MDR KLIMA-UPDATE | 08. Juli 2022 Die Straßenbäume brauchen unsere Hilfe!

Autorenfoto von Clemens Haug
Bildrechte: Tobias Thiergen/MDR

Seit März regnet es kaum noch in Mitteldeutschland, darunter leiden die Bäume entlang der städtischen Straßen besonders. Stellen Sie Regentonnen im Hinterhof auf und organisieren Sie Gießgemeinschaften!

Junge Straßenbäume zeigen wegen der großen Trockenheit bereits Anfang Juli welkes Laub.
Bildrechte: MDR Wissen

Liebe Lesende,

Pandemie, Ukraine-Krieg, Energiekrise – gefühlt gibt es immer irgendein kurzfristig wichtigeres Thema als die Lösung der Klimakrise. Zugleich werden die Folgen der Erd-Uberhitzung immer dramatischer, Stichwort Waldbrände, Dürren und dieses Jahr vor allem andernorts hereinbrechende Überschwemmungen.

Wer sich über längere Zeit auf Klima-Nachrichten konzentriert – so wie wir in der Redaktion dieses Newsletters – stellt aber fest, dass sich hier kontinuierlich etwas tut, im Guten wie leider auch im Schlechten. Diese Woche hätte ich den Newsletter allein mit Nachrichten füllen können, so viele neue Erkenntnisse haben Forschende in neuen Aufsätzen mitgeteilt. 

Ich habe mich auf die wichtigsten News beschränkt, um Ihnen einen kompakten Überblick zu bieten. In der Rubrik "Klimawandel und Menschheit" finden sie unter anderem eine kurze Übersicht zur Entscheidung des EU-Parlaments, auch Gas- und Atomkraftwerke als nachhaltig einzustufen, und Sie erfahren, wie konservative Richter in den USA der Regierung erneut Steine in den Weg gelegt haben, den Energiesektor des Landes von fossilen Brennstoffen weg zu lenken.

Im Thema der Woche ist Ihre Hilfe gefragt. Während lang anhaltender Hitzewellen wie jetzt im Juni kühlen Straßen-Bäume unsere Städte. Allerdings leiden sie unter der Trockenheit. Die Städte schicken vielerorts Tankwagen herum, um einige Bäume zu gießen. Doch oft sind die Behörden mit der schieren Menge hilfsbedürftiger Bäume überfordert. Hier kommen Sie ins Spiel: Wie Sie den Bäumen helfen können und was Sie beachten sollten, erfahren Sie gleich. Zunächst zur:

[#] Zahl der Woche

17.173

… so viele E-Autos sind inzwischen in Thüringen zugelassen. Laut der Thüringer Energie und Greentech Agentur gibt es insgesamt 1.108 öffentliche Ladepunkte für die Fahrzeuge. Die meisten Autos sind in Erfurt unterwegs, dort sind insgesamt 2.172 E-Autos zugelassen.

Infografik, die für die Thüringer Landkreise die Zahl zugelassener E-Autos zeigt und die Zahl der öffentlichen Ladepunkte für diese Fahrzeuge.
Bildrechte: Thega

Welche Hilfe unsere Straßenbäume brauchen

Der lang ersehnte Regen am gestrigen Donnerstag dürfte kaum ausgereicht haben: Wie in den Dürre-Sommern 2018 und 2019 leiden Bäume auch dieses Jahr wieder unter der monatelang anhaltenden Trockenheit. Für Sachsens Wälder zeigt die neue "Bodenfeuchte-Ampel" der TU Dresden, wie ausgedörrt die meisten Forst-Standorte im Flachland sind. Berliner Behörden haben eine ähnliche Ampel für einzelne Standorte in der Großstadt eingerichtet. Beide Ampeln stehen derzeit auf tiefrot.

