MDR KLIMA-UPDATE | 26. August 2022 9-Euro-Ticket: Experiment beendet

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
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Das 9-Euro-Ticket sollte die Pendler im ÖPNV entlasten. Im Sommer hat es zu überfüllten Zügen geführt und ist ein Groß-Experiment für unsere Mobilität geworden. Forscher sammeln fleißig Daten. Trotzdem sind manche Schlussfolgerungen nicht neu.

Grafik: MDR Klima Update
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Einen schönen guten Tag!

Die Sommerferien gehen zu Ende. Und damit endet am 31. August auch Deutschlands größtes Verkehrsexperiment: sas 9-Euro-Ticket. Als Wissenschaftsfans sind wir natürlich auch Fans von Experimenten.

Zwei Erkenntnisse aus dem 9-Euro-Ticket:

  • Das Klima retten wir so wohl noch nicht und
  • vieles hatten Expertinnen und Experten auch schon vor dem Experiment gesagt.

Einmal mehr lässt sich also feststellen: Nur weil wir von etwas wissen, heißt das nicht, dass wir unser Wissen auch konsequent nutzen und entsprechend handeln.

Das zeigt sich nicht nur beim 9-Euro-Ticket, sondern auch bei den Windkraftanlagen. Um beides soll es heute gehen.

[#] Zahl der Woche

3.556%

… so viele Gigawatt Nennleistung von Photvoltaik-Anlagen wurden im ersten Halbjahr 2022 neugebaut. Ein Rekordwert.

Jetzt erst recht, hieß es nach dem russischen Angriff auf die Ukraine: Anfang April hat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/Grüne) sein so genanntes Osterpaket vorgestellt. Ziel: Schnell mehr Wind- und Solarenergie-Anlagen bauen.

Meine Kollegen von MDR WISSEN haben sich jetzt angeschaut, wie viel vom Ausbau von Solar- und Windenergie schon zu spüren ist. Bei den Windkraftanlagen gibt es noch nicht viele Neubauten – der Neubau von Solaranlagen hat dagegen einen Rekordwert erreicht. 

[#] Zahlen aus drei Monaten 9-Euro-Ticket

  • Mehr als 38 Millionen Tickets wurden bis Anfang August verkauft,
  • die Schätzungen der eingesparten CO2-Emissionen durch das 9-Euro-Ticket gehen weit auseinander: der Verband der Verkehrsunternehmen geht von 1,8 Millionen Tonnen aus; das RWI Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung kommt auf eine Schätzung zwischen 200.000 und 670.000 Tonnen und so auf einen Wert von 3.700 bis 12.200 Euro pro vermiedener Tonne CO2,
  • der Bund überweist Ländern und Verkehrsunternehmen 2,5 Milliarden Euro, weil sie weniger oder keine Tageskarten oder Monatstickets verkauft haben und
  • der Verband der deutschen Verkehrsunternehmen hat als Nachfolge ein Monatsticket für 69 Euro vorgeschlagen.

Diesen Preis sind die Menschen wohl auch bereit zu zahlen. Das hat eine Umfrage der TU Dresden und der Uni Göttingen ergeben – darüber hatten wir bereits berichtet.

An der Online-Umfrage der Dresdner Forscher können Sie bis nächsten Mittwoch übrigens noch teilnehmen. Eine zweite Online-Umfrage zum 9-Euro-Ticket läuft noch bis Ende September. Und auch die Uni Kassel führt eine Umfrage zu dem Thema durch. Ein Zwischenergebnis aus Kassel von vor der Einführung des Tickets: Wo es einen guten ÖPNV gibt, werden auch mehr 9-Euro-Tickets gekauft. 

Schlaraffenland für Verkehrsforscherinnen und -forscher also: Sie sammeln gerade fleißig Daten – viele Erkenntnisse daraus werden uns erst nach und nach erreichen.

Ich habe in dieser Woche mit drei Experten gesprochen, um ein erstes Fazit ziehen zu können. Und ich habe gestern bei einem Online-Gespräch der Initiative "Agora Verkehrswende" zugehört. Das aufgezeichnete Video können Sie in den nächsten Tagen dort sehen.

Ein Vertreter der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) hat dort zum Beispiel berichtet, dass sein Unternehmen 1,1 Millionen Tickets neu verkauft hat und dass vor allem der Freizeitverkehr mit dem Auto zurückgegangen ist.

