MDR KLIMA-UPDATE | 18. November 2022 Warum schnöder Mammon die Welt retten wird — und muss

Ausgabe #65 vom Freitag, 18. November 2022

Fotomontage zwei junge Männer mit Brille, einer mit schwarzem Basecap, im Hintergrund Strand
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Ältere Frau mit Sonnenbrille an E-Bike mit Rückspiegel blickt in Kamera vor Konferenzhalle mit Logo der COP27. Text auf Bild Das MDR Klima-Update
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Guten Tag zusammen!

Vielleicht sind Sie ja schon mal in den Genuss gekommen, dass man Sie hofiert hat. Zum Beispiel in der Business Class oder in einem Viersterneplus-Hotel oder in einer Privatklinik. Das dürfte daran erinnern, dass Service im seltensten Fall aus Nächstenliebe passiert, sondern dann, wenn das Girokonto ausreichend gedeckt ist.

Hoffen wir mal, dass das Girokonto der Weltgemeinschaft ausreichend gedeckt ist und sie sich gegenseitig mit klimapositivem Service hofieren kann. Die Weltklimakonferenz COP27 hat mal wieder gezeigt, dass sich der Kampf gegen den Klimawandel finanziell lohnen muss. Dass niemand auf die Idee kommt, diese Wartungsmaßnahme gegenüber unserem Lebensraum aus der einfachen Notwendigkeit der Umstände heraus anzugehen – oder sogar aus Nächstenliebe gegenüber der Erde.

Folgender Fahrplan für heute: Wir schauen mal, was der Klimawandel eigentlich kostet. Und blicken dann auf einen beträchtlichen Kostenposten, den auch Deutschland im Rahmen der zähen Verhaltung der COP27-Konferenz zur Diskussion gestellt hat. Um letztendlich einen Blick darauf zu richten, was das Zusammentreffen in Scharm El-Scheich überhaupt gebracht hat. Aber erstmal wie immer zur …


Zahl der Woche:

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… Prozent der US-Amerikaner mit starkem religiösem Glauben machen sich nur wenig Sorgen um die Klimakrise. Bei den Amerikanern mit geringer religiöser Bindung vertreten dagegen 72 Prozent die Auffassung, das erhitzende Klima sei ein ernstes Problem. Das geht aus einer Umfrage des Pew Research Centers hervor, an der über 10.000 Menschen teilgenommen haben.

Am wenigsten Sorgen machen sich demnach Evangelikale. 34 Prozent erklärten, Klimawandel sei ein extrem ernstes oder sehr ernstes Problem. 55 Prozent der "Mainline"-Protestanten, 57 Prozent der Katholiken, 68 Prozent der Mitglieder afroamerikanischer Kirchen, 72 Prozent der Gläubigen anderer Religionen und 70 Prozent der Menschen ohne Glaubenszugehörigkeit hielten Klimawandel für ein extrem ernstes oder sehr ernstes Problem.

Evangelikale Klimaskeptiker begründeten hingegen, es gebe viel größere Probleme als Klimawandel (34 Prozent), Gott kontrolliere das Klima (29 Prozent) oder Klimawandel werde die meisten Menschen nicht groß beeinträchtigen (19 Prozent). Mehr als andere Gruppen befürchteten Evangelikale, Klimavorschriften würden die persönliche Freiheit beeinträchtigen (56 Prozent). (Quelle: epd)

Wer hat so viel Pinke-Pinke …

52 Prozent der Deutschen finden, dass die Abmilderung der Klimakrise nicht der Energiesicherheit den Vorrang lassen sollte. Dass diese Mehrheitsauffassung nur hauchdünn die Nase vorne hat, belegt eben auch, dass viele Menschen es im Land ganz und gar anders sehen. Das sind die, die es gern gemütlich haben, eine zutiefst menschliche Eigenschaft. Aus Ihrer Vergangenheit werden Sie aber wissen, dass es Punkte im Leben gibt, in der ein „so wie’s mal war“ nicht mehr zur Diskussion steht.

Beim Klimawandel ist das so: Entweder er kostet viel Geld oder er kostet viel Geld (aber vielleicht beim zweiten Geld ein bisschen weniger mit ein bisschen mehr Lebensqualität). Denn wer sich fragt, wer das alles bezahlen soll (das 49-Euro-Ticket, die Subventionen für die Erneuerbaren, pipapo), muss sich auch fragen, wer das alles bezahlen soll, wenn erstmal niemand bezahlt.

Was kostet der Klimawandel?