Wie schlecht es den Straßen-Bäumen geht, dazu gibt es derzeit kaum Statistiken, weil der Zustand schwer festzustellen ist. René Rebenstorf, Umweltbürgermeister der Stadt Halle, erklärt, dass nicht alle geschädigten Bäume vertrocknete Blätter oder kahle Äste zeigen. "Sondern eine Schädigung erfolgt in erster Instanz 'nicht sichtbar' im Wurzel-Bereich, der durch fehlendes Wasser unterversorgt ist." Dieser Wurzel-Zustand lässt sich eben nicht durch Anschauen im Vorbeigehen feststellen. Die Mitarbeiter der Stadt gießen derzeit jeden Tag rund 2.200 Bäume. "Es werden beim Einsatz aller Fahrzeuge 35.000 Liter Wasser pro Tag verbraucht", sagt Renemstorf.

Summieren sich Schäden über mehrere Jahre, kann es auch sein, dass ein Baum zu schwach wird, um sich gegen Schädlinge zu wehren und schließlich krank wird. "Dass so viele Fichten von Borkenkäfern befallen wurden, wäre nicht passiert, wenn es den Bäumen gut gegangen wäre. Dann hätten sie diese Schädlinge einfach abgewehrt", sagt Sonja Knapp, Wissenschaftlerin am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ.

In der Stadt gibt es kaum Fichten, dafür andere Bäume und Baum-Krankheiten. Das sogenannte "Eschentriebsterben" etwa geht auf einen Pilz zurück. Eine Untersuchung habe diesen Pilz vor einigen Jahren bei rund 70 Prozent aller Eschen im Leipziger Stadtgebiet gefunden, sagt Knapp. Ahornbäume werden von der sogenannten "Rußrindenkrankheit" befallen, Platanen bekommen Massaria.

Schon die Ausgangs-Bedingungen sind schwierig für Straßen-Bäume: Asphaltdecken und Gehweg-Platten versiegeln den Boden um die Bäume herum. Diese Oberflächen heizen sich in der Sonne stark auf, erwärmen den Boden und sorgen dafür, dass Bäume mehr Wasser verdunsten müssen, um sich zu kühlen. Bei Regen wiederum nehmen die Böden weniger Wasser auf und gleichen das Feuchte-Defizit viel langsamer aus.

Trockene Böden werden hart und dicht, weshalb sie zunächst weniger Wasser aufnehmen können. Da Bäume ihre Wurzeln aber tief im Boden haben, muss dieser zunächst richtig durchtränkt werden mit Wasser, bevor die Wurzeln überhaupt an Flüssigkeit gelangen.

Wollen Bürgerinnen und Bürger helfen, raten ihnen Naturschützerinnen wie Antje Osterland vom Leipziger Umweltbund Ökolöwe deshalb dazu, Bäume möglichst konzentriert zu gießen. "Lieber jede zweite Woche viel gießen, als zwei- oder dreimal die Woche nur eine Gießkanne voll", sagt Osterland. "Je nach Baum-Art und -Größe sollten es alle zwei Wochen acht bis zehn Gießkannen, also 80 bis100 Liter Wasser sein." Da auch Trinkwasser wertvoll und knapp sei, sollten engagierte Bürger am besten eigene Regentonnen im Hinterhof aufstellen. "Regentonnen mit großem Fassungsvermögen ab etwa 1.000 Litern sind eine sinnvolle Anschaffung für jeden Hinterhof." Hausverwaltungen sollten dann dafür gewonnen werden, Regen-Fallrohre von den Dächern so zu modifizieren, dass Niederschläge in den Tonnen gesammelt werden können.

Eine Grafik, auf der eine städtische Rasenfläche mit mehreren Bäumem zu sehen ist, die eine gelbe Farbe angenommen haben. Eine Passantin gießt einen Baum.
Bildrechte: MDR WISSEN

Langfristig müssen sich aber vor allem die Grünflächenämter der Kommunen Strategien überlegen, wie sie den Stadt-Bäumen bei der Anpassung an Trockenheit und Hitze helfen können. Eine Möglichkeit ist, vor der Neupflanzung von Bäumen sogenannte Rigolen in den Pflanz-Gruben anzulegen. Das sind Wannen, die Wasser halten und das Versickern in tiefere Schichten verhindern. Sie können als Reservoir fungieren für Bäume, die ihre Wurzeln in diese Wannen austrecken. 