Eine Verkehrsforscherin des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums hat gesagt, dass 98 Prozent der Menschen das 9-Euro-Ticket kannten und dass es quer durch alle Alters- und Bildungsschichten genutzt wurde (die Pressemitteilung  zu ihren Erkenntnissen). Viele – vor allem ärmere – Menschen sind wohl zum ersten Mal mit dem Zug oder zum ersten Mal an Nord- oder Ostsee gefahren.

Allerdings würden 35 Prozent der Menschen nur mit dem Auto fahren. Jetzt sollte die Einfachheit eines solchen Tickets erhalten bleiben, finden die Experten. Der BVG-Experte sagt, es müssten politische Ziele definiert werden: den Autoverkehr halbieren, könne so ein Ziel sein.

Erst dann solle man darüber reden, was wir bereit sind, dafür auszugeben. Ich glaube, er findet ein 29- oder 31-Euro-Ticket charmant – er sagte jedenfalls, kommunikativ ist das besser als ein 365-Euro-Ticket. Das ist zwar rechnerisch dasselbe, aber 365 Euro klingen eben teurer als 29 Euro.

Eine weitere Runde hat "Agora Verkehrswende" für den 29. September organisiert, dann gibt es sicher noch mehr Erkenntnisse.

Experiment geglückt?

Eine experimentelle Sonderauswertung anhand von Mobilfunkdaten des Statistisches Bundesamtes hat ergeben: Bahnreisen haben vor allem in ländlichen und touristischen Gebieten deutlich zugenommen: Sie sind dort im Juni und Juli im Vergleich zu 2019 um 80 Prozent gestiegen

Wenn Sie Spaß an Daten und Landkarten haben: Bei den amtlichen Statistikern können Sie einen Landkreis auswählen und auf einer Karte wird ihnen dann die Zu- oder Abnahme der Mobilität angezeigt. 

Porträt einer Frau mit dunkelblonden Haaren in schwarzem T-Shirt
Friederike Pfeiffer (IKEM): ÖPNV wird genutzt, wenn er günstig ist und Kraftstoffpreise hoch sind Bildrechte: Pfeifer/Susanna Fischer

Welchen Schluss ziehen nun die Experten, mit denen ich direkt gesprochen habe?

  • Jan Christian Schlüter von der TU Dresden: "Das 9-Euro-Ticket zeigt: Es gibt mehr Menschen, die den ÖPNV nutzen würden. Es ist Aufgabe der Politik, das zu lösen."
  • Friederike Pfeifer vom Institut für Klimaschutz, Energie und Mobilität (IKEM): "Es zeigt sich, dass der ÖPNV genutzt wird, wenn die Kraftstoffkosten steigen und die ÖPNV-Kosten sinken. So wird der ÖPNV deutlich angenommen – ein ganz starkes Signal, um den ÖPNV zum Rückgrat einer anderen Mobilität zu machen."
  • Jürgen Gies vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu): "Es war eine Werbeaktion für den ÖPNV. Bei den realen Nachfrageeffekt sind die Daten immer noch relativ unklar. Da müssen wir warten, inwieweit zum Beispiel ÖPNV-Fahrten den privaten Pkw ersetzt haben oder viele neue Fahrten dazu kamen."

Mit Friederike Pfeifer und Jürgen Gies hatte ich im April – vor dem Start des 9-Euro-Tickets – schon einmal für MDR WISSEN gesprochen.

Alle drei finden es toll, dass über den ÖPNV diskutiert wird. Verkehrsforscher Schlüter sagt zum Beispiel: "Die letzten 40 Jahre war ÖPNV nicht sexy. Seit der Wiedervereinigung haben wir im Wesentlichen viel zurückgebaut." ÖPNV sei vielleicht im Gemeinderat diskutiert worden. "Aber es gab nie Demonstrationen, Bürgerinitiativen oder Plakate 'Wir wollen einen Bus'. Es war nicht so bedeutsam. Und deswegen hat die Politik das auch links liegen lassen."

Unser echtes dreimonatiges Groß-Experiment bestätigt viele Theorien zum ÖPNV: "Eine starke Verkehrsverlagerung zum ÖPNV ist nicht ohne Angebotsausbau möglich", sagt Jürgen Gies schon immer – auf diese Erkenntnis sind im Groß-Experiment die Menschen in den überfüllten Zügen auch gekommen: "Warum hängen die nicht noch Waggons dran?", "Warum fährt nicht in einer halben Stunde noch ein Zug an die Ostsee?"