Sie können sich denken, dass die Kosten des Klimawandels niemand, also jetzt wirklich niemand, auf Heller und Cent erörtern können wird. Aber es gibt Schätzungen: Bis zum Ende des Jahrhunderts dürften es um die 37 Prozent des Welt-BIPs sein, wenn die wirtschaftlichen Folgen mit eingerechnet werden. 2020 betrug das weltweite BIP etwa 85 Billionen US-Dollar. Würden alle Klimakosten jetzt fällig, hätte die Menschheit folglich 34,45 Billionen, ausgeschrieben: 34.450.000.000.000 US-Dollar aufwenden müssen. Das ist eine Zahl mit ziemlich vielen Nullen am Ende. 

Da gibt’s die relativ leicht zu fassenden materiellen Schäden des Klimawandels. Zum Beispiel die Flutkatastrophe vergangenes Jahr im Ahrtal. Mal von den persönlichen Tragödien abgesehen, die finanziell nicht zu reparieren sind, beläuft sich der Aufbaufonds der Bundesregierung auf dreißig Milliarden Euro (das 49-Euro-Ticket kostet Bund und Länder drei Milliarden im Jahr).

Was passiert, wenn es einem heiß wird

Das Elbehochwasser 2002 hat zehn Milliarden veranschlagt, die Hitzewelle ein Jahr später 13 Milliarden. Bei einem US-Hurrikan waren es nicht nur einmal 125 Milliarden. Das ist so viel Geld, dass die US-Volkswirtschaft die Katastrophenfolgen in Zukunft nicht mehr stemmen können wird. Auch deshalb nicht, weil Lieferketten und regionale Wirtschaft zum Erliegen kommen. Ist bei Dürre nicht anders: Nicht nur die Produktion von Mohrrüben, Rinderfutter und Biogas fällt flach, sondern auch nicht mit der Landwirtschaft verbundene Wirtschaftszweige kommen zum Erliegen. Der weltgrößte Chemiekonzern BASF konnte 2018 auf Grund von Niedrigwasser im Rhein sein Plastik-Vorprodukt nicht verschiffen. Sowas nennt man Umweltironie.

Hitze ist sowieso nicht der beste Freund einer florierenden Volkswirtschaft: Eine aktuelle Studie des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) zeigt, dass in Monaten, in denen die Durchschnittstemperatur eines Landes mindestens 30 Grad beträgt, die Exporte durchschnittlich um 3,4 Prozent sinken. Aber auch die Arbeitsleistung fällt ab, auf dem Acker sowieso, oder im hitzigen Homeoffice. Im Büro hilft vielleicht eine Klimaanlage, deren Betrieb wiederum das Firmenbudget strapaziert.

Hitze macht krank, das ist keine neue Weisheit und wird im jüngsten UN-Hitzebericht eindrucksvoll  dargelegt. Auch, dass mal wieder Frauen stärker als Männer und die Ärmeren stärker als die Wohlhabenden betroffen sind. Aber auch die Privilegierten bedienen sich in folgenschweren Klimazeiten am Gesundheitskonto der Nation - und Gesundheitsversorgung kostet Geld. Im Medizin-Fachblatt The Lancet warnten kürzlich 99 Fachleute aus über 50 Institutionen vor dem Kollabieren der Gesundheitssysteme. In Deutschland etwa könnten künftig 160 Milliarden Euro nur für die Gesundheitsfolgen durch Luftverschmutzung draufgehen.

Manchmal bekommt man aber auch was geschenkt: Ein zügiger und vollständiger Umstieg auf erneuerbare Energien bis 2050 würde statt mehr zu kosten schon mal zwölf Billionen Dollar einsparen. Investitionen könnten also vor leeren Taschen schützen. 

Ungerechtigkeit – erstmals COP-Thema

Dummerweise gehen genug Nationen auf der Erde schon mit leeren Taschen ins Rennen gegen die Klimakrise. Dem vielzitierten Missstand, dass der wirtschaftsschwache globale Süden Schäden ausbaden muss, für die er nichts kann, wurde auf der COP27 erstmals Rechnung getragen. Nachdem Dänemark mit einer symbolischen Zahlung vor ein paar Wochen den Anfang gemacht hat, gab die deutsche Entwicklungsministerin Svenja Schulze bekannt, Deutschland wolle sich für einen "globalen Schutzschirm" einsetzen. Deutschland will es gut machen, stellt ein Büro in Frankfurt und eine Anschubfinanzierung von 170 Millionen zur Verfügung. Kann aber nur funktionieren, wenn alle großen Verursachernationen mitziehen.

