis sechs Jahren aus der Shanghai Children’s Health, Education and Lifestyle Evaluation–Preschool-Studie aus. Die kleinen Teilnehmer wurden von 2016 bis 2019 in drei Wellen getestet: mit drei bis vier Jahren, mit vier bis fünf Jahren und mit fünf bis sechs Jahren. Ziel der Untersuchung war es herauszufinden, welchen Einfluss sowohl die Bildschirmnutzungszeit als auch die dargebotenen Inhalte auf die psychische Gesundheit der Kinder hat.

Betrachtet wurden dabei neben der Dauer der Bildschirmzeit auch eine große Bandbreite der Mediennutzung: Bildungsprogramme, Unterhaltungsprogramme, Inhalte für Erwachsene, elektronische Spiele und soziale Medien. Die Eltern füllten Fragebögen zu Stärken und Schwächen ihre Töchter und Söhne aus und über die Schwierigkeiten, die ihnen auffielen.

Kinder und Smartphones: Mehr Bildungsprogramm, weniger Schaden

Die Forschenden konnten durchgehend einen Zusammenhang zwischen Mediennutzung und dem Auftreten von psychischen Problemen feststellen: Je mehr Zeit die Kinder an Handy, Tablet und Konsole verbrachten, desto mehr Auffälligkeiten wie zum Beispiel Konzentrationsschwäche oder Schlafstörungen zeigten sie.

Allerdings variierte die Häufigkeit der Symptome abhängig von den konsumierten Inhalten. Kinder, die mehr altersgerechte Bildungsinhalte anschauten, zeigten weniger Auffälligkeiten.

Offizielle Leitlinie in Deutschland: Kinder unter drei Jahren sollten überhaupt nicht ans Handy

Weniger ist mehr: Das ist nicht nur die Schlussfolgerung der Forschenden, sondern inzwischen in Deutschland auch in einer neuen ärztlichen Richtlinie verankert. In dieser sogenannten S2k-Leitlinie kommen Experten überein, dass Kinder unter drei Jahren gar keine Bildschirmzeit eingeräumt bekommen. Kinder ab drei Jahren hingegen sollen maximal 30 Minuten am Tag elektronische Medien nutzen. Diese Beschränkung soll negative Folgen für die Entwicklung oder gar psychische und andere Gesundheitsschäden vermeiden.

Schäden könnten in Schlafstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten bestehen, auch Empathieverlust, schlechte Schulleistungen und Computerspielsucht treten auf, so das Bündnis von Fachgesellschaften unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ).

Das sind die wichtigsten Empfehlungen für die Bildschirmzeit von Kindern * unter drei Jahren: keine Bildschirmzeit
* von drei bis sechs Jahren: max. 30 Minuten pro Tag
* von sechs bis neun Jahren: max. 45 Minuten pro Tag
* eigene Konsole: nicht vor dem neunten Lebensjahr

Für Schulkinder empfiehlt die Kommission eine klare Trennung von Mediennutzung für Hausaufgaben und im Unterricht gegenüber der Freizeit. Die maximal 45 Minuten pro Tag beziehen sich also auf die reine Freizeitnutzung.

Warum Eltern gegen die "elektronische Nanny" arbeiten sollten

Beschränkungen sind aus Sicht der Leitlinien-Autoren wichtig, weil in der Zeit, die Kinder und Jugendliche am Bildschirm verbringen, das reale Leben an ihnen vorbeizieht, genauso wie das reale Miteinander. Beides sind jedoch Entwicklungsmotoren, ganz besonders für jüngere Kinder.

Tag für Tag gegen die "elektronische Nanny" zu bestehen, ist eine Herausforderung. Doch die Auseinandersetzung darüber signalisiert auch immer: "Du bist mir wichtig." Mit diesen Tipps der Experten kann es gelingen, die Mediennutzung zu regulieren, ohne den Familienfrieden dauerhaft zu gefährden:

Tipps * Klare Regeln, wie: nicht beim Essen. Feste Zeiten vereinbaren.
* Medien nie zur Belohnung oder zum Trösten einsetzen
* Interesse zeigen: Die Medien nicht verdammen, sondern sich mit den Inhalten befassen, die die Kinder interessieren.
* Anzeichen der Sucht: Rückzug, Gereiztheit, Desinteresse

1 Kommentar

goffman vor 18 Wochen

Wenn selbst altersgerechte Bildungsinhalte lediglich zu weniger Auffälligkeiten führen, dann scheint mir eine reine Betrachtung der Freizeitnutzung zu wenig zu sein. Dann muss eigentlich auch die schulische Nutzung von elektronischen Medien hinterfragt werden.

Medienbildung und Informatik sind zweifelsohne extrem wichtig. Ob Medien zur Vermittlung schulischer Bildung auch in anderen Fächern sinnvoll sind, z.B. durch Präsentationen an Whiteboards oder das generelle Arbeiten an Tablets, muss mit einem großen Fragezeichen versehen werden.

Auch der SWR titelt: „Schweden: Viele Schulen kehren zurück zu Heft und Buch“.

Digitalisierung in der Verwaltung ist gut, ebenso wie die Möglichkeit, bei Verständnisfragen digital außerhalb des Unterrichts nachfragen zu können.
Wir brauchen aber trotzdem eine Diskussion darüber, was wir unter Digitalisierung im Schulsystem verstehen und Studien darüber, was sinnvoll ist und was schadet.