Außerdem achten Ämter verstärkt auf die Wahl der richtigen Baum-Arten. In Leipzig, wo in den vergangenen beiden Jahren rund 3.400 Bäume wegen unheilbarer Schäden gefällt werden mussten, setzt Rüdiger Dittmar, Leiter des Amts für Stadtgrün und Gewässer, nun auf Baum-Arten, die sich den Bedingungen des Klimawandels in kleinem Umfang anpassen können. "Beispielsweise besitzen Silberlinden auf der Blatt-Unterseite eine weißlich-filzige Behaarung, die an heißen und trockenen Tagen zur Sonne gedreht wird und so als Verdunstungs-Schutz fungiert. Dies ist derzeit im gesamten Stadtgebiet an den Silberlinden zu beobachten", sagt Dittmar. Aber natürlich kommen gerade neu gepflanzte Bäume nicht ohne Unterstützung aus, weshalb auch hier gerade Jung-Bäume derzeit kräftig gegossen werden müssen. 

Weiterführende Informationen:

🗓 Klimatermine

19. JULI BIS 3. AUGUST, PODELWITZ (RACKWITZ)

Klima-Camp Leipziger Land: Klimaaktivisten treffen sich für zwei Wochen zu einem Planungs- und Aktions-Camp in der Braunkohle-Region Mitteldeutschland. Neben inhaltlichen Diskussionen dürften von dem Camp erneut auch Protestaktionen gegen den nahen Braunkohletagebau ausgehen. Außerdem rufen die Organisatoren zu Protest gegen den weiteren Ausbau des Leipziger Flughafens auf.

📰 Klimaforschung und Menschheit

EU STUFT ATOM- UND GASKRAFTWERKE ALS GRÜN EIN

Das EU-Parlament hat am Mittwoch dafür gestimmt, Gas- und Atomkraftwerke unter bestimmten Bedingungen als ökologisch nachhaltige Technologien zu klassifizieren. Die sogenannte Taxonomie soll für Investoren Klarheit schaffen, welche Technologien von der Politik als sinnvoll für den Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft zur Klimaneutralität betrachtet werden. Vertreter von Verbänden, die sich für Umwelt- und Naturschutz sowie die Energiewende einsetzen, kritisierten die Entscheidung heftig. "Mit der Deklarierung von Atomkraftwerken als nachhaltig, ist die Glaubwürdigkeit der Taxonomie als Nachhaltigkeits-Standard stark beschädigt", sagte Jan Peter Schemmel vom Öko-Institut. Der Sprecher der Geschäftsführung des Think Tanks hält es zugleich aber für unwahrscheinlich, dass diese Einstufung die Investitionen in Atomkraftwerke erhöhe. Ihre Stromproduktion sei im Vergleich mit erneuerbaren Energien unrentabel. Erik Gawel, Professor am Umweltforschungszentrum UFZ glaubt, dass der Haupt-Schaden bei der Taxonomie selbst liege. "Wegen der offensichtlichen Probleme einer grünen Etikettierung nicht zukunftsfähiger Energieerzeugungs-Formen wird die EU-Taxonomie für viele Investoren keine beziehungsweise nur noch teilweise Richtschnur sein können."  

FORSCHER ENTDECKT RIESIGES OZONLOCH ÜBER DEN TROPEN

In der Stratosphäre, also den hohen Gas-Schichten oberhalb von zwölf Kilometern über dem Boden, klafft ein gewaltiges Loch: Der kanadische Forscher Qing-Bin Lu von der Universität Waterloo hat bei der Auswertung umfangreicher Daten von Satelliten und Boden-Messstationen ein Ozonloch von der siebenfachen Größe desjenigen festgestellt, das bisher über den Polen, vor allem über dem Südpol beschrieben wurde. Das jetzt entdeckte Loch befindet sich zwischen 30 Grad nördlicher und 30 Grad südlicher Breite, also über dem Äquator, beziehungsweise den Tropen. Da in diesen Breiten etwa die Hälfte der Weltbevölkerung lebe, seien die Effekte auf die Menschheit enorm. Da es sich beim Auf- und Abbau der Ozonschicht um einen dynamischen Prozess handelt, der nicht leicht zu messen ist, hätten vorangegangene Forscherteams ihre Daten nicht korrekt interpretiert, schreibt Studienautor Lu. Deshalb seien viele Wissenschaftler von der jetzigen Entdeckung sehr überrascht. 