Ambitionierter ist noch das Versprechen von Vize EU-Kommissionspräsident Frans Timmermanns, mehr als eine Milliarde Euro bereitszustellen, um den afrikanischen Staaten bei der Anpassung an die Folgen des Klimawandels zu helfen. Gelobt wird an dem Vorhaben nicht nur die hohe Summe für die Prävention künftiger Schäden und Verluste. Sondern es soll auch mit Maßnahmen zur Vermeidung von Klimaemissionen gekoppelt werden. Also nicht nur die Folgeprobleme des Klimawandels behandeln, sondern auch zur Lösung des Kernproblems beitragen.

Die inoffizielle Konferenzvokabel des Jahres geht ebenfalls auf deutsche Bemühungen zurück – einen Klimaclub solle es geben. Kein Zeitvertreib für die Kinder aus der Nachbarschaft, sondern eine Art Handelsabkommen, das verhindern soll, dass Industrien abwandern, wenn die Klimastandards in einigen Ländern hochgesetzt werden. 

Also geht's jetzt voran?

Zum Redaktionsschluss dieses Newsletters ist die COP-27 zwar noch nicht zu Ende. Delegierte erwarten, dass bis zur letzten Minute weiter über Details des Abschlusstextes gestritten wird. Aber möglicherweise ist dieser Text auch gar nicht mehr so wichtig. "Wir haben genügend Klimaverträge. Die sind alle ausreichend ausformuliert. Jetzt geht es um das Machen", sagt Johan Rockström, Direktor des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung auf einer Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen am Freitag.

Viel wichtiger als der große Abschlusstext sind nach Auffassung der Juristin Camilla Bausch vom Ecologic Insitute sowieso die kleinen Abkommen, die am Rand geschlossen werden. So treibt Deutschland mit den G7 sogenannte "Just Energy Transition Partnerships" voran, um den Ausbau Erneuerbarer Energien überall auf der Welt zu fördern.

Klar ist, dass ein Ergebnis der COP27 sein muss, einen konkreten Mechanismus zu finden, wie die Schäden durch den Klimawandel finanziell ausgeglichen werden können. "Es ist wissenschaftlich völlig klar belegt, dass etwa 50 Prozent der enormen Schäden der gewaltigen Flutkatastrophe in Pakistan dieses Jahr auf das Konto der Effekte gehen, die die von Menschen ausgestoßenen Klimagase in der Atmosphäre haben", sagt PIK-Direktor Rockström. Damit sind vor allem langjährige Verursacherländer wie Deutschland, Europa und die USA in der Verantwortung. Pakistan selbst hat zur aktuellen Durchschnittstemperatur wenig beigetragen.

"Wir müssen da den Menschen im globalen Süden wirklich helfen, die unsere Hilfe brauchen", sagt Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Doch der globale Süden sei da nicht mehr als eine Einheit zu sehen. Längst nicht alle Länder dort benötigten diese Hilfe. "Indien ist da nicht in der gleichen Lage wie der Süd-Sudan", sagt Flasbarth. Das müsse auch berücksichtigt werden bei der Frage, wer für die Schäden bezahlen soll. "Jeder, der Teil des Problems ist, muss auch Teil der Lösung sein", so Flasbarth.

Das dürfte vor allem für China und Saudi-Arabien gelten, die noch 1992 als Entwicklungsländer eingestuft wurden, inzwischen aber globale Wirtschaftsmächte sind. China ist inzwischen der größte Verursacher von CO2-Emissionen, Saudi-Arabien als Nummer eins der Erdölförderung nach wie vor einer der größten Profiteure fossiler Brennstoffe. Beide Länder sahen sich bei dieser COP einem steigenden Druck ausgesetzt, mehr gegen den Klimawandel zu unternehmen.


🗓 Klima-Termine

19. bis 27. November – europaweit

Bei der Europäischen Woche der Abfallvermeidung steht der nachhaltige Umgang mit Ressourcen auf dem Tableau – im Rahmen einer Aktionswoche mit vielfältigen Aktionen in der europäischen Öffentlichkeit. Zum Beispiel ein Filmabend am 21.11. im krimZkramS Halle.

Eine Menge hat auch die TU Dresden geplant. Neben der Ausstellung "Plastik – und dann!" in der SLUB, gibt's das TU-Aussonderungslager zu bestaunen, eine Näh-Reparieraktion oder alte Posttaschen zum Abgreifen. Termine hier.

Die Stadtreinigung Leipzig zeigt indes am 24.11. in einem Workshop, wie ausrangierte Jeans ein zweites Leben bekommen.

