Faktencheck Geht uns mit erneuerbaren Energien das Licht aus?

Sitzen wir in der Zukunft im Dunkeln, wenn wir uns mit erneuerbaren Energien versorgen wollen, aber die Sonne nicht scheint und kein Wind weht? Die Kritiker der Energiewende prophezeien genau das. Was ist dran?

Ist die Energiewende realistisch? Kann sich Deutschland wirklich ausschließlich mit Strom aus erneuerbaren Energien versorgen? Der emeritierte Physik-Professor Sigismund Kobe von der TU Dresden ist überzeugt davon, dass die deutsche Energiewende scheitern wird. Physikalisch sei eine Stromversorgung durch erneuerbare Energien nicht möglich, da es in Deutschland zu wenig Sonne und Wind gebe und die Energiespeicher fehlen. Was ist dran?

Frage 1: Wie viel unseres Stroms kommt aktuell aus erneuerbaren Energien?

In Deutschland wurden 2018 insgesamt 595,6 Terawattstunden (brutto) Strom verbraucht. Der Bruttostromverbrauch bezeichnet den gesamten Stromverbrauch in Deutschland - egal, woher die Energie dafür stammt. Von diesen 595,6 Terawattstunden Bruttostrom wurden 226 Terawattstunden aus erneuerbaren Energien - also Solar, Wind, Wasser und Biomasse - erzeugt. Das ist ein Anteil von fast 38 Prozent. Heißt: Aktuell reicht der Strom, der durch erneuerbare Energien erzeugt wird noch nicht aus, um Deutschland komplett zu versorgen.

Frage 2: Gibt es in Deutschland genug Wind und Sonne für die Stromversorgung?

Physik-Professor Kobe sagt, dass es in Deutschland zu wenig Sonne und Wind gebe, um die Stromversorgung zu sichern. Der Deutsche Wetterdienst hat untersucht, welche Möglichkeiten es aus meteorologischer Sicht gibt, trotz der Unbeständigkeit von Sonne und Wind genug Strom zu haben. Das Ergebnis war, dass durch die Kombination von Windkraft an Land und auf See, Fotovoltaik und einen europäischen Stromverbund die Risiken durch Phasen ohne viel Sonnenschein und Wind deutlich reduziert werden können. Exemplarisch hat der DWD ausgewertet, wie oft in der Vergangenheit über einen Zeitraum von 48 Stunden in bestimmten Gebieten die mittlere Energieproduktion aus Wind und Sonne unter zehn Prozent der Dauerleistung blieb. Wenn Windkraft mit Fotovoltaik kombiniert wurde, ergaben sich im Durchschnitt nur noch zwei Fälle.

„Irgendwo in Europa weht immer Wind“

Tim Tröndle vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam hat mit Kollegen in einer Studie errechnet, dass durch ausreichende Speicherkapazitäten in Deutschland oder eine intelligente Vernetzung mit anderen europäischen Ländern immer genug Strom bereitgestellt werden könnte. "Irgendwo in Europa weht immer Wind", so Tim Tröndle. Außerdem werde bisher nur ein Bruchteil der Flächen, die in Deutschland zur Verfügung stehen für Wind- und Solaranlagen genutzt. Das ermittelte technische Potential von erneuerbaren Energien auf europäischer Ebene liegt laut der Studie bei 230.000 Terawattstunden pro Jahr. Das übersteige den jährlichen Bedarf (Stand 2017) um mehr als 70 Mal.

Frage 3: Wie könnte sich Deutschland vollständig mit Strom durch erneuerbare Energien versorgen?

In einer Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt am Institut für Technische Thermodynamik, des Instituts für Energie- und Umweltforschung und des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie wurden technisch-ökologischen Potenziale erneuerbarer Energien errechnet. Demnach schätzten die Wissenschaftler den Ertrag erneuerbarer Energien auf 705 Terawattstunden zur Stromerzeugung.

Fotovoltaikanlagen und Windkraft haben großes Potenzial

Damit die Energiewende gelingen kann, schlagen Wissenschaftler der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften acatech sowie der Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften in ihrer Stellungnahme "Energiesysteme der Zukunft" dezentrale Fotovoltaikanlagen und Offshore-Windparks vor. Ebenfalls wichtig sei der Ausbau der Übertragungs- und Verteilnetze. Hier könnten dezentrale Solaranlagen in Kombination mit Speichern und Power-to-Gas Technologien helfen. Mit Power-to-Gas Anlagen kann die gewonnene erneuerbare Energie in großer Menge gespeichert und als Gas flexibel weiterverwendet werden.

Das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme ISE hat 2012 in einer Studie errechnet, dass eine Stromversorgung in Deutschland mit 100 Prozent erneuerbaren Energien möglich ist. Dazu seien keine Importe von Energie notwendig. 46 Gigawatt Photovoltaik sind bisher installiert, das Zehnfache sei in Zukunft möglich. Trotzdem weisen die Wissenschaftler in der Studie darauf hin, dass in Hinblick auf das technische Potenzial teilweise erhebliche technische Verbesserungen und Weiterentwicklungen nötig sind.

Grafik Bruttostromerzeugung 2018.
Ein großer Teil des erzeugten Stroms in Deutschland kommt aus erneuerbaren Energien. In Zukunft soll es noch mehr werden. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Frage 4: Gibt es in Deutschland schon genug Energiespeicher?

In Deutschland gebe es nicht genug Energiespeicher, bemängelt Physik-Professor Kobe. Das stimmt, bisher gibt es noch nicht genug Energiespeicher, um Strom zum Beispiel aus Wind- und Solarkraft ausreichend zu speichern. Als Großspeicher werden in Deutschland bisher überwiegend Pumpspeicherkraftwerke eingesetzt. Die deutschen Pumpspeicherwerke können 40 Gigawattstunden Energie speichern. Zusätzlich gibt es Kapazitäten in Luxemburg, der Schweiz und Österreich, die für das deutsche Netz verfügbar sind.

Professor Kobe behauptet, die anderen Länder schlügen Profit aus der Zwischenspeicherung des Stroms durch erneuerbare Energien, der Endverbraucher leide darunter. Professor Dr. Bruno Burger ist Experte für erneuerbare Energien beim Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme ISE und widerspricht Professor Kobe vehement.

Deutscher Strom wurde schon immer in Österreich und der Schweiz zwischengespeichert. Auch in Zeiten, in denen wir noch keine erneuerbaren Energien, sondern Kernenergie hatten.

Prof. Bruno Burger, Fraunhofer ISE

Pumpspeicherkraftwerke hätten - ganz im Gegenteil - ums Überleben zu kämpfen. Burger fügt hinzu, dass für die Energiewende Batteriespeicher essenziell sind. Um uns 2050 mit Strom aus 80 Prozent erneuerbaren Energien zu versorgen, müssten Batteriespeicher bis dahin 80 Gigawattstunden Energie speichern können. Die Bundesregierung hat die Entwicklung von Speichertechnologien seit 2012 mit 200 Millionen Euro gefördert. Die Forschungen der letzten Jahre deuten darauf hin, dass stationäre Stromspeicher erst in großem Maß benötigt werden, wenn erneuerbare Energien den Strombedarf im Bereich von 80 Prozent decken.

Fazit

Deutschland könnte sich durch erneuerbare Energien komplett mit Strom versorgen. Ohne den Ausbau von Energiespeichern und eine Vernetzung innerhalb Europas geht es nicht. Und dafür muss die Politik die Weichen stellen. Im Moment, bemängeln die Wissenschaftler, gehe es noch zu langsam voran.

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