HITZEWELLEN IM NORDPAZIFIK DURCH CO2-AUSSTOSS 

Im Sommer 2021 maßen Wetterstationen im kanadischen Bundesstaat British Columbia Temperaturen von fast 50 Grad Celsius, Rekord in einer Region, die an den Nordpolarkreis angrenzt, aber inzwischen keine Seltenheit mehr. Die Ursache dieser Hitzewelle liegt in der Bildung einer Heißwasser-Blase im Nordpazifik, bei der die Wassertemperatur um bis zu sechs Grad über dem langjährigen Durchschnitt liegt. Seit dem Jahr 2000 haben sich solche Blobs insgesamt 31 Mal gebildet. In den 20 Jahren zuvor trat das Ereignis nur neun Mal auf. Ein Team der Uni Hamburg hat jetzt festgestellt: Der menschgemachte Klimawandel ist mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent die Ursache für die Zunahme. Die extreme Hitze an Land ist dabei nur die eine Seite des Problems. Die andere ist, dass viele Kälte liebende Tiere, darunter zehntausende Wale, Seevögel und Robben, durch die hohen Temperaturen gestorben sind.

OBERSTER US-GERICHTSHOF SCHRÄNKT UMWELTBEHÖRDE EPA IM KAMPF GEGEN DEN KLIMAWANDEL DEUTLICH EIN

Die konservative Richter-Mehrheit am US-Supreme-Court hat der US-Umweltbehörde EPA verboten, durch neue Verordnungen den Energiesektor des Landes in Richtung Energiewende zu steuern. Die sechs Richter urteilten, die EPA dürfe lediglich die vom US-Kongress vorgegebenen Ziele des Clean-Air-Acts durchsetzen. Über weitergehende Maßnahmen dürfe ausschließlich das Parlament entscheiden. Die Richter-Entscheidung ist nach der Abschaffung des landesweiten Rechts auf Abtreibungen die zweite, die jahrzehntelange Folgen haben dürfte. Sie könnte es der Regierung von Präsident Biden erheblich erschweren, die von den USA im Pariser Klimaschutzabkommen zugesagten Ziele umzusetzen. Drei der neun Richter hatte Präsident Trump während seiner Regierungszeit neu besetzt. Die Richter werden auf Lebenszeit ernannt.

KLIMAWANDEL IN CHINA: HITZEWELLE UND FLUTEN RICHTEN GEWALTIGE SCHÄDEN AN 

China erlebt derzeit heftige Auswirkungen des Klimawandels, die innerhalb des riesigen Landes mitunter entgegengesetzte Formen annehmen: Während im Süden des Landes Metropolen und ganze Regionen nach lang anhaltenden Regenfällen überflutet werden, leidet der Westen unter einer trockenen Hitzewelle. Eine Diskussion über den Klimawandel wird derzeit dennoch nicht geführt. Allerdings investiert das Land mehr in den Aufbau erneuerbarer Energien wie Wind- und Solarkraftwerke als die EU und die USA zusammen.

📻 Klima im MDR

👋 Zum Schluss

Falls Sie sich wundern, dass wir diese Woche nur einen einzigen Klima-Termin in unserem Kalender haben, noch dazu einen, der erst in der übernächsten Woche beginnt: Bei Klimaforschern und Aktivisten hat bereits die Sommerpause begonnen. Wenn Sie in den kommenden Wochen nach Gelegenheiten suchen, sich mit dem Klima zu beschäftigen, werden Sie selbst aktiv. Gründen Sie eine Gieß-Gemeinschaft oder übernehmen Sie eine Baum-Patenschaft.

Und wenn Ihre Neugierde nicht gestillt ist: Verfolgen Sie unsere Klima-Nachrichten auf MDR WISSEN. Dieser Newsletter macht keine Pause. 😇

Herzlichst
Ihr Clemens Haug