Mittwoch, 30. November – online

Ein Onlinevortrag der VHS Magdeburg beschäftigt sich mit nachhaltiger Ernährung und der Frage, wie weniger Lebensmittel im Müll landen. Anmeldung hier


📰 Klimaforschung und Menschheit

Staudämme sind gar nicht so schlecht – teilweise

Das sagen Forschende der kalifornischen Standford University und stellen damit der (berechtigten) Sorge von Umweltschützenden entgegen, dass Staudämme künftig im Bereich Nutzpflanzenbewässerung eine Rolle spielen können. Sie untersuchten, wie viel Wasserspeicherung erforderlich wäre, um die Bewässerung von Nutzpflanzen zu maximieren, ohne die Wasservorräte zu erschöpfen. Mit Hilfe von Staudämmen lassen sich mehr als fünfzig Prozent des für eine solche Bewässerung benötigten Wassers speichern. Das sei jedoch wirklich nur ein Teil der Lösung – Alternativen zu Dämmen müssten stets geprüft werden.

Knappe Kiste: Mehr Klimaschutz im EU-Haushalt

Kurz vor Mitternacht zum Dienstag stand die Einigung, dass im Staatenbund 2023 mehr als 186 Milliarden Euro zur Krisenbewältigung eingesetzt werden können – namentlich Ukraine- und Klima- und Coronakrise. Ohne Einigung vor Mitternacht hätte die EU-Kommission erstmal einen neuen Budget-Vorschlag vorlegen müssen. Infos bei der taz

"Letzte Generation" kein Fall für Verfassungschutz

Verfassungsschutz-Präsident Thomas Haldenwang sieht in der als "Klima-RAF" diskreditierten Aktionsgruppe keinen Fall für seine Behörde: "Ich erkenne jedenfalls gegenwärtig nicht, dass sich diese Gruppierung gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung richtet, und insofern ist das kein Beobachtungsobjekt für den Verfassungsschutz", sagte er bei einer SWR-Veranstaltung. Kritik übte er gegenüber CDU-Landesgruppenchef Dobrindt: "Wenn ich diese Bemerkung von Herrn Dobrindt höre, kann ich nur sagen, aus meiner fachlichen Perspektive: Ich nenne das Nonsens." Das Begehen von Straftaten mache nicht extremistisch. Infos bei ntv.

Und hier erklärt Ihnen Inka Zimmermann, warum wir nicht von einer Radikalisierung sprechen sollten.

Tempolimit in Evangelischer Kirche

In der vergangenen Woche hat die Evangelische Kirche Deutschland auf ihrer Synode in Magdeburg ein Tempolimit für Dienstfahren beschlossen. Mitarbeitende sollen auf Autobahnen 100 und auf Landstraßen 80 Kilometer pro Stunde nicht überschreiten. Die EKD möchte so einen Beitrag zum Klimaschutz leisten und Sprit einsparen. Details beim Kölner Stadtanzeiger


📻 Klima in MDR und ARD

👋 Zum Schluss

Sie haben’s wahrscheinlich eh schon mitbekommen: Der Treppenwitz der COP27 schlechthin war, dass sich der Brausekonzern Coca-Cola als ein Hauptsponsor der Veranstaltung zeigte. Jener Konzern, der die Welt zuverlässig mit ordentlich Zucker und ordentlich Plastik beliefert. Und nebenbei auch mal für Wassermangel sorgt. Apropos: Den gab es auch auf dem Konferenzgelände – die Wasserspender waren ständig leer. Ausgerechnet in der Wüste. Die Sandwichpreise lagen so hoch, dass sich die Konferenzteilnehmenden in den (staatlich angeordnet) überteuerten Hotels wohl heimlich eine Brotzeit zum Mitnehmen schmierten, zumindest bis an den Imbissständen nach unten justiert wurde.

Dass zehn Euro für ein Käsebrot – auch ein großes – selbst in unserer wohlhabenden Bundesrepublik für Schnappatmung sorgt, lässt nur erahnen, wie es Delegierten aus jenen Ländern ergangen sein mag, die zwar im Fokus der diesjährigen Konferenz standen, aber noch mal ein ganz anderes Preisniveau gewohnt sind.

Besser Betuchte reisten indes mit einem der zahlreichen Privatjets an, für die der örtliche Flughafen extra ausgebaut wurde. Ein richtig schöner Aufreger, nicht nur für Klimaschützende, sondern auch für Zweifelnde am Klimawandel. Also vielleicht doch besser Nachsicht. (Und auf eine 72-Jährige Kasslerin blicken, die mit ihrem E-Bike von Schweden aus zur Konferenz geradelt ist, siehe Titelbild.) Wir brauchen die COP mit ihren Ecken und Kanten. Und wenn uns das Geld schon in die Krise getrieben hat, dann muss es uns auch dort wieder rausholen. So zumindest der Tenor dieser Tage.

Passen Sie auf sich und die Welt auf.

Herzlich
Florian Zinner und Clemens Haug

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Schreiben Sie uns an klima@mdr.de.

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