Friederike Pfeifer sagt, das 9-Euro-Ticket-Experiment hätte gezeigt, wie und wo der ÖPNV ausgebaut werden müsse. "Also genau das, was seit Jahren gefordert wird: eine Verdichtung und mehr Anbindungen für entfernt gelegenen Regionen. Spannend, in welcher Geschwindigkeit das jetzt noch einmal deutlich wurde."

Porträt eines Mannes mit kleiner Brille und blauem Hemd vor Bäumen.
Dr. Jürgen Gies (Difu): Unklar, inwieweit 9-Euro-Ticket den privaten Pkw ersetzt hat. Bildrechte: Difu/Ausserhofer

Wenn wir mehr Menschen im ÖPNV haben wollen, steht für Gies eines fest: "Wir brauchen nicht nur Pull-, sondern auch Push-Maßnahmen". Also nicht nur Menschen in den ÖPNV locken, sondern sie auch von anderen Verkehrsmittel wegdrängen.

Das ließe sich zum Beispiel erreichen, indem Subventionen abgeschafft werden, die sich schädlich auf die Umwelt oder negativ auf Deutschlands CO2-Bilanz auswirken – steuerliche Vergünstigungen für Dienstwagen zum Beispiel.

Geld spielt natürlich auch eine Rolle und klar ist: "Der ÖPNV trägt sich auch jetzt schon oft nicht selbst", sagt Schlüter von der TU Dresden. Die Frage sei deshalb, wie viel sind wir als Gesellschaft bereit, dafür auszugeben.

Pfeifer ergänzt: "Das Primat der Eigenwirtschaftlichkeit existiert nach wie vor. Ein gewisses wirtschaftliches Handeln soll angereizt werden." Das sorge aber bei Mobilitätsinnovationen immer dazu, dass als Gegenargument schnell die Wirtschaftlichkeit herangezogen wird. "Wenn man es aber ernst nimmt und eine klimaschonende Mobilität und Daseinsvorsorge gewährleisten will, dann muss vielleicht die Wirtschaftlichkeit nicht als Allererstes im Vordergrund stehen, sondern die Verfügbarkeit."

Gies sagt, die meisten Menschen fahren in der Regel in ihrem Heimatraum – deswegen sei die deutschlandweite Gültigkeit kein zwingendes Muss für ein Nachfolge-Ticket. Pfeifer meint dagegen, es müsse darüber diskutiert werden, wie sich Hartz-IV-Empfänger in Zukunft ein bundesweit gültiges Klima-Ticket leisten können. "Man darf die soziale Komponente nicht vergessen. 69 Euro für ein ÖPNV-Abo sind vielleicht nicht viel – aber für manche eben doch." Mobilität sei soziale Teilhabe. Und auch Schlüter wünscht sich mehr überregionale Tarife.

Was mich beim Groß-Experiment 9-Euro-Ticket ratlos zurück lässt: Es gibt keinen unmittelbaren Nachfolge-Tarif. Nicht finanzierbar.

🗓 Klimatermine

26. - 28. August, Berlin

Das "Climate Cultures Festival" will Klima und weltweite Kultur zusammenbringen: Klimakulturen in Film, Literatur, Debatte, Kunst und Neuer Musik. Mehr Infos hier.

27. August, Leipzig

Die erste Klimamesse "KlimaFAIR" mit Workshops, Musik und Reden. Mehr Infos hier.

28. August, Gera

Die Aktion Stadtradeln in Gera startet - eine Art Stadt-Wettbewerb, um mehr Leute aufs Rad zu bringen und für bessere Radinfrastruktur zu sorgen. In Gera haben sich mehr als 320 Menschen angemeldet. Mehr Infos hier.

29. bis 30. August, Berlin

Tage der digitalen Technologien 2022: Nachhaltigkeit digital gestalten, Fachforen, Diskussionen, Ausstellung. Mehr Infos hier.

31. August, Erfurt

Lesung „KLIMA AUSSER KONTROLLE. Fluten, Stürme, Hitze. Wie sich Deutschland schützen muss“. Wie gut ist Deutschland auf Hitze, Starkregen und steigende Meere vorbereitet: darüber haben zwei Journalistinnen ein Buch geschrieben. Mehr Infos hier.

1. September, Zwickau

Stadtradeln in Zwickau (27 Anmeldungen) Mehr Infos hier.

2. September, Jena

Stadtradeln in Jena (mehr als 310 Anmeldungen) Mehr Infos hier.

📰 Klimaforschung und Menschheit

TIERART ZIEHT IN STÄDTE

Für den Gartenschläfer, ein Verwandter des Siebenschläfers, werden Städte zu Archen. In den Mittelgebirgswäldern stirbt die Art wohl gerade aus; sie kommt derzeit überwiegend im urbanen Raum im Südwesten vor.  Ein Projekt des BUND, der Uni Gießen und der Senckenberg-Gesellschaft

SCHWEIZER GLETSCHE UM HÄLFTE ZURÜCKGEGANGEN

Mehr als 21.000 historische Fotos wurden mit aktuellem Gletscher-Wissen verglichen: Zwischen 1931 und 2016 hat sich das Volumen der Schweizer Gletscher um die Hälfte verringert. Eine Studie der ETH Zürich und der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald Schnee und Landschaft.

TEROCKWENHEITROCKENHEIT TÖTET GRAD UND VERSTÄRKT KLIMAWANDEL

Eine Studie an 100 Orten weltweit zeigt, wie Sträucher und Gräser auf Trockenheit reagieren. Dürre tötet die Pflanzen, die dann kein CO2 aus der Luft aufnehmen können: Eine selbst verstärkende Schleife im Klimawandel, denn 40 Prozent der Erdoberfläche sind von Gras- und Strauchland bedeckt. Mehr Infos bei Science (englisch).

📻 Klima im MDR

👋 Zum Schluss

In den Gesprächen mit den Forschenden zum 9-Euro-Ticket habe ich in dieser Woche den Eindruck gehabt, dass ihnen die Erkenntnisse nicht wirklich neu waren. Ich hatte mitunter das Gefühl, dass sie am politischen Willen verzweifeln, wissenschaftliche Erkenntnisse auch praktisch umzusetzen. Möglicherweise, weil zu viele administrative Entscheidungsträger Juristen und Juristinnen sind – mit wenig echter Kompetenz im jeweiligen Fachgebiet, dafür mit umso mehr Beharren, juristische Risiken zu vermeiden.

Und auch die Frage des Geldes lässt mich ratlos zurück: In den 80er Jahren hatten viele Städte einen guten ÖPNV (und Freibäder!) – wieso lässt sich das jetzt angeblich nicht mehr finanzieren? Bei einer Arbeitslosenquote von 5,4 Prozent? Wo ist das Geld?

Sie sehen und wissen: Klima ist politisch. Denn die eigentliche Frage lautet: Wie wollen wir leben, was ist uns welche Klimaschutz-Maßnahme wert, wie gestalten wir unseren Alltag, wie unsere Gesellschaft? Und da war die Menschheit in ihrer Geschichte offenbar viel experimentierfreudiger als wir bisher dachten.

Das lerne ich jedenfalls gerade in dem Buch "Anfänge – eine neue Geschichte der Menschheit" vom Anthropologen David Graeber und Archäologen David Wengrow (Buch-Besprechung bei DLF Kultur). Die Menschen haben in den vergangenen zehntausend Jahren – auch unter Sammlern und Jägern – in den buntesten Arten und Weisen zusammengelebt. Mitunter haben sie sich sogar bewusst gegen Landwirtschaft entschieden – ein phänomenaler Befund: unsere Vorfahren als politisch handelnde Subjekte!

Und ein Buch, das ich Ihnen auch ans Herz legen möchte (Sie merken, ich hatte genug Zeit im Urlaub): "Wille und Würde: Zehn Wege in eine bessere Gegenwart" von Ece Temelkuran. Die türkische Autorin schlägt vor, wie wir unsere (Klima-)Verzweiflung umlenken, Zuversicht und Trotz verbreiten und unsere Lebensfreude erhalten können. Die Kapitel heißen zum Beispiel "Genug statt weniger", "Aufmerksamkeit statt Wut", "Glaube statt Hoffnung" oder "Würde statt Stolz".

Zitat: "Jeder Status quo besitzt die magische Fähigkeit, den Massen weiszumachen, ein untergehendes System würde auch alles andere mit sich reißen." Nicht die Menschen, sondern das System ginge unter. Denn "wir Menschen sind sehr wohl in der Lage, uns mithilfe kleinster Dinge neu zu erfinden." (Buch-Besprechung bei WDR 3)

Haben Sie auch eine Buch-Empfehlungen für uns alle? Schreiben Sie gern eine E-Mail.

Ein schönes Wochenende
Alles Gute
Marcel Roth